Wer Freiheit will

Freiheit
Boris Grundl
15 Jan 2019
Wer Freiheit will, muss Verantwortung übernehmen von Boris Grundl in maaS No. 9 FREIHEIT

pixabay

Wer Freiheit will, muss Verantwortung übernehmen

Von Boris Grundl

Einige Menschen würden alles dafür geben, frei zu sein. Es gibt aber auch viele, die nicht bereit sind, den Preis für Freiheit zu bezahlen. Dieser Preis heißt Verantwortung. Verantwortung für sich selbst, das eigene Leben, das Umfeld und für andere. Nur ein verantwortungsvoller Mensch ist selbstbestimmt. Nur eine verantwortungsvolle Gesellschaft ist handlungsfähig. Meine persönliche Geschichte und mein Arbeiten als Managementtrainer haben mir gezeigt: Erst durch Verantwortung macht Freiheit wirklich Sinn. Freiheitsstreben mit mangelndem Verantwortungsgefühl führt zur Forderungstyrannei.

Verantwortung ist der Kern menschlicher Entwicklung – und damit auch von Organisationen, Familien und Kulturen. Wenn die Gesellschaft ein Motor ist, ist die Wirtschaft ihr Getriebe, Verantwortung der Treibstoff und Vertrauen das Getriebeöl. Verantwortung durchdringt unseren Alltag. In Ehestreits, in der Familie und bei der Frage, wer im Büro die Kaffeeküche aufräumt, ist sie der zentrale Punkt, um den die Emotionen kreisen.

Es geht immer um die gleiche Frage: Wer ist wem gegenüber wofür verantwortlich? Das heißt, eine Person ist für ein Objekt gegenüber einer Autorität verantwortlich. Ein Mitarbeiter für seine Aufgabe gegenüber seiner Führungskraft. Ein Unternehmen trägt Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Diese Übernahme kann aktiv oder passiv passieren. Jemand geht auf Verantwortung zu, sucht sie, übernimmt sie und liefert die gewünschten Ergebnisse. Ein anderer wartet passiv ab, bis er aufgefordert wird. Will ein Autohersteller schadstoffärmere Motoren bauen oder muss er? Will eine Partei regieren oder muss sie? Will ein Vater Unterhalt zahlen oder muss er?

maaS Themenmagazin No. 9 FREIHEIT

Verantwortung als Last?  

Warum scheuen so viele Menschen Verantwortung, empfinden sie als Last und nicht als Freiheitsinstrument? Sie verbinden das Wort mit Schwere und Pflichtgefühl. Wenn jemand sagt, „Das lag in deiner Verantwortung!“, schwingt eher das Gefühl von Schuld mit. Kaum taucht eine Herausforderung auf, sind freiwillige Retter rar gesät. „Ich bin doch nicht der Depp, der sich hier meldet und dafür geradesteht!“ Ein Grund für diese Einstellung: Viele halten sich für besser, als sie sind. Sie wollen nichts mehr werden, nicht mehr zuhören und aufnehmen, sondern lieber jetzt alles haben. Sie denken, ihnen stünde bereits mehr zu – mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Ruhm. Haben und fordern ist scheinbar leichter, als zu lernen.

Wegducker und Handheber

„Warum ist der Chef so blöd? Die Kollegen so unfreundlich? Der Kunde so anstrengend und der Arbeitsweg so lang?“ Was diese Menschen wirklich sagen, ist: „Du, Welt, bist so ungerecht zu mir. Los ändere dich, damit mein Leben besser wird. Das habe ich verdient.“ Hier zeigt sich unreife Forderungstyrannei, die nur ins Leere laufen kann. Eine Alternative wäre, selbst zur Verbesserung der Situation beizutragen. Vielleicht zu kündigen. Wer die Schuld für die eigene Unzufriedenheit bei Chef, Lehrer oder Eltern sucht, erklärt seiner Selbstverantwortung den Bankrott.

Manche Menschen ducken sich lieber weg, als die Hand zu heben. Dem Wegducker geht es scheinbar besser: keine Verpflichtung, kein Risiko und eine gemütlichere Existenz. Doch dieses Verhalten hat langfristige Folgen: Wer sich nicht zeigt, muss nicht liefern. Daher wird er nicht gefordert, seine Talente voll zu aktivieren. Der „clevere“ Wegducker endet als Opfer in Abhängigkeiten. Er wird zum Befehlsempfänger, Mitläufer und zur ohnmächtigen Marionette. Das ist das Gegenteil von Freiheit.

