Vom Ich zum Wir

Ich und Gemeinschaft
Silke Naun-Bates
4 Jan 2017
Vom Ich zum Wir, Gemeinschaft, Silke Naun-Bates

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In unserem westlichen Kulturkreis haben wir als Einzelne eine Freiheit erreicht, wie niemals zuvor in der Geschichte. Freiheit in diesem Sinne bedeutet: ein hohes Maß an Individualismus, Selbstbestimmtheit und Wahlfreiheit. Diese Entwicklung zu immer mehr persönlicher Freiheit trägt auch ein hohes Maß an Verantwortung in sich, welches vielen Menschen (noch) nicht bewusst zu sein scheint.

Vom unbewussten Ich …

Erst im zweiten Lebensjahr entwickeln wir Menschen ein Ich-Bewusstsein. Wir entdecken uns als Individuum und sind zugleich Wesen, die sich in Beziehung mit anderen Lebewesen, der Natur, Dingen, die sie umgeben, erkennen und durch sie lernen. Doch dem Ich-Bewusstsein kommt weit mehr Bedeutung zu, als sich als Individuum zu erkennen. Es bedeutet, sich seiner selbst bewusst zu werden, die Fähigkeit sich selbst, seine Gedanken, Emotionen, sein Verhalten zu reflektieren, die Verantwortung dafür zu übernehmen und sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Das Leben selbstbestimmt zu gestalten, setzt voraus, dass ich mir meiner Wahlfreiheit bewusst und in der Lage bin, mich selbst zu steuern.

Viele Menschen leben jedoch ein überwiegend reaktives Leben und haben das Ruder ihres Lebens nicht selbst in der Hand. Sie haben gelernt zu funktionieren und sich anzupassen. Selten hinterfragen sie, wieso sie handeln, wie sie handeln. Sie hetzen durch ihr Leben, von einer Verpflichtung zur nächsten, und fallen abends erschöpft in ihr Bett. Abgestumpft, überfordert, irritiert und desillusioniert reagieren sie auf Impulse und Nachrichten, die neben den täglichen Anforderungen ihres Alltags auf sie einprasseln. Das schnelllebige Informationszeitalter trägt dazu bei, dass Neues bereits da ist, bevor Altes wirklich alt genannt werden kann. Das vor Jahren noch gleichmäßig plätschernde Zeitgefühl hat sich in eine rasant fahrende Achterbahn verwandelt. All die einströmenden Informationen zu verarbeiten und zu reflektieren – dafür bleibt kaum noch Raum und Zeit.

… über das bewusste Ich

Irgendwann kommt jedoch der Zeitpunkt, an dem wir aufgefordert werden, unser bisheriges Lebenskonzept zu hinterfragen. Sei es durch die permanente Überforderung, die sich in einem Burnout zeigt, durch depressive Phasen, die anzeigen, dass wir uns selbst verloren haben, durch körperliche Erkrankungen oder Ereignisse, die uns zwingen, innezuhalten. Unser bisheriges Verständnis vom Leben wird in Frage gestellt und wir beginnen, unser Leben neu zu betrachten. Wir lernen Verantwortung für uns und unser Leben zu übernehmen. Bisherige Werte werden in Frage gestellt und neue definiert, wir lernen unsere Bedürfnisse auf angemessene Art und Weise zu befriedigen und dafür zu sorgen, dass wir uns wohlfühlen. Wir beginnen, uns selbst zu erkennen, und erleben, wie viel Einfluss wir auf unser persönliches Erleben und die Gestaltung unseres Lebens haben. Ein neues Verständnis unseres Ich-Bewusstseins entwickelt sich. 

Ein „sich selbst bewusstes Ich“ erwacht und beginnt sein Leben zu formen und zu gestalten.

… hin zu einem bewussten Wir

Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses zum „selbstbewussten Ich“ entfaltet sich sanft das Erkennen, dass wir nicht nur Verantwortung für die Gestaltung unseres Lebens tragen, sondern Teil eines komplexen Systems sind, welches jedwede Grenze überschreitet. Wir werden uns bewusst, dass wir auch auf gesellschaftliche und globale Ereignisse Einfluss haben und unsere Vorstellungen, Überzeugungen und unser Verhalten einen Unterschied bewirken. Das, was uns das Informationszeitalter vorher an Kraft gekostet hat, schenkt es uns nun an Möglichkeiten.

