Wo ist er denn schon wieder, der Sinn?

Sinn
Wernfried Hübschmann
16 Aug 2019
Wo ist er denn schon wieder, der Sinn? Aus maaS No. 14 SINN von Wernfried Hübschman

i-Srock

Die Frage nach dem „Sinn“, dem Sinn dessen, was uns widerfährt, dem Sinn der Ereignisse, dem Sinn des eigenen Lebens wird von immer mehr Menschen mit großer Dringlichkeit gestellt. Es tauchen auch im Geschäftsleben vermehrt Reflexionen und Impulse zu diesem Thema auf, die nach dem purpose (Unternehmenszweck) fragen, nach dem tieferen Sinn des Handelns, nach social responsibility und sustainability, also Nachhaltigkeit. Die globale ökologische Krise ist dabei nur ein Anlass unter vielen. Das virtuelle, schnelle und digitalisierte Dasein droht uns zu überfluten mit Daten und abstrakten Fakten und verschärften Herausforderungen, sodass wir untergehen würden, wenn wir nicht diesen besonderen Leuchtturm hätten: den „Sinn“, unseren Sinn. „Wenn wir nach dem Sinn des Lebens suchen, wollen wir eine Geschichte, die erklärt, worum es in Wirklichkeit geht und worin meine Rolle im kosmischen Drama besteht“, notiert Yuval Noah Harari in seinem lesenswerten Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“.

Menschen, die die Frage nach dem Sinn stellen und für sich selbst auch schlüssig beantworten können, sind nachweislich gesünder und krisenfester. „Sinn“ ist ein Baustein von Resilienz, also der Fähigkeit, in und nach Erschütterungen und Krisen zügig wieder Kraft, Klarheit und neue psychische Stabilität zu finden. Loriot hat es auf seine Weise in die trockene Formel gebracht: „Ein Leben ohne Mops ist denkbar, aber sinnlos.“ Natürlich ist Sinngebung stets subjektiv. Gleichzeitig können auch Gruppen, Familien, Firmen, Sportmannschaften etc. eine Sinngemeinschaft bilden, die sich wiederum einen konkreten Zweck, ein erstrebenswertes Ziel sucht, das als sinnvoll und sinnstiftend wahrgenommen wird, z. B. ein echtes Wir-Gefühl oder spürbarer Team-Spirit. Der Sinn besteht in der Regel in Geschichten, Narrativen und Ritualen.

maas No. 14 SINN mit Sonderteil John Strelecky

Viktor Frankl's Sinntherapie

Dieses Sinn-Ziel kann das nackte Überleben sein, um das die Insassen von KZs in der finstersten Epoche des letzten Jahrhunderts gekämpft haben. Sie wussten nicht, ob sie die Hölle des Lagers je wieder lebend verlassen würden. Der jüdische Psychologe und Philosoph Viktor E. Frankl (1905-1997) hat diese Hölle überlebt. Er machte als Insasse von vier KZs die Beobachtung, dass viele Menschen ihre Lage als aussichtslos und sinnlos erlebten und dadurch eher anfällig waren für Krankheiten, Depressionen oder ein inneres Aufgeben. Andere jedoch, die sich auch in dieser grässlichen Situation dennoch an einen Lebenssinn halten konnten, an eine religiöse Hoffnung auf ein Morgen oder auf ein Leben nach dem Tode, waren psychisch stabiler und physisch belastbarer. Oft schrieben diese Menschen ihre Gedanken auf (sofern ein Fetzen Papier aufzutreiben war), nutzten aktiv ihre Erinnerungen als Halt, spielten sogar ein Instrument, sangen Lieder oder rezitierten Gedichte. Sie verfügten über eine sinnvolle Erzählung.

Im Verständnis Frankls kann Sinn nicht vorgegeben oder verordnet werden, er kann nur vom Einzelnen „gefunden“ werden. Auf diesem Weg unterstützt die Logotherapie, die ihrerseits aufs Engste verknüpft ist mit existenzphilosophischen Grundlagen und der Frage nach dem Warum. Das griechische logos steht im Griechischen für Vernunft, für Sprache, Rede, für Sinn, für Geist und auch für Erzählung. In diesem Sinne ist das Wort logos zugleich ein Wegweiser zu einer Haltung, die uns nicht als Einzelne zurücklässt, sondern die uns als lebendes Wesen sieht unter anderen lebenden Wesen, Menschen, Tieren und Pflanzen. Diese übergreifende Gemeinschaft ist es, die trägt. Uns wird immer klarer, dass dies der tiefere Sinn ist, der uns hilft, Kraft zu schöpfen für die Prüfungen des Lebens.

Was bedeutet das für unsere Lebenspraxis?

