Wie wir Frieden finden, wenn wir annehmen, was ist

Frieden
Andreas Knuf
27 Jan 2020
Wie wir Frieden finden, wenn wir annehmen, was ist von ANdreas Knuf aus maaS no. 11 Frieden

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Leider werden wir keinen inneren Frieden erfahren, wenn wir das Leben zwingen wollen, unseren Vorstellungen zu entsprechen, denn wir kreieren damit zwangsläufig Anstrengung, Vergleich und inneren Kampf. Sobald wir kämpfen gegen etwas, was ist, werden wir zwangsläufig unglücklich. Zufriedenheit erfahren wir erst dann, wenn das Leben so sein darf, wie es ist. Und auch Freiheit bedeutet nicht, dass alles so ist, wie wir es gerne hätten, und wir uns dadurch frei fühlen. Sondern frei sind wir dann, wenn die Dinge so sein dürfen, wie sie sind, und wir mit diesem natürlichen Fluss des Lebens mitgehen können. Veränderung geschieht nicht, wenn wir eine Krebserkrankung ignorieren oder uns einreden, dass wir durch mentale Prozesse unsere Killerzellen dermaßen mobilisieren können, dass der Krebs keine Chance hat. Dadurch entsteht nur Stress, denn das Wegdrücken von Besorgnis und Angst kostet uns sehr viel Energie. Veränderung kann dann geschehen, wenn wir uns unserem Schmerz und unserer Angst stellen.

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Unangenehme Empfindungen wahrnehmen

Aktuelle Studien zeigen, dass unangenehme Empfindungen dann abklingen, wenn wir bereit sind, sie zu fühlen. Sobald wir jedoch schmerzhafte Empfindungen ignorieren, bleiben jene Hirnareale aktiv, die für die Wahrnehmung dieser Empfindungen zuständig sind. Unser Gehirn ist quasi wie ein Wecker: Wird er gehört, können wir ihn abschalten, ignorieren wir ihn hingegen, klingelt er unentwegt weiter. Der Weg zu möglichst wenig unangenehmen Empfindungen ist daher zunächst kontraintuitiv: Wir müssen uns den unerwünschten Empfindungen zuwenden, wenn wir uns wünschen, dass sie möglichst rasch wieder abklingen. Der automatische Impuls bei unangenehmen Empfindungen ist jedoch „Nur weg davon“. Und noch eine weitere erstaunliche Erkenntnis haben aktuelle Studien für uns parat: Wenn wir das Glück suchen, werden wir nicht glücklicher, sondern ganz im Gegenteil sogar noch unglücklicher: Wer sich bemüht, glücklich zu werden, Ratgeber liest und Glücksseminare besucht, der hat ein höheres Risiko, sogar noch unglücklicher zu werden. Es ist ähnlich wie mit wahrer Kreativität. Wer unbedingt kreativ sein möchte und sich gehörig anstrengt, der wird es garantiert nicht.

Annehmen, was ist

Annahme war in wohl allen Kulturen stark mit einer spirituellen Ausrichtung verwoben. Wenn es einen Gott oder eine wie auch immer geartete Instanz gibt, die größer ist als wir selbst, dann ergibt sich die Hingabe an diese Instanz wie von selbst. Wenn eine solche Haltung in einer Religion überhaupt als Wert vermittelt wird, bemühen sich Menschen eher darum, sie zu verwirklichen. Wenn sie dazu auch noch eine sinnhafte Deutung bietet („unergründlicher Wille Gottes“) erleichtert das die Hingabe natürlich zusätzlich. Wo die spirituelle Orientierung wegbricht, da verlieren sich auch die Fähigkeiten von Annahme und Hingabe. Wenn das Individuum sein Leben selbst in die Hand nehmen muss, dann geht es um Veränderung und Gestaltung des eigenen Lebens und nicht darum, sich dem, was gegeben ist, anzuvertrauen. Annahme, Hingabe und Demut gelten längst nicht mehr als erstrebenswerte Fähigkeiten, sondern haben heute einen ziemlich miesen Ruf und werden mit Resignation oder fehlender Durchsetzungsfähigkeit gleichgesetzt. Dabei ist beispielsweise Resignation nicht die Folge von zu viel Annahme, sondern von zu wenig. Wer das Gegebene partout nicht annehmen will, wer ständig versucht das Unmögliche möglich zu machen, der wird irgendwann erschöpft resignieren, einfach weil das Unmögliche nun mal nicht erreicht werden kann. Wer hingegen zur Annahme in der Lage ist, der kann gar nicht resignieren.

Vor der Veränderung kommt die Annahme

Die gesamtkulturelle Abwertung der Annahme habe ich selbst in meiner beruflichen Profession als Psychotherapeut erfahren. In meiner ersten Therapieausbildung als Verhaltenstherapeut kam das Wort "Annahme" quasi nicht vor. Es ging immer nur um Veränderung und zwar möglichst schnell und möglichst kostengünstig. Dass vor der Veränderung zunächst die Annahme steht, hat uns jungen Psychologiestudenten in den 1980er und 1990er Jahren zunächst niemand beigebracht. Es war die Zeit der „Lösungsorientierten Kurzzeittherapie“. Es sollte endlich Schluss sein mit der Problemzentrierung der Psychotherapie und es wurde versprochen, dass sich innerhalb allerkürzester Zeit, nämlich weniger Therapiestunden, Veränderungen einstellen, die sonst selbst in langjährigen Therapien nicht erreicht werden konnten. Das ist schon eine Zeitlang her, mittlerweile wurde die fehlende Bereitschaft zur Akzeptanz als Problem erkannt. Lösungsorientierung hat längst nicht mehr den besten Ruf, weil die Fokussierung der Lösung leider oft genug mit einer Beschwichtigung und fehlenden Bereitschaft zur Anerkennung von Leid einhergeht. Sprüche wie „In jeder Krise steckt eine Chance.“ und „Sei dankbar für die Herausforderung.“ helfen niemandem, der ernsthaft leidet, und bedeutet oft nur: Lass mich in Ruhe mit deinem Leid. Doch vor einigen Jahren wurde mit den sogenannten achtsamkeits- und annahmeorientierten Therapiemethoden, die gegenwärtig so richtig in sind, eine Wende eingeläutet. Diese Ansätze verstehen viele psychische Erkrankungen wie beispielsweise Sucht oder Depression als Folge langwährender Nicht-Annahme. Wenn beispielsweise die Trauer über einen Verlust nicht gelebt wird, stellt sich irgendwann eine Depression ein. Und auch der Weg aus den psychischen Krisen wird in der Annahme gesehen: Wenn das, was ist, angenommen und gefühlt wird, dann ist Veränderung möglich.

Andreas Knuf ist Psychologischer Psychotherapeut. Er arbeitet in eigener Praxis in Konstanz am Bodensee und ist daneben in der Ausbildung von Therapeuten tätig. Sein kürzlich erschienenes Buch „Widerstand zwecklos“ (Kösel-Verlag, 16 Euro) gibt eine konkrete Hilfestellung, um den inneren Kampf gegen sich und die Realität zu beenden.

www.andreas-knuf.de

Auszug aus maaS No. 11 FRIEDEN

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