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ wusste Aristoteles bereits 300 Jahre vor Christus. Heute spiegeln uns diese Erkenntnis das Internet und insbesondere die sozialen Netzwerke auf technologischer Ebene wider. Die globale Verbundenheit wird sichtbar und eine Bewegung, die für ein Miteinander statt ein Gegeneinander, für Teilen statt Besitz, für Verbindung statt Trennung, das Arbeiten an gemeinsamen Lösungen und das Stiften von Synergien steht, wächst, gedeiht und erblüht. Wir entwickeln uns weg vom Einzelkämpfer und erleben die Kraft der Gemeinschaft und Kooperation.

Ein „bewusstes Wir“ erwacht und beginnt gemeinschaftlich, Leben nachhaltig und fair zu formen und zu gestalten.

Aufbruch in eine neue Zukunft

Beobachten wir die Entwicklungen in Deutschland und der gesamten Welt, kann der Eindruck entstehen, dass die Welt aus den Fugen gerät und jeder sich selbst der Nächste ist. Es wird mit dem Finger auf andere gezeigt: die Flüchtlinge, die Politiker, die Gutmenschen, die Linksradikalen, die Rechtsradikalen, die Islamisten, die Verschwörungstheoretiker, die Lügenpresse, die Veganer, die Fleischesser, die Russen, die Amis, die Behinderten, die Nicht-Behinderten, die Reichen, die Armen, die Weißen, die Schwarzen …
Es wird eine Schublade geöffnet, eine Gruppe von Menschen hineingepackt, mit einem Etikett versehen und die Schublade wird wieder geschlossen. Wir wissen ja, was drinnen ist. Das Etikett genügt – meinen wir, doch das Einzige, was dieses Etikett bewirkt, ist, dass es unseren Blick für das Wesentliche trübt. Wir sehen weder den einzelnen Menschen in dieser Schublade, noch treten wir in Beziehung mit diesen Menschen. Und so bleiben uns Vielfalt, Gemeinschaft und gemeinsame Lösungsmöglichkeiten verschlossen.

Doch wenn es uns gelingt, unseren Blick von den Etiketten zu lösen, sehen wir immer mehr Menschen, die anders denken und handeln. Menschen, die sich nicht von ihrer Angst leiten lassen und ihren Fokus auf Lösungen und Möglichkeiten ausrichten. Menschen, die an eine friedliche und freie Welt glauben und bereits als Teil der Veränderung ihren Beitrag leisten. Darunter sind ÄrztInnen, PolitikerInnen, JournalistInnen, PädagogInnen, PsychologInnen, WissenschaftlerInnen, Wirtschaftsunternehmen, Verlage, Internetplattformen, Banken und Organisationen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind sich ihrer persönlichen sowie der Verantwortung im Gesamten bewusst und handeln dementsprechend.

Ein Mensch, welcher sich seiner selbst nicht oder nur wenig bewusst ist, kann diese Entwicklung als Bedrohung empfinden. Er erlebt sich weiterhin als getrennt und wird seine vermeintliche Freiheit mit Abgrenzung, Verurteilung, Auswüchsen von Gewalt und Fremdenhass verteidigen. Er wird von Angst regiert. Angst, die sich unter dem Mantel seiner vermeintlichen, persönlichen Freiheit versteckt.

Freiheit in Verbundenheit

Ein bewusstes, schöpferisches Ich jedoch heißt diese Entwicklung willkommen und feiert den Aufbruch in eine neue Zukunft. In eine Zukunft, in der Freiheit und Verbundenheit keine Gegensätze mehr sind. In der wir erkennen, dass Freiheit und Verbundenheit unserer Natur entsprechen und alles auf dem Weg erfahrene als notwendiger Entwicklungsprozess dient.

Es werden immer mehr Menschen weltweit, die erkennen, wie wichtig und wertvoll ihr Beitrag zur Gemeinschaft und der gesamten Menschheit ist. Die begreifen, dass wahre Freiheit nur in der Verbundenheit zu finden ist.

Das macht Mut und zeigt, dass Veränderung zum Wohle aller möglich ist.

In Träumen beginnt die Verantwortung

Es ist nur zu verständlich, dass wir immer wieder unseren Blick senken, Ängste und Zweifel sich in uns zeigen. Ja, die Welt kann Angst machen. Was mir in solchen Momenten hilft, ist ein inneres Bild: Vor meinem geistigen Auge sehe ich Menschen. Millionen Menschen. Sich selbst bewusste Menschen. Menschen, die sich weltweit erheben. Sie erheben sich für Freiheit, Verbundenheit und Frieden. Ein prachtvolles Bild unendlicher Schönheit, welches mich Kraft und Hoffnung schöpfen lässt.

Weiterlesen in maaS No. 4 "Ich und Verbundenheit"

Magazin maas No. 4 Ich und Gemeinschaft

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