Zunächst wird deutlich, dass es nicht genügt, in den Tag hineinzuleben. Wir suchen und brauchen Identität stiftende Antworten auf die beiden zentralen Fragen: Warum und wozu?

Das „Warum“ ist eher philosophisch gemeint und fragt nach den Grundlagen. Warum gibt es uns? Warum müssen wir sterben? Warum geschieht so viel Leid und Ungerechtigkeit? Das „Wozu“ fragt nach dem Ziel (gr. telos). Worauf steuert unser Handeln zu? Wozu tun wir, was wir tun? Was sind die Ergebnisse und Wirkungen, die wir mit unseren Handlungen erreichen (oder vermeiden) wollen?

Keine leichten Fragen. Und dennoch unausweichliche Themen, an denen wir uns nicht vorbeimogeln können. Und vermutlich hilft es zu erkennen, dass es nicht um absolute und definitive Antworten geht, sondern vielmehr darum, die Frage nach dem Sinn überhaupt und immer wieder neu zu stellen und als Teil des Alltags zu begreifen. Das Suchen nach dem Sinn dient dazu, dass Krisen und Erschütterungen nicht Lebensmut und Lebenswillen blockieren.

Bleibt die Frage: Wie finden wir Sinn?

Müssen wir ihn überhaupt suchen? Ist er immer schon da? Auf diese Fragen sind verschiedene Antworten möglich. Es mag sein, dass Menschen vorgegebene religiöse „Setzungen“ von Sinn einfach übernehmen und akzeptieren, wie das früher durch die Bindungskraft der Kirchen üblich war. Doch heutzutage, im Zeitalter eines konsequenten Individualismus, sind diese Halteseile brüchig oder vielfach gar gerissen. Wir sind auf uns selbst gestellt. Das bedeutet Freiheit und Last zugleich. Und selbst wenn wir Werte und kulturelle Standards vorfinden, werden wir sie immer erst hindurcharbeiten müssen, variieren, anpassen, entwickeln – um sie auf schöpferische Weise zu den eigenen zu machen.

Was also wirkt sinnstiftend?

Alles, was uns persönlich wichtig und wertvoll ist: unsere Familie, unsere Kinder, unsere Freunde, unsere Arbeit, unser Garten, unsere Erlebnisse …

  • Alles, womit wir uns freiwillig verbinden: eine Idee, eine Aufgabe, eine soziale (Werte)Gemeinschaft, ein Verein, ein Ehrenamt, unser Dorf vielleicht.
  • Alles, was uns mit einer höheren Sinnhaftigkeit in Beziehung setzt, also Religion im weitesten Sinne, Spiritualität, philosophische oder auch politische Ideen und Überzeugungen.
  • Und nicht zuletzt wir selbst als Projekt unseres Lebens, als Aufgabe am eigenen Ich. Dazu gehören Gesundheit, Lernen und Entwicklung, Reisen, persönliche Erinnerungen, einzelne Gegenstände, Kunst und Literatur, Kreativität, Naturerfahrung …

Sinn ist also ein Gefäß, das erst befüllt werden muss. Und es wird deutlich, dass diese Füllung die Bedingung für Er-Füllung ist, die sich als Glück und Freiheit erleben lässt und die im Kern unabhängig ist von materiellen Werten. Und vermutlich ist das Suchen wichtiger als das Finden. Oder, noch plastischer: Selbst wenn wir den Sinn aktuell nicht sehen oder finden – uns bleibt der Glaube daran, dass es ihn „trotzdem“ gibt.

Die Frage nach dem Sinn stellt sich in jeder Lebensphase neu und in neuer Gestalt. „Wer ein WARUM zu leben hat, der findet auch ein WIE“, sagt Frankl, ein Nietzsche-Wort aufgreifend. Er wiederholt diese These später immer wieder in seinen Büchern und Vorträgen mit großem Esprit und Wienerischem Charme sowie dem herrlich stimmlos gezischten „s“ bei dem Wort Sinn: „Wo ist er denn wieder, der Sinn? Hat er vielleicht Urlaub?“ Frankl zu lesen, ist zutiefst sinnvoll, belebend, beglückend und belehrend zugleich.

In dem Film „Der Sinn des Lebens“ der englischen Komikertruppe „Monty Pythons Flying Circus“ fasst eine TV-Ansagerin das Thema so zusammen: „Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn, vermeiden Sie fettes Essen, lesen Sie ein paar gute Bücher, machen Sie Spaziergänge und versuchen Sie, in Frieden und Harmonie mit Menschen jeden Glaubens und jeder Nation zu leben.“

Dem wäre, außer einem Augenzwinkern, nichts hinzuzufügen. Auch das Lachen kann sinnstiftend sein.

Auszug aus maaS No. 14 SINN.

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