Vorwort "Leben und Sterben"

Leben und Sterben
Anita Maas
26 Aug 2016

Pixabay

Über mir wölbt sich ein gigantischer Sternenhimmel, umrahmt von den Silhouetten der Baumkronen. Es duftet nach Tannennadeln und feuchtem Laub. Die Luft wird kühl und Tau senkt sich auf die Wiese. Vor mir brennt ein wärmendes Feuer. Stille. Ich schaue abwechselnd in die flackernde Glut und zu den blinkenden Sternen. Ich spüre meine Füße fest auf der Erde und zugleich fliege ich mit meinem Körper und der Erde als Himmelskörper durch das unendliche All.

In solchen Stunden ist Raum für die Fragen, „Wo komme ich her und wo gehe ich hin?“ Einige waren dem Himmel schon sehr nah und berichten von einem hellen Licht oder einer Geborgenheit, auf jeden Fall von etwas viel Größerem, das uns empfängt. Es scheint, irgendetwas in uns, ein goldener Kern, unsere Seele, sei unsterblich. Etwas überdauert vielleicht, aber etwas wird ganz sicher sterben. Das ist das Einzige, was bei unserer Geburt schon fest steht. Mit dem ersten Atemzug wird uns eine begrenzte Zeit geschenkt. Es liegt an uns, jeden Tag aufs Neue zu entscheiden, wie und womit ich meine Zeit verbringe. John Strelecky hat dafür ein Bild formuliert: Stell‘ dir dein Leben wie ein Museum vor, in dem jeder Tag deines Lebens einen Raum bildet. Alle Gefühle, jede Freude, jedes Leid, alles, was du erlebt hast, jedes Abenteuer und jede Qual, wären in Bildern und Skulpturen festgehalten. Wie sähe dein Museum aus? Er ist nicht der Einzige, der mahnt, nichts auf die lange Bank zu schieben. Im Buddhismus stellt man sich in einer täglichen Meditation vor, dass dieser Tag der letzte sein könnte. Was würdest du dann heute tun?

Die Angst vor dem Tod beruht meistens darauf, dass wir auf dem Sterbebett unweigerlich mit all dem konfrontiert werden, was wir noch erleben wollten. Plötzlich ist es zu spät. Deswegen ist der Tod der beste Lehrmeister für das Leben. Wie gut, wenn uns das nicht erst im hohen Alter, sondern schon in jungen Jahren bewusst wird! Denn wenn du dein Leben jeden Tag genießt, blickst du auf ein erfülltes Leben zurück. Wenn du im Leben gelernt hast anzunehmen und loszulassen, wird das Sterben zu einem abenteuerlichen Flug zu den Sternen.

Bis dahin werde ich noch viele Stunden in meinem Körper auf diesem wunderschönen Planeten genießen. Einige ganz bestimmt am Lagerfeuer unterm Sternenhimmel.

 

Anita Maas         September 2016