Traum oder Wirklichkeit?

Spiritualität
Kurt Tepperwein
18 Dez 2020
Traum oder Wirklichkeit? Interview mit Kurt Tepperwein in maaS No 19 Spiritualität

pixabay

Wer bin ich wirklich? Identifiziere ich mich mit meinem Körper oder ist das Leben, wie wir es bezeichnen, nicht ein Traum? Die Welt verändert sich vollkommen, wenn wir einen Schritt zurücktreten und das Geschehen als neutraler Beobachter wahrnehmen.

Ich spreche mit Kurt Tepperwein, der mit 88 Jahren auf ein glückliches und erfülltes Leben blickt, darüber wie wir mit unserem Sosein unsere Realität verursachen. Der Autor von über 50 Büchern und unzähligen Videos erklärt mit einfachen Worten, wie wir unser Leben mit nur einem Schritt komplett verwandeln können.  

Was ist für Sie Spiritualität?

Spiritualität ist unser wahres Wesen. Wir sind nicht Menschen, die in der Meditation eine spirituelle Erfahrung machen, sondern wir sind spirituelle Wesen, die vorübergehend hier zu Gast sind, um eine menschliche Erfahrung zu machen. Es ist umgekehrt, als wir es normalerweise fühlen. Die meisten Menschen träumen nur vom Leben. Sie träumen natürlich, wach zu sein – niemand träumt zu schlafen – dadurch glauben sie, dass sie leben. Aber sie leben nicht! Denn das Leben beginnt nicht erst mit der Geburt des Körpers – der Körper ist nur seine Schuluniform. Das Leben eines Menschen beginnt erst in dem Moment, in dem er zu sich selbst erwacht und erkennt, wer er wirklich ist. Das verändert sein Sosein. Dieses Sosein bestellt entsprechende Ereignisse beim Leben. Solange ich in der Illusion lebe, ein Mensch zu sein, ziehe ich die ganz normalen, menschlichen Probleme in mein Leben und glaube, dass das Leben nun einmal problematisch ist. Erst wenn ich zu mir erwacht bin und nur noch die Menschen, Dinge und Ereignisse, Situationen und Umstände in mein Leben ziehe, die meinem erwachten Bewusstsein entsprechen, trete ich in das faszinierende Abenteuer meines wahren Lebens und erkenne, dass alles ganz anders ist, als es vorher war. Das sind zwei ganz verschiedene Lebensprogramme! Die meisten Menschen erleben das gar nicht. Sie sterben, ohne je aufgewacht zu sein. Das klingt hart, aber sie wissen es ja nicht! Sie glauben, das war ein Leben, aber es war nur ein Traum vom Leben. So ist es mit dem Träumen: Mitten im Traum wissen Sie nicht, dass Sie träumen. Sie erkennen erst morgens nach dem Wachwerden, dass es ein Traum war. Vorher dachten Sie, das wäre Wirklichkeit.

MaaS No. 19 SPIRITUALITÄT

Wie erwacht man aus diesem Traum?

Es ist nur ein einziger Schritt, der sofort und zuverlässig zum erwachten Bewusstsein führt. Und dann ist es die Entscheidung eines jeden Einzelnen, ob er wach bleibt oder wieder einschläft. Jede Veränderung geht in Wirklichkeit mit einem Schritt. Der Verstand macht daraus einen Prozess mit vielen Schritten und zweifelt, ob er das in diesem Leben schafft. In Wirklichkeit gibt es keine Hindernisse, das gehört zur Illusion des Ichs. Es ist bereits alles da, wir müssen uns nur erinnern.

Die meisten Menschen glauben, das zu sein, was sie im Spiegel sehen. Das erscheint so selbstverständlich, dass sie es gar nicht in Frage stellen. Eigentlich müsste ihnen die Weisheit der Sprache schon zu denken geben. Sie stehen vor dem Spiegel und sagen sich: „Das ist mein Körper.“ Aber wer sagt das denn? Wenn das mein Körper ist, kann ich das ja nicht sein. Ich habe auch ein Auto, aber das bin ich auch nicht. Die Sprache führt uns zu der Frage: Wer ist denn der Besitzer dieses Körpers, der Benutzer? Dann erkenne ich, dass ich derjenige bin, der sich irgendwann einmal für den Besuch der Schule des Lebens auf der Erde entschieden hat. Mich gab es also lange vorher, bevor an meinen Körper, meinen Verstand, meine Persönlichkeit zu denken war, lange bevor ich gezeugt war. Ich bin der, der sich entschieden hat, hierher zu kommen. Was ich im Spiegel sehe, ist nur meine Schuluniform, deren Herstellung mit der Zeugung beginnt und bei der Geburt fertig ist. Der Körper, der Verstand und meine Persönlichkeit sind nur Instrumente, mit denen ich das Leben erfahre. Ich bin der Erfahrende.

Wie kann man das praktisch erfahren?

