Schlachtfeld Beziehung

Frieden
Vivian Dittmar
25 Nov 2018
Den Hass begraben von Vivian Dittmar aus maaS No. 11 Frieden

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Den Hass zwischen Mann und Frau begraben

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als Frieden in meine Beziehungen zu bringen, insbesondere in meine Liebesbeziehungen zu Männern. Diese waren zwar einerseits geprägt von großer Leidenschaft, tiefer Liebe und Hingabe, zugleich jedoch zerrüttet von zermürbenden Kämpfen. Oft wusste ich gar nicht, worum es wirklich ging. Wenn es gut lief, war mir bewusst, worum es nicht ging: Es ging nicht um die oberflächlichen Belanglosigkeiten, an denen wir uns verhakten. Aber worum dann?

Schlachtfeld Beziehung

In jeder dieser schwierigen Beziehungen kam ein Punkt, an dem ich in das wutverzerrte Gesicht meines Geliebten blickte und darin vor allem eines las: blanken Hass. Und wenn das nicht geschah, dann strahlte die kalte Mauer, hinter die er sich zurückzog, den gleichen Hass aus. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich erkannte, dass dieser Hass nicht wirklich mir persönlich galt, sondern dem Weiblichen an sich. Und es dauerte noch eine ganze Weile länger, bis mir klar wurde, dass dieser Hass ein Spiegel meines eigenen Hasses war: ein Teil von mir, den ich sehr gut vor mir selbst, meinen Geliebten und dem Rest der Welt verborgen hielt, hasste Männer. Zutiefst.

Diese Erkenntnis war mehr als erschreckend für mich. Dieser Hass passte so gar nicht zu meinem Selbstbild als liebevolle, tolerante Person. Und dieser Hass war so mächtig, so unverrückbar und von solch archaischer Wucht, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ich ihm begegnen könnte. Ich wusste nicht wirklich, woher er kam – auch wenn er mir spontan tausend Gründe nennen konnte, warum er berechtigt war. Doch mir war klar, dass ich mir immer wieder Männer aussuchte, die unterbewusst Frauen hassten, genau wie ich unterbewusst Männer hasste. Kein Wunder, dass meine Beziehungen immer wieder zu Schlachtfeldern wurden!

Seitdem ist viel geschehen. So viel, dass dieser Hass nichts weiter als eine blasse Erinnerung mehr in mir ist. Doch nichts von dem geschah von jetzt auf gleich und es war ein langer Weg. Alles begann mit einem Entschluss: Ich wollte diesen Hass überwinden. Auch wenn es tausend Gründe gab, ihn aufrechtzuerhalten, es gab eine Instanz in mir, die wusste, dass dieser Hass keine Lösung war. Und auch wenn er in mir wie eine unüberwindbare Mauer erschien, gab es dennoch die Hoffnung, dass es möglich war. Die gleiche, weise Instanz in mir, die wusste, dass der Hass keine Lösung war, wusste auch, dass diese Mauer nicht nur überwindbar ist, sondern sogar aufgelöst werden kann.

Inzwischen war in meinen Beziehungen so viel schief gelaufen, dass ich neben dieser abstrakten Ebene des Hasses auf das Männliche an sich, die ich tief in mir vergraben hatte, durchaus auch ganz konkreten Hass auf ganz konkrete Männer hatte, die mir sehr, sehr weh getan hatten. Wenn ich auch nur daran dachte, das zu verzeihen, kapitulierte ich: „NIEMALS!” sagte der Hass. Intuitiv wusste ich jedoch, dass dieser konkrete Hass nur die Auswüchse jenes tieferen, kollektiven Hasses war. Er war die Wurzel. So aussichtslos es schien, die Auswüchse in den Griff zu bekommen, so naheliegend schien es, direkt an die Wurzel zu gehen. Aber wie?

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Von Kriegern für den Frieden lernen

Vor einigen Jahren hatte ich das große Glück, von einer israelischen Freundin zu einer Sulcha mitgenommen zu werden. Eine Sulcha ist ein Friedenstreffen zwischen Israelis und Palästinensern, das regelmäßig in einem Friedensdorf in Israel/Palästina stattfindet. Dieses spezielle Treffen war von einer Organisation initiiert, die sich Children of the Bereaved Families nennt – also Kinder der trauernden Familien. In dieser Organisation hatten sich Menschen beider Seiten zusammengefunden, die Familienangehörige in dem Jahrzehnte währenden Konflikt verloren hatten.

