Was meine Tochter mich über die Liebe lehrt

Liebe
John Strelecky
18 Apr 2019
Was mich meine Tochter über die Liebe lehrt von John Strelecky aus maaS no. 8 LIEBE

Photo by Simon Rae on Unsplash

Mit der Liebe ist es interessant: Sie beherrscht unsere Welt in Liedern, Filmen und Büchern heutzutage und in allen Epochen, seit Geschichten überliefert wurden. Trotz ihrer Allgegenwärtigkeit in unserer Kultur bleibt sie eine große Unbekannte. Größtenteils liegt das wahrscheinlich daran, dass Liebe für jeden Menschen individuell anders und je nach Situation einzigartig ist. Die Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, ist nicht vergleichbar mit der Liebe, die man für seinen Partner fühlt. Man kann ein Hobby lieben oder sein Haustier. Die damit einhergehenden Gefühle sind anders als die in einer Beziehung. Das macht die menschliche Liebe außerordentlichen komplex! Trotz alledem ist Liebe so unglaublich einfach. Wir wissen augenblicklich, wie sich Liebe anfühlt, auch wenn sie ganz überraschend auftritt, wo wir es nicht erwarten würden - wie zum Beispiel beim Windelwechseln.

Eine unschöne Notwendigkeit …

Vor ungefähr 10 Jahren wurde mir das Geschenk der Vaterschaft gegeben - eine Rolle, die ich mir für mich selbst nie vorstellen konnte, bis ich letztendlich in ihr steckte. Dieses Geschenk hat mich über die Liebe gelehrt wie kein anderes je zuvor. Und all das fing mit dem Wechseln von Windeln an.

Bevor ich Vater geworden bin, habe ich nie eine Windel gewechselt. Ich war nicht mal in der Nähe eines Babys, das eine Windel brauchte oder gerade eine angezogen bekam. In der Tat hatte ich zuvor nicht mal eine Windel angefasst, geschweige denn ein Feuchttuch oder gar ein Baby - die drei Minuten mit meinem Neffen für's Foto mal ausgenommen. Mein Erfahrungsschatz begrenzte sich schlicht und einfach auf nichts. Ich hatte absolut null Bezugsrahmen zu Kleinkindern und deren Windeln außer, dass ich vermutete, das Konzept verstanden zu haben: Eine Windel ist eine Art dehnbare Schlupfhose. Nachdem ein Baby in seine Windel gemacht hat, müssen die Eltern den ganzen Schlamassel im Anschluss sauber machen. Das wiederholt sich jeden Tag viele, viele Male bis das Baby alt genug ist, um sich selbst um die Sache zu kümmern. Mit anderen Worten ist das Wechseln von Windeln eine unschöne Notwendigkeit, die man in den ersten Jahren der Elternschaft einfach in Kauf nehmen muss.

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… oder eines der großartigsten Dinge?

Mein Vater war Zeit seines Lebens sehr stolz darauf, sagen zu können, dass er niemals eine Windel seiner eigenen drei Kinder und auch nicht eine seiner sechs Enkelkinder gewechselt hat. Für mich klang das wie ein guter Plan, wenn ich damit durchkommen würde. Und dann wurde meine Tochter geboren. Ein winziger, hilfloser, kleiner Mensch ohne die Möglichkeit, auf sich selbst Acht zu geben. Sie konnte auf keiner Toilette sitzen oder ihr eigenes Hinterteil sauber wischen. Sie konnte sich nicht mal von einer Seite auf die andere rollen. Ich hatte sie in die Welt eingeladen, in meine Welt, und jetzt verließ sie sich vollkommen darauf, dass ich ihr helfen würde. Als ich meine erste Windel gewechselt hatte, wurde mir etwas ganz Besonderes bewusst: Mein Vater hatte eines der großartigsten Dinge im Leben verpasst! Denn wenn dein eigenes Kind um Hilfe schreit und du sie dann behutsam sauber machst, ihr hilfst, ihr eine neue Windel anziehst, den kleinen Strampler wieder zuknöpfst und sie dann sanft an deine Schulter legst und sie hältst, ist das gar keine schreckliche oder unschöne Erfahrung! Es ist reine Liebe! Eine wundervolle, tief in der Seele ruhende Liebe so wie keine andere, weil du ganz schnell merken wirst, was für ein immenses Vertrauen dein Kind in dich legt! Kinder kommen vollkommen hilflos in diese Welt. Sie zählen auf dich für ihr Essen, ihr Obdach und ihr Windelwechseln. Ohne das alles könnten sie nicht überleben. Babys haben sich dieser fragilen Erfahrung verschrieben, in der jeder Tag ihres Lebens an einem seidenen Faden hängt, dass ihre Eltern Mitgefühl, Fürsorge und vor allem tiefe Liebe erfahren können.