Beenden Sie sofort die Identifikation mit der Illusion des Ich, indem Sie Ihrem Körper als Beobachter beim Leben zuschauen. Machen Sie sich bewusst: Ich bin nicht der Körper, ich bin nicht der Verstand, sondern ich habe einen Körper, ich habe einen Verstand, ich habe eine Persönlichkeit. Als der Besitzer dieses Körpers trete ich einen Schritt hinter meinen Körper, verlagere den Fokus meiner Aufmerksamkeit und schaue meinem Körper beim Leben zu. Ich greife nicht ein. Ich schaue nur zu, was er gerade macht, denkt und fühlt. Ich kann als Beobachter alles wahrnehmen. Damit habe ich den Stecker der Identifikation mit der Illusion des Ichs gezogen und trenne wieder in Realität und Wirklichkeit: Der Körper ist Realität, ich bin Wirklichkeit.

Beim Zuschauen geschieht ein zweites Wunder. Der Beobachter nimmt wahr, was gerade geschieht. Das heißt, ich komme ganz von selbst vom Denken zur Wahrnehmung. Der Verstand kann sich irren, er macht oft genug Fehler, denn er kann ja nur auf seine begrenzte Lebenserfahrung zurückgreifen. Die Wahrnehmung aber ist fehlerfrei. Sie nimmt einfach wahr, was ist. Wahrnehmung ist wie eine Kamera. Sie fügt nichts hinzu, sie lässt nichts weg, sie verändert nichts, sondern zeichnet nur auf, was gerade geschieht. Das Bewusstsein kennt keine Bewertung in gut oder schlecht, klein oder groß. Das macht nur der Verstand.

Das erwachte Bewusstsein kann nicht sterben. Das ist ewig. Es war vorher, es lebt während der Schulzeit und wenn es nach der Schulzeit die Schuluniform auszieht, was wir sterben nennen, dann geht es nur nach Hause und lebt immer noch, denn wir sind vollkommenes, ewiges Sein.

Hat es in Ihrem Leben bestimmte Stationen gegeben, die Ihnen diese Erfahrungen ermöglicht haben?

Die erste Station hatte ich mit 17 Jahren: Ich war viel zu schüchtern, einem Mädchen zu sagen, dass ich in sie verliebt war. Und ich wünschte mir ein Motorrad, an ein Auto war damals nicht zu denken. Mit einer Mark Taschengeld im Monat blieb das ein unerreichbarer Traum. Ich hatte also Probleme und wusste nicht, wie ich sie lösen und meine Wünsche erfüllen konnte. Ich war im Spiel des Lebens, aber ich kannte die Spielregeln nicht! Damals bin ich mit Meditation in Berührung gekommen. Weil ich keine Ahnung hatte, wie das ging, hat mich jemand in einer geführten Meditation auf einen Berg geleitet. Dort war eine Blockhütte mit einem thronartigen Sessel, auf dem ein alter, weiser Mann saß. Ich habe gleich gewusst, dass das mein innerer Meister ist. Ich habe ihn alles gefragt und er hat mir alle Fragen, eine nach der anderen, beantwortet. Ich habe dann täglich meditiert und meine Fragen gestellt: Wie kann ich die Prüfung bestehen, was soll ich da machen, was man eben für Sorgen hat mit 17 Jahren. Der Meister hat geduldig alles beantwortet. Nach sechs Jahren stand der Meister auf und sagte „Setz dich mal dahin! Du brauchst mich jetzt nicht mehr. Du kannst alle Antworten in dir finden.“, ging raus und ward nie wieder gesehen. Bei mir kam dann die Erkenntnis, dass der innere Meister mein wahres Sein ist. Das Ich ist also immer zu seinem wahren Sein gegangen und hat gefragt, wie ich mit meinen Problemen umgehen kann. Ich hatte also sechs Jahre lang Selbstgespräche geführt! Du erwartest ein Gegenüber, das du fragen kannst, aber in Wirklichkeit fragst du immer dich selbst.

Wir alle sind vollkommenes, ewiges Sein. Wir sind der Meister. Wir müssen nicht an uns arbeiten. Wir sind nicht hier, um bessere Menschen zu werden oder vorwärts zu kommen, sondern wir sind hier, um uns so schnell wie möglich zu erinnern. 

Gab es weitere, wichtige Stationen in Ihrem Leben?

Es war eine sehr beeindruckende Entdeckung, als ich erkannte, dass jeder ständig mit seinem Sosein sein Schicksal verursacht. Sie sind in Wirklichkeit ein Energiefeld und strahlen Ihre einmalige Schwingung aus – niemand sonst hat Ihre Lebenserfahrung, Ihre Vorstellungen und Programme und Verhaltensweisen. Damit bestellen Sie sich ein ganz normales menschliches Leben mit normalen menschlichen Problemen. Erst wenn Sie erwachen, verändert das sofort Ihr Sosein und Sie ziehen ein erwachtes Leben an. Das sind natürlich ganz andere Umstände. Es war für mich eine unglaubliche Entdeckung, dass das Schicksal nicht aus dem Dunkeln kommt, sondern wir es 24 Stunden am Tag selbst machen und ich es jederzeit ändern kann, indem ich mein Sosein ändere.

Das bedeutet auch, dass jeder Verantwortung für negative Erfahrungen in seinem Leben übernehmen muss.

