Waldbaden

Körper und Geist
Clemens Arvay
10 Mai 2017
Waldbaden von Clemens Arvay aus 'Biophilia-Effekt' Shinrin-yoku

Anita Maas

Grünkraft tanken

Pflanzen kommunizieren direkt mit unserem Immunsystem und unserem Unbewussten, ohne dass wir sie auch nur berühren müssten, geschweige denn schlucken. Diese faszinierende Interaktion zwischen Mensch und Pflanze, welche die Wissenschaft erst allmählich zu verstehen beginnt, ist von großer Bedeutung für Medizin und Psychotherapie. Sie hält uns körperlich sowie psychisch gesund und beugt Krankheiten vor. In Zukunft sollte die Begegnung mit Pflanzen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen spielen. Es darf keine Klinik ohne Garten oder Zugang zu Wiesen und Wäldern mehr geben, keine Siedlung ohne Naturflächen und keine Stadt ohne Wildnis.

Die Kraft, die in den Pflanzen und allen anderen Lebewesen wirkt, nannte Hildegard von Bingen "Grünkraft". Sie wusste ebenso wie die Bauern des Mittelalters, von denen sie einen großen Teil ihres Wissens vermittelt bekam, vom heilenden Band zwischen Mensch und Natur. Heute entdeckt die Wissenschaft atemberaubende Details und Tatsachen, die sich Hildegard damals selbst in ihren kühnsten Nächten vermutlich nicht erträumt hätte. Die Pflanzen, die es ihr so sehr angetan hatten, wirken nicht nur über ihre Inhaltstoffe auf uns ein. Was Hildegard von Bingen vermutlich schon ahnte, wird heute durch die moderne Forschung durchleuchtet und aus dem Reich des Mysteriösen auf eine solide wissenschaftliche Basis gestellt.

Shinrin-yoku - Waldbaden

nennt sich eine japanische Tradition, die wörtlich übersetzt "Waldbaden" bedeutet. Ähnlich wie in einem See können wir auch in einen Wald mit allen Sinnen regelrecht eintauchen. Heute ist das Einatmen der Waldatmosphäre eine in Japan offiziell anerkannte Methode zur Vorbeugung von Krankheiten sowie zu deren unterstützenden Behandlung.

Im Wald trifft das kommunikationsfähige Immunsystem des Menschen auf die kommunizierenden Pflanzen. Das gesundheitliche Potential, das bei diesem Zusammentreffen entsteht, ist so groß, dass im Jahr 2012 an japanischen Universitäten ein eigener medizinischer Forschungszweig gegründet wurde: "Forest Medicine" oder "Waldmedizin".

Betrachten wir den Wald für ein paar Augenblicke etwas anders als gewöhnlich. Betrachten wir ihn als einen großen, hochkomplexen Lebensraum, in dem tausende und abertausende Lebewesen miteinander kommunizieren. Die Kronen der Bäume sind dann Sendestationen, die Pflanzenbotschaften in die Luft hinaus funken. Die Blätter der Sträucher, Büsche, Ranken und Kräuter senden Pflanzenvokabeln aus, die von anderen Pflanzen und Tieren aufgenommen werden. Im Erdreich geben Wurzeln Stoffe ab, die ebenfalls Botschaften enthalten, und sie geben klickende Laute von sich, die das menschliche Ohr nicht hören kann. Die Pflanzen nehmen diese Laute als unterirdische physikalische Schwingung wahr. Der Wald so wie jeder andere natürliche Lebensraum ist ein Ort der regen Unterhaltungen, der dichten Kommunikation. Überall schwirren Moleküle umher, die Informationen enthalten, und andere Lebewesen entschlüsseln sie.

Stellen Sie sich nun vor, Sie betreten mit Ihrem achtsamen, aufmerksamen und ebenfalls ständig kommunizierenden Immunsystem diesen Wald, einen Hot-Spot der Kommunikation. Ihr Immunsystem kommuniziert nicht nur mit anderen Organen und Systemen Ihres Körpers und mit Ihrem Gehirn, sondern auch mit der Außenwelt. Es ist ein Sinnesorgan, das dazu gemacht ist, Informationen wahrzunehmen, die Sie selbst nicht bewusst wahrnehmen können. Eine der Aufgaben Ihres Immunsystems ist es, Reize aus der Außenwelt einzuschätzen, zu erkennen und darauf zu reagieren. Das können Viren und Bakterien sowie alle möglichen Substanzen sein. Das Immunsystem ist also die unsichtbare Antenne Ihres Körpers, mit der Sie den Wald betreten.