Das Leben ist schön!

Was für ein Geschenk sie uns damit geben! Eine so selbstlose Handlung, dass sie nirgends auf der Welt einen Vergleich findet. Diese Erkenntnis durchströmte mich, als ich die Windeln meiner Tochter zum allerersten Mal wechselte. Es hat mich angespornt, immer wieder etwas zu finden, womit ich ihr zeigen konnte, wie dankbar ich für das Geschenk war, das sie mir machte. Wenn sie mitten in der Nacht aufwachte und weinte, bin ich zu ihr gegangen und, egal wie müde ich selbst war, habe ich sichergestellt, dass ein Lächeln auf meinem Gesicht war, bevor ich ihr Zimmer betrat. Ich wollte sie wissen lassen, dass ich froh war, dass sie mein Kind ist. Dass ich glücklich war, sie bei mir zu haben. Ich habe mir Mühe gegeben, kleine alltägliche Dinge zu einem Vergnügen für sie zu machen. Ich wollte, dass sie, obwohl sie erst wenige Monate alt war, nicht sprechen und sich kaum selbstständig bewegen konnte, wusste, dass Leben Spaß macht, denn für mich war das Leben ein großer Spaß von dem Moment an, an dem sie in mein Leben trat. Ich kreierte unsere eigene kleine Badroutine: Nach ihrem Bad trocknete ich sie ab, zog ihr frische kleine Babysachen an und erzählte ihr eine Geschichte. Ich habe mir einfach irgendetwas ausgedacht, eine Geschichte über einen Affen und einen Papagei. Dann habe ich tief Luft geholt und eine lange Pause gemacht und ganz plötzlich laut "Babyküsse" gerufen. Dabei habe ich allerhand ulkige Geräusche gemacht und sie auf ihre Wangen geküsst. Dann kicherte und gluckste sie fröhlich. Und unsere kleine Routine wurde ihr mit der Zeit so sehr vertraut, dass sie schon anfing zu lachen, wenn ich nur eine lange Pause beim Geschichtenerzählen einbaute. Im Gegensatz zu meiner früheren Vorstellung von Elternschaft, in der es um die große Verantwortung ging, realisierte ich nun, dass ich hier, innerhalb dieser Verantwortung, die einzigartige Möglichkeit hatte, die größte Liebe meines Lebens zu erfahren.

Was wir von Kindern lernen können

Meine Tochter ist heute weit entfernt von Windeln und "Babyküssen", aber die Liebe blieb immerzu bestehen. In jeder Phase ihres Lebens lehrte sie mich eine neue Lektion, denn insbesondere Kinder haben diesen unglaublichen Scharfsinn, mit dem sie geradezu zur Wahrheit einer Situation vordringen. Eine der tiefgehendsten davon ist wohl die enorme Bedeutsamkeit von Selbstliebe. Das mag sich einfach anhören, aber während der Jahre, in denen ich mit anderen daran gearbeitet habe, die "Big Five" des Lebens zu finden, habe ich beobachtet, dass eines der größten Hindernisse der Menschen die Tatsache ist, dass sie abgeschnitten sind von dem, was sie lieben. Erwachsene erlauben sich wenig, Zeit mit dem zu verbringen, was sie lieben. In vielen Fällen können sie sich gar nicht daran erinnern, was das eigentlich ist. Und damit wird ihr Leben weniger. Weniger aufregend und weniger spannend. Immer weniger freudvoll und immer weniger erfüllend. Der Gedanke, jeden Tag aufs Neue aufzuwachen, verspricht dann mehr Grauen als Enthusiasmus.

