Was ich fand, als ich alles losließ

Loslassen
Barbara Messer
21 Nov 2019
Was ich fand als ich alles losließ von Barbara Messer in maaS No. 15 LOSLASSEN

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Wenn uns alles zu viel wird, ist Minimalismus die Antwort. Denn wer es schafft, sich von Belastendem zu trennen, kann das pure Leben wieder spüren.

Wie gut es doch tut, Überflüssiges gehen zu lassen: die alten Schuhe, den ungeliebten Sessel oder die kaputten Gartengeräte, die seit Jahren im Weg herumliegen – weg damit! Immer mehr Menschen haben den Wunsch nach mehr Leichtigkeit im Leben. Sich endlich lösen von allem Ballast, gründlich entrümpeln und mit weniger Gepäck durchs Leben reisen. Dazu gehört auch, nicht jedem Kaufreiz nachzugeben. Einen Kontrapunkt zu setzen zur Konsumgesellschaft, die völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Gelebter Minimalismus ist eine Antwort auf ein Zuviel. Auf ein Zuviel an Materiellem, aber auch an Sorgen, Gedanken, Glaubenssätzen, falschen Vorstellungen und Reizen. Ein Zuviel wird zu Unübersichtlichkeit – das Gegenteil von Klarheit. Diese Unübersichtlichkeit kann verwirren, wie eine Suppe, bei der die einzelnen Bestandteile nicht mehr herauszuschmecken sind. Ein Sammelsurium an Überflüssigem, was uns außen und innen verstopft und unfrei macht.

Also lernen wir loszulassen, immer wieder. Nicht nur in Bezug auf Dinge. So wie die eigenen Kinder ausziehen und das Nest leer machen, müssen wir auch irgendwann unsere Eltern loslassen, vielleicht weil sie pflegebedürftig werden oder sterben. Wir müssen uns von dem Haus unserer Kindheit verabschieden und können es später nicht mehr besuchen. Immer wieder wird uns dadurch bewusst, wie selbstverständlich manches für uns war, was plötzlich nicht mehr möglich ist.

Irgendwann, wenn die Zeit gekommen ist, müssen wir sogar unser gesamtes Leben loslassen – mit all seinen Eindrücken, Erfahrungen und intensiven Geschichten. Was für eine große Aufgabe! Aber das Leben lässt uns nicht unvorbereitet. Es stellt uns vor immer neue Herausforderungen, um das Loslassen zu üben und zu bewältigen.

Der Weg zur Leichtigkeit kann schmerzhaft sein

Denken wir nur an die Sachen, die uns lieb und teuer sind. Oft klammern wir uns an Gegenstände oder starre Gewohnheiten. Im Hinterkopf immer der Gedanke: Was wäre, wenn all das wegbräche? Was bliebe dann von uns? Eine wesentliche Frage! Wer oder was sind wir mit wenig oder gar keinem Gepäck? Nun, es kann dann mehr und mehr das zutage kommen, was und wer wir wirklich sind. Ein lohnenswertes Ziel also, doch der Weg dahin kann schmerzhaft sein. Ich habe das selbst erlebt.

Vor einigen Jahren musste ich mein Haus aufgeben, das ich einstmals für meine Tochter und mich gekauft hatte. Ich teilte es später blauäugig und verliebt mit einem anderen Menschen. Nach der Trennung wurde das Haus, das mir ein wunderschöner Heimathafen gewesen war, zum Spekulationsobjekt.

Mein Herz blutete, denn keine neue Wohnsituation, die ich mir ausmalte, hielt dem Vergleich mit diesem Haus stand, in dem ich das erste Mal in meinem Leben für mehr als zehn Jahre gelebt hatte. Ich hatte wirklich keine Idee, wohin ich wollte. Dort im Ort bleiben und immer am alten Haus vorbeilaufen? Undenkbar. Doch ich steckte den Kopf nicht in den Sand, sondern hob den Blick und dachte in eine ganz neue Richtung: Ich entschied mich, ein Jahr im Wohnmobil zu leben.

Dieses Jahr sollte meine ganz persönliche Schulung zum Minimalismus sein – meine eigene Masterclass sozusagen. Ich lernte endgültig, mit wenig auszukommen, unterwegs zu sein und damit die Heimat in mir und unserem Team zu finden: meiner Partnerin und meiner Katze.

Ein Jahr im Wohnmobil: Minimalismus pur

Ich hatte nur das dabei, was ich unbedingt brauchte: ein Messer, zwei Schneidebretter, Lieblingsbücher, eine Spieluhr, ausgewählte Kleidungsstücke, eine Sorte Duschgel, einen Tisch … Die Dinge, die wir an Bord hatten, waren sinnvoll. Es gab nur ein scharfes Messer, und das hatte seinen festen Platz. Vorher in meinem Haus hatte ich acht weitere Messer, von denen sieben ungeeignet waren, unhandlich oder stumpf.

Das Leben im Wohnmobil kostete sehr viel Achtsamkeit, das Miteinander brauchte Pflege und sehr viel sorgfältige Kommunikation über unsere individuellen Bedürfnisse. Auf so engem Raum mussten die Dinge zurückgeräumt werden, bevor die nächste Aktion anstand. Es war ein komplettes Aussteigen aus der gewohnten Routine. Kein TV, kein WLAN aus der Steckdose, kein fließendes Wasser, kein fester Platz.