Kinder können noch keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen, weil sie noch gar keine Ahnung davon haben, was Verantwortung ist. Sie würden kurz hochschauen und dann einfach weiterspielen. Viele Menschen machen das ein Leben lang und bleiben im Opferbewusstsein. Sie sind überzeugt, dass sie nichts dafür können. Sie glauben, dass man nichts machen kann und mit allem zurecht kommen muss. In der Schule der Zukunft wird das als Kinderkrankheit gesehen und entsprechend behandelt. Das Universalheilmittel heißt Erwachen. Wenn mein Sosein meine Zukunft verursacht und ich verantwortlich bin für mein Sosein, dann muss ich mein Sosein bewusst gestalten, damit meine Zukunft stimmt. Es gibt keine Schuld, nur Ursache und Wirkung. Sie sind die Ursache für ihr Sosein. Solange Sie glauben, dass Sie nichts dafür können, ändern Sie nichts und dann geht es genauso weiter.

Wie verändere ich mein Sosein, wenn ich in einer wirklich schlechten Situation bin?

Seien Sie einfach mal gut gelaunt! Die meisten sagen, dass sie sechs Richtige im Lotto haben müssten, um gute Laune zu haben. Das ist aber eine verkehrte Welt! Sie machen ihre Laune abhängig von den Umständen. Die Wirklichkeit ist andersherum: Ihre Umstände entstehen durch Ihre Laune. D. h., wenn Sie einfach ohne Grund gut drauf sind und sich wohl fühlen, weil Sie damit Ihre Zukunft verbessern – das ist Grund genug – verändert das sofort die Schwingung Ihres Energiefeldes und damit sofort das, was im Spiegel der Realität erscheint.

Machen wir noch einen Schritt: Seien Sie einfach mal sympathisch! Jetzt sagen die „Ichs“: „Ich glaube, ich bin einigermaßen sympathisch. Ich bin halt so wie ich bin.“ Nein, Sie entscheiden, wie Sie sind. Ich sage Ihnen das Geheimnis, wie Sie sofort sympathisch werden: Indem Sie am anderen einfach irgendetwas ehrlich sympathisch finden. Dadurch entsteht eine energetische Brücke der Sympathie. Der andere weiß nicht, was Sie gerade machen, aber sein Energiefeld verändert sich, weil er in Resonanz geht zu Ihrem Energiefeld. Auf diese Weise begegnen Sie nur noch sympathischen Menschen. Allein das schon verändert Ihr Leben. Das ist aber nur eine Nebenwirkung. Die eigentliche Wirkung ist: Ihr Sympathischsein verändert Ihr Energiefeld und damit erschaffen Sie eine sympathische Zukunft. Jetzt merken Sie: Ich kann es mir gar nicht leisten, schlecht gelaunt zu sein oder mich zu ärgern, weil ich dann eine ärgerliche Zukunft verursache. Dann gehen Sie gut gelaunt durch‘s Leben und verursachen, ohne sich darum zu kümmern, eine gut gelaunte Zukunft.

Das erfordert schon ein bisschen Übung oder Disziplin.

Ja, aber nur weil wir zu lange in der Illusion des Ichs und der Opferrolle waren. Wir müssen aus dieser Gewohnheit raus. Der Verstand macht das Problem! Er richtet seine Aufmerksamkeit immer auf das, was nicht stimmt, denn um alles andere müssen wir uns ja nicht kümmern. Indem er also Ihre Aufmerksamkeit auf die Unstimmigkeit des Lebens richtet, ändert das Ihr Sosein, die Schwingung Ihres Energiefeldes, und Sie verursachen eine unstimmige Zukunft. Ab jetzt überlassen Sie nicht mehr dem Verstand die Führung, der denkt, „Der könnte auch mal grüßen, wenn er rein kommt!“. Wenn Sie in Zukunft automatisch danach suchen, was Sie am anderen ehrlich sympathisch finden – die Stimme, die Kleidung, das Lächeln – schaffen Sie eine energetische Brücke. Dann ändern Sie mit einem entscheidenden Schritt Ihre Schwingung und damit Ihre ganze Zukunft.

Der letzte Schritt ist, wenn Sie aus der Illusion des Ichs aufwachen und ständig der Beobachter sind, sind Sie ständig bei Bewusstsein und verursachen ständig eine Zukunft, in der Sie sich wohlfühlen. Dann sind Sie erwacht und brauchen sich nur noch darum zu kümmern, dass Sie nicht wieder einschlafen.

Wann haben Sie sich das letzte Mal geärgert?

Daran erinnere ich mich noch genau. Ich habe mich darüber geärgert, dass ich mich nochmal geärgert habe, obwohl ich wusste, was ich damit anrichte in meiner Zukunft, aber es ist mir doch nochmal passiert. Das war der 23. Dezember 1979. Es war wirklich das letzte Mal. Viele kennen mich seit 30 Jahren und haben mich nie schlecht gelaunt gesehen.

Das Interview führte Anita Maas.

Dieser Text ist ein Auszug aus maaS No. 19 SPIRITUALITÄT. 
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