Kinder versprechen das ganze Gegenteil. Wenn sie es lieben zu lesen, verbringen sie ihre Zeit lesend. Wenn sie es lieben, auf Bäume zu klettern, wirst du sie genau dabei beobachten. Und der Gedanke, nicht zu lesen oder nicht auf Bäume zu klettern, erscheint ihnen voll und ganz haarsträubend. Das ist Liebe. Sie lieben sich selbst und die bloße Erfahrung von Leben genug, dass sie immerzu mit dem verbunden sind, was ihnen Freude macht und ihr Leben spannend hält. Als Erwachsene können wir davon jede Menge lernen! Genau wie Windelwechseln entweder eine unschöne, schmutzige Angelegenheit sein kann oder aber die Möglichkeit, jemandem seine Liebe zu zeigen, ist auch die Art und Weise, wie wir unsere Zeit verbringen eine Frage von Perspektive und Entscheidung. Inwieweit sind wir bereit, uns selbst zu lieben? Sind wir vom Leben begeistert? Sind von der Tatsache hingerissen, dass wir ein ganzes neues Jahr unserer Existenz vor uns liegen haben? Wissen wir, was wir lieben? Gestatten wir uns, genau das zu tun? Oder versuchen wir, bloß durch den Tag zu kommen, durch einen weiteren Monat, ein weiteres Jahr?

Wieviel Zeit bleibt dir?

Ein Aspekt der Elternschaft ist, dass Zeit plötzlich eine andere Perspektive erfährt. Du hast dieses winzige Baby, das immerzu wächst, schließlich zu einem Kleinkind, einem Knirps und dann blitzartig zu einem jungen Erwachsenen wird. Ihr Heranwachsen ist gleichzeitig die brutale Mahnung, dass auch dein eigenes Leben immer weiter voranschreitet und vergeht. Und das ziemlich schnell.

So wie Kinder für die Möglichkeit kämpfen, das zu tun, was sie lieben, ist es wichtig für uns Erwachsene, dass wir uns gestatten, genau das Gleiche zu machen. Statistisch gesehen, werden den meisten Menschen 78 Jahre Leben geschenkt. Nimm also dein Alter, ziehe es von 78 ab und multipliziere es mit 365. Statistisch gesehen, ist das die Anzahl der Tage, die dir noch für die Abenteuer bleiben, von denen du immer geträumt hast, die Orte zu sehen, die du immer besuchen wolltest und die Erfahrungen zu machen, die du dir immer gewünscht hast. Diese Zahl zu kennen und im Hinterkopf zu haben, hilft uns dabei, so entschlossen zu sein wie Kinder, wenn es darum geht, genau das zu tun, was sie lieben. Diese Zahl hilft dir, den Lärm des Lebens zu durchdringen und dich zu fragen, wie du dein Leben verbringen möchtest. Erlaube dir, eine Existenz zu erschaffen, in der deine Liebe für das Leben selbst so stark wird, dass du jedem Tag deines Lebens mit Vorfreude entgegen blickst und ihn mit Begeisterung und Leidenschaft begehst, wie du es nie zuvor erfahren hast. Das ist wahrhaftig einer der wertvollsten Aspekte der Liebe, die es gibt.

John P. Strelecky ist Nr. 1 Bestseller-Autor von "Das Café am Rande der Welt" und der "The Big Five for Life"-Serie. Mehr über seine Arbeit und wie du deine Liebe für das Leben entdecken kannst, findest du hier:

www.jsandfriends.com   

Auszug aus maaS No. 8 LIEBE

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