Es war ein umfangreiches Loslassen von Gewohnheiten und der Entwicklung neuer Alltagsroutinen und zugleich eine riesengroße Chance, Neues zu entdecken. Allein die Natur: Wie oft habe ich in diesem Jahr an Donau und Rhein gesessen, mit einem kleinen Klappstuhl und einer Tasse Tee in der Hand und habe auf den Strom geschaut, eingekuschelt in meine warme Decke. Selbst im Herbst war das eine herrliche Alternative zum sonntäglichen Tatort.

Bei aller Romantik galt es aber immer wieder, Heimat und Vertrautheit loszulassen und jeden Tag ins Unbekannte aufzubrechen. Es gab herausfordernde Situationen, was das Wetter und die Sicherheit von Stellplätzen angeht, aber ich erlebte auch so viel Neues, was mich unendlich bereicherte. Es war das pure Leben, und ich möchte dieses Jahr nicht missen.

Gelöste Probleme, bewältigte Hürden und durchlebte Schicksalsschläge: Aus einer vermeintlichen Schwierigkeit zu lernen und reifer herauszugehen, lässt uns innerlich wachsen und macht uns reicher. Nicht auf materielle Art – aber alles Materielle ist ohnehin nur auf Lebenszeit geborgt, teilweise sogar auf Pump gekauft. Besitz kann schnell zum Klotz am Bein werden, zur Unfreiheit. Neue Erfahrungen dagegen, kleine und große Abenteuer, neue Einsichten und Erkenntnisse, lassen uns zum Ende hin zufrieden auf das eigene Leben schauen.

Lange schon setze ich mich mit diesem Thema auseinander, denn es reizt mich, dem wahren Glück und dem tiefen Sinn des Lebens weiter auf die Spur zu kommen. Früh habe ich gelernt, mit wenig zurechtzukommen. Ein Graubrot mit Butter und Zucker, welches mir die Nachbarin schenkte, war ein Genuss und die Ausnahme. Butter gab es nicht täglich, köstliche Restesuppen waren ebenso normal wie das Auftragen und Weitergeben von Kleidung. Doch das Wesentliche war da: Liebe und gemeinsame Zeit, in der wir etwas unternahmen. Ausflüge in die Heidelbeeren, Schwimmen im Fluss und die Möglichkeit, Sport zu machen. Beruflich habe ich als Altenpflegerin schnell gelernt, wie Menschen ihr Leben loslassen müssen – tiefe Erfahrungen, die mich sehr geprägt haben.

In meinen jungen Erwachsenenjahren habe ich in Wohnprojekten und Wohngemeinschaften gelebt, Food- und Carsharing war damals schon normal, ebenso der Tausch von Kleidung und das gemeinsame Unterwegssein: Reisen mit dem Rad oder Trampen nach Griechenland. Einfache Dinge mit hohem Zufriedenheitsfaktor. Das Bewusstsein über die Kostbarkeit von Momenten, die Würdigung von Kleinigkeiten und der achtsame Umgang mit den Ressourcen wurde mir also in die Wiege gelegt und nahegebracht.

Intensiv leben statt Vollkasko-Denke

Aber warum mag ich diese Art zu leben so gern? Weil ich es als Geschenk erlebe, aus eigenem Antrieb voranzukommen, weil ich es liebe, mit wenig Aufwand, etwas viel und intensiv zu erleben. Wer nicht zu jeder Zeit auf alle Eventualitäten vorbereitet ist, der fördert die Improvisationsfähigkeit, eine Basis für flexibles Verhalten und mehr Abenteuer – weil eben nicht alles geplant ist.

Loslassen ist die Einladung, sich mit dem Moment des Jetzt zu beschäftigen, ihn stärker zu spüren und sich auf die Kostbarkeit dieser vielen Momente zu besinnen. Wer einengende Glaubenssätze loslässt, gewinnt plötzlich viel mehr Selbst-Empowerment. Wenn wir erkennen, wie sehr uns unsere Annahmen prägen und beeinflussen, und wenn wir es schaffen, sie loszulassen, dann haben wir einen großen Schritt in unsere persönliche Unabhängigkeit getan. Menschen, die aufhören zu sagen: „Das tut man nicht“ oder „Du bist schuld“, befreien sich von den einengenden „Wenn-Danns“, den verkrusteten Überzeugungen, wie unsere Welt und ihre Zusammenhänge angeblich sind.

Es geht doch darum, aus dem, was wir haben, etwas Neues zu kreieren, was uns glücklich macht, was uns erfüllt und was uns später im Rückblick auf unser Leben wissen lässt, dass es gut war. Die Veränderungen, die das Leben fordert, geben uns die Chance, uns weiterzuentwickeln – vielleicht sogar die eigene Person neu zu erfinden.

  Das pure Leben von Barbara Messer 
Barbara Messer ist eine der renommiertesten Trainerinnen im deutschsprachigen Raum. Sie ist Mentorin und Wegbegleiterin für alle, die bereit sind, über den Tellerrand hinauszuschauen, um neue Perspektiven zu gewinnen. Seit 20 Jahren schreibt sie zudem Bücher.

www.barbaramesser.de

Dieser Text ist ein Auszug aus maaS No. 15 LOSLASSEN.

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