Wann und wozu brauchen wir Mut?

Mut
Gerald Hüther, Sven Ole Müller, Nicole Bauer
15 Apr 2019
Wozu brauchen wir Mut von Gerald Hüther in maaS No. 12 MUT

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Kann es ein, dass man Mut nur braucht, wenn man etwas nur deshalb machen will, weil man glaubt, dass es getan werden muss? Was jemand also nur deshalb tut, weil sie oder er dann in den Augen anderer mutig ist, Anerkennung oder gar Bewunderung für so viel Mut bekommt?

Was verstehen wir unter „Mut“? Wann und wozu braucht man ihn überhaupt? Machen wir es konkret und nehmen als Beispiel einen Mann, der auf einem Marktplatz zwei sich prügelnde Männer kurzerhand am Kragen packte, sie auseinanderzog und beide nach Hause schickte. Ihn sprach daraufhin eine Beobachterin dieses Geschehens mit den Worten an: „Das war aber mutig!“ Aber er erwiderte nur: „Das war nicht mutig, sondern selbstverständlich.“ Offenbar war dieses Verhalten von ihm in dieser Situation von dem bestimmt, was die Psychologen das individuelle Selbstbild nennen. Also die Vorstellung davon, was für eine Person jemand sein möchte. Dazu muss sie irgendwann in ihrem Leben für sich die Frage beantwortet haben: Wer bin ich? Bin ich so, wie ich sein möchte? Was macht mich aus? Welche Grundhaltung bestimmt mein Verhalten mir selbst gegenüber und gegenüber anderen? Was ist unter meiner Würde? Was kann ich tun, um sie nicht zu verletzen?

maaS No. 12 MUT

Eine verrückte Idee

Zwei von uns, Nicole und Sven Ole, sind begeisterte Rennradfahrer. 2016 sind sie mit ihrem Team das Race Across America (RAAM) gefahren. Das gilt als das härteste Radrennen der Welt. Ein Nonstop-Einzelzeitfahren von der Westküste zur Ostküste der USA, 5.000 km, Tag und Nacht im Wettrennen mit den Besten der Besten der Ultra Radsport Szene der Welt. Durch vier Zeitzonen hindurch strampeln, mit 50.000 Höhenmetern, bei Temperaturunterschieden von 50 Grad Celsius. Als Mitglieder einer Amateurtruppe aus völlig bunt zusammengefundenen Leuten, die davon beseelt waren, dieses Wahnsinnsrennen mitzufahren. Und das auch noch so kurzfristig, dass nur noch ein knappes Jahr zur Vorbereitung zur Verfügung stand. Sie haben es gemacht und zum großen Erstaunen aller, die zu Hause geblieben waren oder der Profi-Teams, die sie anfangs etwas belächelt hatten, sind sie am Ende des Rennens auch noch mit über fünf Stunden Vorsprung vor allen anderen über die Ziellinie gefahren.

Jetzt, wo wir diesen Artikel schreiben, sind wir, also Nicole und Sven Ole, noch einmal sehr sorgfältig und ehrlich der Frage nachgegangen, wann und wobei wir während dieses 6 Tage und 17 Stunden dauernden Wahnsinnsrennens wirklich Mut gebraucht haben. Tatsächlich gab es nur zwei Situationen, in denen dieses mulmige Gefühl auftauchte, das ja Ausdruck von Angst ist und zu dessen Überwindung man Mut braucht. Bevor wir die aber beschreiben, wollen wir kurz schildern, wobei und wozu wir beide keinen Mut brauchten.

Dafür brauchten wir keinen Mut

Wir hatten ja anfangs nichts weiter als eine verrückte Idee, und die lautet: Wir beide wollen in einem Team, das es noch gar nicht gibt, in 11 Monaten das härteste Radrennen der Welt bestreiten. Und dabei saß Nicole 3 Wochen vorher das erste Mal in ihrem Leben auf einem Rennrad. Brauchten wir jetzt Mut, um dieses Vorhaben umzusetzen? Nein! Wir haben einfach losgelegt, weil wir von dieser großen Idee so beseelt waren. Deshalb haben wir uns auch nicht auf mögliche Probleme oder diesen riesigen Berg an Aufgaben konzentriert, die unweigerlich vor uns lagen, sondern auf das Machen. Ganz simpel und mit stoischer Konsequenz nach der „Salamitaktik“, Scheibe für Scheibe und nicht am Stück.

