Wie funktioniert Heilung

Heilung
Dr. Rüdiger Dahlke
20 Sep 2018
Wie funktioniert Heilung? von Dr. Rüdiger Dahlke in maaS no. 10 HEILUNG

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Heilung steht zusammen mit Vorbeugung im Zentrum der Medizin als deren großer Anspruch. Leider ahnen wir nur, wie sie funktioniert. Die alte Medizin-Tradition wusste noch: Der Arzt pflegt und die Natur heilt, entsprechend dem Spruch „medicus curat, natura sanat“. Hildegard von Bingen wie auch Paracelsus glaubten, dass es immer der „Archeus“ oder innere Arzt der Patienten sei, der allein Heilung bewirken könne. Solche Demut lassen heute Mediziner als zunehmend auch Naturheilkundler vermissen.

von Dr. Rüdiger Dahlke

         Natürlich wüssten wir Ärzte immer gern, was biochemisch und physiologisch bei einer Heilung geschieht. Aber dazu müssten wir die Seele und letztlich den ganzen Menschen verstehen und erfassen, wie es das Anliegen der deutenden Medizin von "Krankheit als Symbol" ist.

Bei vielen (Psycho-)Pharmaka weiß keiner so recht, wie sie was bewirken. Werden sie trotzdem verabreicht, ist das Erfahrungsmedizin. In der Naturheilkunde gehört das meiste hierher, in der Psychotherapie fast alles. Wer weiß denn, auf welchen biochemischen Wegen Worte heilen? Aber dass sie es können, steht wohl außer Zweifel wie auch ihre Fähigkeit zu verletzen, oft tiefer als Messerstiche. Hier erscheint der Schritt von Psychotherapie zu Geistheilung klein.

In meinen nun 40 Arztjahren durfte ich viele Heilungen erleben, ohne sie wissenschaftlich verstehen zu können. Die Philosophie der „Schicksalsgesetze“, der Spielregeln des Lebens, hat mir geholfen, sie wenigstens einzuordnen.

Zurück zur Mitte finden

         Auf der Suche nach Verständnis von Heilung und nicht nur oberflächlicher Reparatur kann die alte Medizin-Tradition helfen. Das Wort Medizin zeigt mit demselben Wortstamm wie Meditation, dass es auch hier einmal darum ging, Patienten, die durch den Wind und aus der Mitte gefallen waren, in diese zurückzuführen. Heilmittel hieß früher folgerichtig re-medium („re“ = „zurück“ zur „medium“ = Mitte) und heute noch im Englischen re-medy. Auch im deutschen Heilmittel schwingt noch die Mitte mit. Wie notwendig wäre heute eine Medizin, bei der der Mensch wieder im Mitte-l-punkt steht (statt Pharma- und Geräteindustrie) und die den Anspruch hat, Menschen zurück in ihre Mitte zu bringen.

Als meditierender Arzt waren mir Medizin und Meditation immer gleichermaßen nah zum Segen der Patienten. Inzwischen belegen Studien der Psychoneuroimmunologie wie Meditation die Abwehrkraft stärkt, hohen Blutdruck und Blutzucker senkt und obendrein noch die Gehirnleistung harmonisiert.

In Medizin schwingt obendrein das rechte Maß mit, von lat. „medere“ ermessen. In früheren Zeiten ging es Ärzten folglich auch darum, ihren Patient(inn)en zu helfen, das rechte, nämlich ihr persönliches Maß, zu finden.

Aus der Placebo-Forschung und der Forderung nach Doppelblindstudien könnten wir heute die Macht der Seele und die Kraft von Ritualen wissenschaftlich ableiten. Auch wenn eine industriehörige Medizin suggeriert, Heilung käme aus Tuben, Schachteln und Geräten, weiß sie es doch selbst besser. Bei Doppelblind-Studien soll die Heilkraft des Arztes und die Selbstheilungskraft der Patient(inn)en ausgeschlossen werden. Warum eigentlich, wenn Psyche und Rituale doch angeblich gar keine Rolle spielen? Was heilt beim Placebo, wenn Ärzte und ihr Tun ausgeschlossen sind?

An dieser Stelle stünde das wichtige Thema der Heilungsrituale an, das weiter auch in modernen Praxen von großer Bedeutung ist. Bewusst eingesetzt, wären sie noch viel heilsamer.

maaS No. 10 HEILUNG

Der Körper als Bühne für geistig-seelische Themen

Rituale und vor allem die Bedeutung des seelischen Hintergrundes ist der entscheidende Fortschritt der deutenden Medizin von "Krankheit als Symbol", die davon ausgeht, dass alles körperliche Geschehen Ausdruck dahinterliegender seelischer Inhalte ist. Um diese zu ergründen, fragen wir „Was fehlt Ihnen?“ Der Patient berichtet uns, was er hat, seine Beschwerden, und wir suchen daraus das Ur- oder Lebensprinzip und dessen geistig-seelische Bedeutung. Können wir ihm dieses fehlende beziehungsweise ins Destruktive abgerutschte Prinzip in eine konstruktive Einlösung übersetzen, ist ihm sehr geholfen. Wenn er etwa seine Konflikte verdrängt und sie sich als Entzündungen im Körper austoben, ist es hilfreich, dahinter das Aggressions- (oder Mars-)Prinzip zu erkennen und dessen konstruktivere Einlösung in Gestalt von mutigen Gedanken und Entscheidungen im Bewusstsein anstelle von Entzündungen im Körper zu leben.       

Wer nur das körperliche Geschehen – etwa mittels allopathischer Medizin – zudeckt, verstärkt folglich den Druck auf seelische Problematiken. Beseitigen von Symptomen (ver)drängt diese, wie das Wort so ehrlich sagt, zur Seite, bzw. ins Unbewusste oder in den Schatten.

Solche Symptomverschiebung käme uns in anderen Bereichen, etwa der Technik, niemals in den Sinn. Bei einem aufleuchtenden Alarmlicht würde niemand einfach das Birnchen lose drehen, um seine Ruhe zu haben. Bei Kopf- und anderen Schmerzen finden andererseits immer noch viele nichts dabei, dieses Warnsignal einfach durch Schmerz­mit­tel zu blockieren. Böse formuliert bedeutet dieses Spiel: Symptome von Organ zu Organ und Patienten von Spezialist zu Spezialist zu verschieben. Aber zum Glück lassen sich immer weniger Patienten so simpel verschieben und wollen heute mehr.

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