Vom Versager zum Leben in Freude

Lebenswege
Harald Wengel-Bischoff
28 Jan 2016
manisch depressiv Heilung, Selbstheilung, Versagensangst, Angst

Harald Wengel-Bischoff

Harald, 64 Jahre

Mir wurde sehr schnell mit Schlägen klar gemacht, was ich durfte und was nicht. Was demnach richtig oder falsch war und ob ich gut oder böse war. Bestrafungen, für mein ungeduldetes Verhalten, machten mich recht früh emotional tot. Viel später erst erkannte ich, dass mein Vater mir diese Gefühlskälte vorlebte, um sich selbst zu retten. Ihm konnte ich nicht genügen und bekam nichts von dem ab, was er für meinen älteren Bruder, als Wertschätzung übrig hatte. So wurde ich zum Stolz meiner Mutter, um diese verschmähte Zuneigung zu kompensieren. Ich wurde auch mehr und mehr ihr Vertrauter, als mein Vater die Familie verließ. Als großer Bruder von zwei kleineren Geschwistern, die 15 und 16 Jahre nach mir zur Welt kamen, mutierte ich auch noch zum Vorbild und Erzieher. Heute weiß ich, dass ich das Erbe meiner Mutter angetreten hatte, selbstlos für andere da zu sein.

So verlief auch mein Berufsleben. Einer Ausbildung als Bauzeichner, die von meinem Vater initiiert wurde, weil ich keine Ahnung davon hatte, was ich mal werden wollte, folgten viele Jahre mit unterschiedlichsten Aufgaben. Immer wieder musste ich erkennen, dass ich lediglich über meine Ausbildung zu "gutem Geld" kam. Alle Jobs und Herausforderungen, die mir Spaß und Freude bereiteten, scheiterten daran als "billige Arbeitskraft" zu gelten.  So habe ich mich recht früh resigniert damit abgefunden, Aufgaben für andere zu erfüllen, die mir weder Anerkennung noch Freude brachten, jedoch mit Geld honoriert wurden.

Aus dieser Not heraus wagte ich meinen ersten Schritt in die Selbstständigkeit. Ich brachte es bis zu einem eigenen Planungsbüro und erfüllte wiederum die Wünsche anderer. Mit knapp 45 musste ich eine Privatinsolvenz durchleben. Diese Erfahrung war sehr demütigend für mich, zumal mein Schwiegervater auch noch in diese alte Wunde tief hinein stach. Der Versager der ich schon für meinen Vater war, feierte Auferstehung. Diese ganzen Lebensprozesse wurden begleitet von erschreckenden, gefühlsmäßigen Aufs und Abs, die mir irgendwann mal als "Bipolare-Krankheit" diagnostiziert wurde. 

Das war der Moment, in dem ich mich bewusst erstmal gegen dieses übernommene Systems des Gehorsams gestellt habe. Ich habe es geschafft, was nach Kenntnisstand der Schulmedizin unmöglich war: mich zu befreien. Zum einen war für mich die Diagnose manisch-depressiv zu sein, ein Schock, zum anderen, brachte sie mich auf meinen selbstbestimmten, eigenen Weg.

Es dauert schon ein paar Jahre, bis ich mich mit meiner Angst zu versagen anfreunden konnte. Meine Selbstzweifel, meine Ängste kamen in der Nacht zu mir und ich nahm diese als eigene, bisherige ungewürdigten und ungeliebten Anteile an. Es gelang mir über einen längeren Prozess, diese Ängste zu durchleben, in dem ich mich an mein Urvertrauen erinnerte. Ich habe bereits mehrere Jahre "Systemische Familienaufstellungen" hinter mir und ich fühlte mich bereit. Mein großes Manko war jedoch, meine Ungeduld und meine Erwartungen. Prinzipiell habe ich mir etwas zugetraut, was laut Schulmedizin unmöglich und somit unheilbar sei. Die Schwierigkeit bestand darin, dass ich kaum einen äußeren Zuspruch hatte. Alle glaubten mehr den Medizinern als mir. Das war sehr, sehr hart. Dieses nährte immer wieder meine Zweifel, es zu schaffen. Ich kenne keinen weiteren Menschen, mit einer manisch-depressiven Diagnose, der wie ich ohne Medikamente lebt. Ich bin geheilt und frei, weil ich meine eigenen, inneren abgespaltenen Gefühle mir zu eigen gemacht habe. Für Außenstehende ist es nicht nachvollziehbar, was ich im Stillen geleistet habe.

Und nun bin ich mitten drin, mir mein eigenes, unabhängiges Leben nach eigenen Wünschen und Vorstellungen NEU zu gestalten.

Ich bin bald 64 und habe Spaß und Freude daran, mich selbst zu entdecken, mein Potenzial zu spüren und zu fördern, meine systemischen Verstrickungen aufzulösen und meine 'Glaubensgefängnisse" zu öffnen. Jeder Tag, ist nun für mich neu, interessant und lebenswert, seit ich in mir die Selbstliebe entdecken durfte. Es gibt immer ein Jetzt, um das zu tun, was mir Freude und Spaß bereitet. Und für mich ist immer diese Fülle vorhanden, aus der ich unentwegt schöpfen kann. Das Leben ist ein wunderbares, einzigartiges, großes Geschenk. Seid bereit, dieses Geschenk zu öffnen.