Wir mussten begeisterte und leistungsfähige Rennradler finden, die dieses ganze Vorhaben genauso toll fanden wie wir. Wir brauchten ein juristisches Kleid für die Gemeinschaft, denn es ging nicht ohne Geld, und sobald Geld ins Spiel kommt, schaut der Schwarze Adler genau nach, ob er genug von der Beute abbekommt. Geld brauchten wir aber. Also ging es nicht ohne medialen Auftritt, um überhaupt sichtbar und möglichst attraktiv für Unterstützer zu werden. Wir brauchten das ganze Wissen, mussten auf Erfahrungen von erfolgreichen Finishern zurückgreifen, um nicht deren Fehler nochmal selbst zu machen. Wir hatten sofort massive Widerstände zu überwinden, weil uns von allen möglichen Leuten die Sache mies gemacht wurde. Dann wuchs das Team, einer nach dem anderen kam hinzu und wir machten die ersten Testfahrten. Schnell holten uns dabei die alten Muster des Umgangs miteinander ein, mit all dieser Besserwisserei, den Bewertungen und den individuellen Führungsansprüchen, so dass es zwangsläufig ganz schnell wieder lauter Macher, Mitmacher und Miesmacher gab.

Es mussten Klamotten, Räder, Ernährung und alles Mögliche getestet werden. Wir mussten neben unseren Vollzeitjobs 20-30 Std. pro Woche trainieren. Alle Teammitglieder investierten für Vorbereitung und Rennen ihren Jahresurlaub und das Osterfest mit den Familien und fuhren dafür mit einem Team Fahrrad. Flüge mussten gebucht und Zollformalitäten erledigt werden, vier Begleitfahrzeuge inklusive Wohnmobil in Amerika beschafft werden und vieles mehr, und das alles für die Teilnahme am härteste Radrennen der Welt mit 4 Rennfahrern und einer 11-köpfigen Crew, im Wettkampf mit anderen Rennfahrern aus aller Welt, von denen manche über Budgets verfügten, die für uns astronomisch waren.

In der Gemeinschaft ist kein Platz für Angst

Brauchten wir dafür Mut? Nein, für all das haben wir nicht einen Moment Mut aufgebracht. Das war unser gemeinsamer Weg, den sind wir gegangen, Schritt für Schritt, jeder überzeugt davon, dass uns das gelingt, und alle waren jederzeit füreinander da. Das ist die halbe Miete, denn in der Gemeinschaft ist so viel Halt, dass die Angst gar keinen Platz findet. Wir brauchten also keinen Mut. Erlebnisorientiert statt ergebnisorientiert erlebten wir 11 wunderbare Monate in einer starken Gemeinschaft, die lebensprägend für jeden von uns waren.

Nur einmal brauchte ich, Sven Ole, in all dieser Zeit Mut. Das war gleich, nachdem wir in den USA angekommen waren, als alles so fremd war, wir die ersten Trainings dort fuhren und mir folgendes bewusst wurde: Damit, dass ich auf unserem Weg der Vorbereitung von den Teammitgliedern zum „Chef de Mission“ gemacht wurde, hatte ich gewissermaßen die Verantwortung für Leib und Leben aller zu übernehmen. Das war etwas, das schwer auf meinen Schultern lastete. Ich habe Mut dafür gebraucht, alle Kraft zusammenzunehmen und Zuversicht für die anderen Teammitglieder auszustrahlen.

Und ich, Nicole, erinnere mich noch sehr gut an diese eine Situation, in der ich all meinen Mut zusammenkratzen musste. Das war bei meinem ersten Einsatz als Einzelzeitfahrerin in diesem Rennen. Es war Dämmerung in der Mojave Wüste und die atmosphärischen und topographischen Bedingungen machten für das Renngeschehen nötig, dass ich auf dem Zeitfahrrad (Aerorad) fahren musste, nicht auf dem Rennrad. Das ist so ähnlich, wie vom Mercedes in einen Formel-1-Wagen zu steigen. Und ich konnte das vorher nur auf einer Probestrecke von 30 km testen, weil alles zum Ende hin mit heißer Nadel gestrickt war. Dafür brauchte ich Mut. Aber auch dabei habe ich ihn aus der Gemeinschaft geschöpft, auf die ich mich bedingungslos verlassen konnte.

Was ich freiwillig nicht tun würde, erfordert Mut

Also, nach dem Erlebnis mit diesem Mann auf dem Marktplatz und nun nach den Erlebnissen bei diesem Radrennen noch einmal die Frage: Wann und wozu brauchen wir Mut? Der Mann auf dem Marktplatz und wir bei diesem Radrennen brauchten keinen Mut. Außer in diesen beiden Situationen, als wir etwas machen sollten, was wir so eigentlich nicht wollten, jedenfalls nicht aus uns selbst heraus. Ich, Sven Ole, wurde plötzlich der Verantwortung für ein Team emotional gewahr, obwohl ich mir diese Bürde selbst nicht ausgesucht geschweige denn, sie mir freiwillig auf meinen Rücken geladen hätte. Und ich, kurzzeitig zweifelnde Nicole, als ich etwas machen musste, weil der Rennmodus es so erforderte, obwohl ich es noch gar nicht richtig konnte und es deshalb auch zu diesem Zeitpunkt niemals freiwillig getan hätte.

Mut ist eine Zuschreibung, die Menschen vornehmen, um andere dazu zu bringen, Dinge zu machen, die sie freiwillig niemals tun würden.

Weiterlesen in maaS No. 12 MUT.

 

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