Der Preis der Freiheit lohnt sich

Dahinter stecken oft zwei Gründe: die Selbstwertfalle und die Selbstvertrauensfalle. Die Selbstwertfalle zeigt sich in einer Überlegenheitsillusion. Indem wir andere kleinreden, fühlen wir uns besser. Auch die Selbstvertrauensfalle sorgt dafür, dass wir nicht mehr lernen wollen. Tief im Innern vertrauen wir nicht darauf, dass wir es selbst schaffen könnten. Deswegen wollen wir jetzt schon mehr sein und mehr haben. Das ist scheinbar leichter.

Wer sich hingegen anderen zeigt, erhält Rückmeldungen vom Leben. Mit jeder Anstrengung wird ihm klarer, wo er hingehört und wo nicht. Sofern der Blick nach innen nicht fehlt. Das Lernen aus Irrtümern und Siegen macht den inneren Kompass stärker. Wo gehöre ich wirklich hin? Was ist meine Berufung? Im Duett von Reflexion und Handeln komme ich meinem wahren Kern immer näher – und damit dem Menschen, als der ich gemeint worden bin. Was zunächst scheinbar als „Idiot“ im anstrengenden Annehmen beginnt, endet in Selbstbestimmung und Freiheit.

Im Korridor bewegen

Zwischen dem Wegducker und Handheber kommt es auf das gesunde Maß an: Wer sich zu viel Verantwortung auflädt, wird durch sein Umfeld erdrückt. Wer sich zu oft versteckt, dem traut man immer weniger zu. So lange, bis das Selbstwertgefühl am Boden liegt. Um mehr Freiheit zu gewinnen, müssen Menschen also nicht mehr Verantwortung übernehmen, sondern klüger.

Etwa 50 Prozent der Verantwortung liegen im Außen und sind schwer beeinflussbar. Stimmen die Systeme nicht (Unternehmen, Familie, Schule), kann ich mit Selbstverantwortung nicht viel ausrichten. Sind die Systeme gut, doch wird zu wenig Verantwortung übernommen, läuft es ebenfalls nicht. Funktionierende Systeme sind die Treppe, Selbstverantwortung ist der Schlüssel für die Tür zum Raum der besten Ergebnisse.

Qualität der Verantwortung erkennen, verbessern …

Um seine Verantwortungsqualität zu verbessern, muss man sich selbst die richtigen Fragen stellen. Doch nur beim Weg nach innen geht es um Selbstverantwortung. „Was soll das?“ mündet schnell im Außen und im Beschweren. Mehr Niveau zeigt sich bei „Was will ich nicht?“ Mit den Fragen „Was soll ich?“ und „Was muss ich?“ beginnt es, in Richtung Reife zu „kippen“, weil wir uns unserer Verantwortung annähern. Richtig stark wird es bei der Frage „Was darf ich?“ Ein ganz anderer Tenor zieht in unser Leben ein. Es wird substanzieller. Jetzt ist der Boden bereitet für die Meisterfrage: „Wer bin ich?“ Und an der Spitze der Pyramide ist die Frage für Champions: „Für was bin ich gemeint worden?“ 

Den meisten ist das zu anstrengend. Sie wollen sich einfach nur gut fühlen, schnelle Bestätigung von außen, hoch getaktete emotionale Kicks und kurzfristige Ergebnisse. Mehr Oberfläche, weniger Tiefgang. Doch diese Höher-Schneller-Weiter-Mentalität führt in Abhängigkeit und nicht zu uns selbst. Dieses „gute“ Gefühl kommt von außen und muss daher ständig „nachgeschoben“ werden, um zu wirken. Wie eine Droge. Nur wer bei sich selbst anfängt, kann die Welt verändern und verbessern. Wie Rumi sagen würde:

„Gestern war ich klug und wollte die Welt verändern. Heute bin ich weise und möchte mich verändern.“

Der Verantwortungsindex

Um mehr Lust auf Verantwortung zu machen, gibt es den Verantwortungsindex. Mit dem kostenfreien Selbsttest auf www.verantwortungsindex.de kann jeder seine eigene Verantwortung mit dem deutschen Durchschnitt vergleichen. Der Index wird regelmäßig den gesellschaftlichen Stand zum Thema repräsentativ messen und abbilden. Um Verantwortung zu schulen, muss man sich mit ihr beschäftigen. Ein Diagnoseinstrument zur Messung der allgemeinen Verantwortung („Fokus Verantwortung“) und der Führungsverantwortung („Leadership Excellence Report“) haben wir bereits entwickelt. Lassen Sie uns gemeinsam die Verantwortungsqualität unserer Gesellschaft auf ein höheres Level bringen. Das macht Freude, ergibt Sinn und führt zu Freiheit im Denken und Handeln.

Von Boris Grundl, Management-Trainer, Unternehmer, Autor sowie Inhaber der Grundl Leadership Akademie. Er ist Gastdozent an mehreren Universitäten und erforscht das Thema Verantwortung. www.borisgrundl.de

Dieser Text ist ein Auszug aus maaS no. 9 FREIHEIT.

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