Unser Immunsystem reagiert

Erweitern wir unsere Vorstellung nun ein wenig: Sie spazieren nicht nur mit Ihrem kommunizierenden Immunsystem durch die Welt der kommunizierenden Pflanzen, sondern Sie haben auch einen Wissenschaftler an Ihrer Seite. Der möchte natürlich etwas messen - das haben Wissenschaftler so an sich. Es würde ihm nicht reichen, wenn Sie ihm sagen würden, dass Sie sich auf Ihrem Waldspaziergang wohl und entspannt fühlen, dass Sie sich vielleicht weniger gestresst fühlen als sonst oder sogar kreativ beflügelt durch die idyllischen Eindrücke sind. Nein, das stellt ihn nicht zufrieden, er will Zahlen und handfeste Messwerte. Er möchte wissen, wie Ihr Immunsystem reagiert. Deswegen nimmt er Ihnen nach einiger Zeit im Wald Blut ab. Und er stellt fest:

  •  Die Anzahl der natürlichen Killerzellen Ihres Immunsystems ist deutlich angestiegen.
  •  Ihre natürlichen Killerzellen sind nicht nur mehr geworden, sondern sie sind auch aktiver. Diese erhöhte Aktivität der Killerzellen wird noch lange anhalten.
  •  Das Niveau der Anti-Krebs-Proteine, mit dem Ihr Immunsystem Krebs vorbeugt oder im Falle einer Krebserkrankung den Tumor bekämpft, ist ebenfalls deutlich gestiegen.

Wenn Sie die Luft in einem Wald einatmen, dann atmen Sie einen Cocktail aus bioaktiven Substanzen, die von den Pflanzen an die Waldluft abgegeben werden. Darunter befinden sich auch Terpene. Wenn wir durch den Wald gehen, kommen wir vor allem mit jenen Terpenen in Kontakt, die gasförmig sind. Wir nehmen sie teils über die Haut, vor allem aber über die Lungen auf. Die Terpene in der Luft stammen aus den Blättern und Nadeln der Bäume. Sie strömen aus den Baumstämmen der dicken Borke mancher Bäume. Büsche, Kräuter und Sträucher im Unterholz sowie Pilze, Moose und Farne geben sie ebenfalls ab. Sogar die Streuschicht aus Laub und die darunterliegende, modrige Humusschicht, in der es vor Leben nur so wimmelt, geben Terpene ab. Seit ich das weiß, hat sich meine Wahrnehmung des Waldes verändert. Wenn ich durch den Wald gehe, habe ich das Gefühl, in einen riesengroßen, atmenden Organismus einzutauchen, der mit mir kommuniziert. Ich selbst bin dann ein Teil davon und atme und kommuniziere mit.

 

"Jeder Mensch verspürt tief im Inneren den Drang nach der Nähe zur Natur. Wir haben Wurzeln und die sind definitiv nicht in Beton gewachsen." (Andreas Danzer in „Der Biophilia-Effekt“)

 

So stärkst du dein Immunsystem im Wald

  • Bleib mindestens zwei Stunden in dem Waldgebiet und gehe in dieser Zeit etwa 2,5 Kilometer. Wenn du vier Stunden Zeit hast, gehe ungefähr 4 Kilometer.
  • Achte darauf, während des Aufenthalts im Wald nicht müde zu werden. Wenn du dich müde fühlst, mache eine Rast, wann immer du möchtest und so lange du möchtest.
  • Suche dir einen Platz im Wald, der dir spontan gefällt und dich zum Verweilen einlädt. Bleibe dann dort eine Zeit lang sitzen, um zum Beispiel zu lesen, zu meditieren, jedenfalls aber, um das wunderschöne Ambiente zu genießen und zu entspannen.

Um die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen und der Antikrebs-Proteine des Immunsystems dauerhaft hoch zu halten, empfiehlt der japanische Arzt Qing Li pro Monat einen zwei- bis dreitägigen Aufenthalt in einem Waldgebiet und rät, sich dann an diesen 2-3 Tagen etwa vier Stunden pro Tag im Wald aufzuhalten.

Der Gehalt der Anti-Krebs-Terpene in der Waldluft ändert sich im Laufe der Jahreszeiten. Die Konzentration ist im Sommer am höchsten und im Winter am niedrigsten. Sie steigt im April und Mai rasch an und erreicht im Juni und August ihren Höhepunkt. In diesen Monaten gibt es für dein Immunsystem im Wald also am meisten aufzunehmen.

Die Terpene sind außerdem im Waldesinneren am höchsten konzentriert, da der Baumbestand dort dichter ist und die Blätter und Nadeln der Bäume eine besonders reiche Quelle darstellen. Noch dazu hindert das dichte Kronendach die gasförmigen Substanzen daran, den Wald zu verlassen. Es empfiehlt sich also, tiefer in den Wald hineinzugehen und nicht nur am Waldrand zu verweilen.

Wenn feuchtes Wetter herrscht, zum Beispiel nach Regen oder bei Nebel, schwirren besonders viele der gesunden Terpene in der Waldluft umher. Unsere Erfahrung täuscht uns also nicht, wenn uns ein Waldspaziergang nach einem Regenguss ganz besonders gut zu tun scheint.

Dieser Artikel ist ein Auszug (gekürzt) aus dem Buch "Der Biophilia-Effekt" von Clemes Arvay, mit freundlicher Genehmigung des Ullstein Verlages. 

Abgedruckt in maaS No. 5 'Körper und Geist'

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