Wenn der Vater fehlt

Frauen und Männer
Jeannette Hagen
7 Jul 2016
Jeannette Hagen, Autorin des Buches "Die verletzte Tochter"

Jeannette Hagen

von Jeannette Hagen

Wenn der leibliche Vater aus dem Leben eines Mädchen oder Jungen verschwindet oder herausgedrängt wird, hinterlässt er eine Wunde, die niemand schließen kann. Manche sagen, es fühlt sich an wie eine Leerstelle, andere erzählen von einem dumpfen Schmerz oder von einer ewig dauernden Sehnsucht, endlich irgendwo anzukommen. Ich kenne meinen leiblichen Vater nicht. Er hat meine Mutter  verlassen, bevor ich geboren wurde und angeblich hat er nie versucht, Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich schreibe „angeblich“, weil ich nicht weiß, ob es nicht doch in meiner Kindheit Kontaktversuche gab. Meine Mutter leugnet es, doch sie war verletzt, von ihm betrogen, verlassen. Ich weiß nicht, was das in ihr ausgelöst hat und ob sie nicht seine eventuellen Versuche unterbunden hat. Er könnte das aufklären. Aber er will nicht mit mir sprechen.

Als ich erfuhr, dass der, den ich Papa nannte, gar nicht mein Vater war, war ich neun. Ein relativ unbeschwertes, fröhliches Mädchen. Meine Cousinen fragten mich auf einem Familienfest, ob ich wüsste, dass es eigentlich einen anderen Vater gibt. Einen echten. Sie wollten mir damit nicht wehtun. Ich glaube, sie wollten mir nur zeigen, dass sie mehr wussten als ich. Sie hatten keine Ahnung davon, was diese unbedachte Offenbarung auslöste, dass dieser Mann seit dem Tag als Phantom durch mein Leben spukt. Heute lange nicht mehr mit der Intensität, wie noch vor einigen Jahren und trotzdem präsent. Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie sehr wir selbst als Erwachsene noch mit unseren Kindheitsthemen und mit unseren Eltern oder den Generationen davor verstrickt sind. Wer glaubt, dass er sich von diesen Themen lösen kann, indem er sich einfach abkehrt oder die Dramen ignoriert, der irrt. Sie leben in uns, in jeder Zelle und sie bestimmen die Art wie wir durchs Leben gehen. Sie bestimmen, welche Menschen wir anziehen, worauf wir uns einlassen, mit wem wir Konflikte austragen.

Der Psychoanalytiker Prof. Dr. med. Horst Petri fasst das Drama im Buch „Vatersuche“ treffend in einem Satz zusammen: „Ein Vater kann endgültig verschwunden sein – die Sehnsucht nach ihm bleibt für immer bestehen.“ Oft schafft das Fehlen des Vaters eine Erfahrung, die immer wieder den Gedanken, nichts wert zu sein, produziert. Kinder haben ein natürliches Interesse an dem männlichen Wesen, das ihnen Kraft seines Samens das Leben geschenkt hat. Ein Kind will wissen, woher es kommt. Es will nicht nur von beiden Eltern geliebt werden, sondern sie auch selbst lieben dürfen. Was für ein Drama es für ein Kind bedeutet, wenn es den Vater nicht mehr lieben darf, weil die Mutter von ihm verletzt oder verlassen wurde, können wir nur verstehen, wenn wir es selbst erlebt haben. Jedes Kind ist eine Vereinigung, eine Einheit aus Mann und Frau. In jedem Kind lebt das genetische Material von Vater und Mutter und deren Ahnen. Kinder, die von Vater und Mutter geliebt werden, Kinder, die das Glück hatten, von beiden Eltern auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleitet zu werden, finden später leichter ihren Weg. Sie sind zufriedener mit sich selbst und gehen vertrauensvoller mit dem Leben und den Mitmenschen um. Nun ist eine glückliche Kindheit nicht per se  eine Garantie für ein glückliches Leben, aber eine gute Basis ist sie allemal.

Mich persönlich hat das Thema Vaterentbehrung sehr lange begleitet. Nicht nur als bereits benannte Leerstelle oder Vakuum, sondern auch ganz konkret in unterschiedlichster Symptomatik. Kinder, die ohne Vater aufwachsen, sind häufig wenig selbstbewusst und leicht manipulierbar. Das macht sie schnell zu gefundenen Fressen für Narzisten und andere Menschen, die gern Macht ausüben. So verwundert es nicht, was die Vaterforschung zeigt, nämlich dass besonders vaterlose Jungs sich häufig radikalen Gruppen anschließen. Überhaupt tragen Jungs ihren eigenen Schmerz über den Verlust eher nach außen, während Mädchen das Drama mit sich selbst ausmachen. Das kann dazu führen, dass sie sich selbst verletzten, depressiv werden oder sich – ausgelöst durch ein mangelndes Selbstwertgefühl – in Beziehungen einlassen, die ihnen nicht gut tun. Überdurchschnittlich häufig sind Frauen, die Gewalt in Beziehungen erleben, ohne Vater oder mit einem nicht wirklich präsenten Vater aufgewachsen. So wiederholt sich das Drama transgenerational.

Auch bei mir waren die Beziehungen bis zu einem gewissen Grad von der Suche nach dem unbekannten Vater geprägt. Ich hatte ihn idealisiert, gleichzeitig war er aber der Arsch, weil er meine Mutter verlassen hatte. Aus diesem Gemisch heraus entstand ein Männerbild, das es mir gar nicht ermöglichte, Beziehungen auf Augenhöhe zu führen. Erst nachdem ich mich mit Hilfe therapeutischer Begleitung davon lösen konnte, war der Weg für eine echte Partnerschaft frei.

(Auszug aus maaS No. 2 Frauen und Männer - auf Augenhöhe)

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