Das Treffen begann mit Musik. Jüdische und arabische Musiker spielten gemeinsam, sangen mal auf Hebräisch, mal auf Arabisch. Einmal mehr stellte ich fest, wie ähnlich die beiden Kulturen und Sprachen sind. Und ich bemerkte erstaunt, wie selbstverständlich viele Anwesende die jeweils andere Sprache verstanden. Zudem schaffte die Musik einen gemeinsamen, verbindenden Raum jenseits von Worten. Danach erzählten zwei Männer ihre Geschichte: ein Israeli, der bereits als Kind seinen Vater verloren hatte, und ein Palästinenser, dessen Bruder im Kampf gefallen war. Der Schmerz der beiden war im Raum spürbar und nahezu unerträglich. Und auch dieser Schmerz schaffte eine starke Verbindung jenseits von Worten.

Besonders beeindruckte mich der Palästinenser. Er hatte nicht nur seinen Bruder verloren, sondern war selbst als Hamaskämpfer lebensgefährlich verwundet worden. Sein Gesicht und sein Körper trugen die Spuren dieser Wunden. Irgendwann, ich weiß nicht warum, traf auch er eine radikale Entscheidung: „Ich werde nicht das Opfer meines Hasses sein.” Das war sein Wendepunkt. Er machte sich auf den Weg und schaffte es schließlich, seine Waffen niederzulegen. Er wurde Friedensarbeiter. Heute arbeitet er mit jungen Männern, Hamaskriegern, wie er selbst einer war. Er überzeugt sie, ihre Waffen niederzulegen und sich für echte Lösungen einzusetzen. Und das, obwohl er noch heute jeden einzelnen Tag vom israelischen Regime sanktioniert und schikaniert wird.

Der Mann beeindruckte mich, da er als Friedensarbeiter nichts von seiner Kämpfernatur eingebüßt hatte. Ich sah einen stolzen Krieger vor mir, der erhobenen Hauptes für das einstand, was ihn im Innersten bewegt. Er hatte seinen Hass abgelegt wie seine Waffen, da er erkannt hatte, dass dieser keine Lösung ist. Doch das hielt ihn in keiner Weise davon ab, die Missstände im Land zu thematisieren und zu verurteilen.

Was hat diesen Mann zu diesem Schritt befähigt? Wie ist es ihm gelungen, seinen Hass zu überwinden? Die gleiche Frage stelle ich mir, wenn ich mich mit der Lebensgeschichte von Nelson Mandela befasse. Woher kommt diese Kraft? Auch Mandela erzählt von einer bewussten Entscheidung: Als er das Gefängnis verließ, beschloss er, den Hass hinter sich zu lassen. So unterschiedlich unsere Geschichten und deren Kontexte sind, so deutlich sind doch die Gemeinsamkeiten: Jeder von uns traf an einem Punkt mit großer Klarheit die Entscheidung, sich neu auszurichten.

Das Weibliche und das Männliche feiern

Durch meine Kindheit auf Bali habe ich sehr früh die enorme Kraft von Ritualen kennengelernt. Dort werden Rituale ständig eingesetzt, um andere Bewusstseinsebenen zu erreichen und um kollektive Prozesse zu ermöglichen. Mir fiel auf, dass Vergleichbares in unseren modernen Industriekulturen komplett fehlt, obwohl Menschen seit Anbeginn der Zeit Rituale genutzt haben. Die meisten Rituale, die ich bei uns kennengelernt habe, waren leere Hüllen, Formalitäten, denen jene innere Kraft fehlte, um die es eigentlich geht. Ich begann mit gleichgesinnten Frauen und Männern zu experimentieren. Meine Arbeitshypothese: Da Menschen seit Anbeginn der Zeit Rituale genutzt haben, um sich psychisch gesund zu halten, müsste das Wissen darüber genauso in uns gespeichert sein wie das Wissen um unsere kollektiven Traumata. Es entstanden archaische Rituale, um das weibliche und das männliche Prinzip zu feiern. Das war die gesetzte Absicht. Alles andere entwickelte sich aus der Gruppe. Jedes Ritual war anders und doch wiederholten sich bestimmte Elemente immer wieder. Wir wussten, wie das geht, jeder Einzelne von uns. Wir trugen unser Wissen zusammen und ließen die Rituale so entstehen.

Der Wunsch, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu befrieden, zog sich wie ein roter Faden durch diese Nächte. Und es wurde immer deutlicher, dass es zwar einerseits etwas ist, womit jede(r) Einzelne zu ringen hat. Zugleich ist es etwas, das viel größer ist als jede(r) von uns. Wir alle waren uns der Tatsache bewusst, dass wir an kollektiven Themen arbeiteten und dass die Befriedung dieser beiden Prinzipien keine persönliche Angelegenheit ist. Wir nutzten Worte nur sehr sparsam und fanden andere Formen, um die Schönheit der beiden Prinzipien zu feiern. Jedes Mal war es eine Entscheidung, die schmerzvolle Vergangenheit zwar nicht auszublenden, jedoch bewusst abzulegen, um gemeinsam eine neue Basis zu finden. Wie bei der Sulcha.

Beziehungen beginnen zu heilen

Ich kann nicht rational erklären, was in diesen Nächten geschah. Doch ich weiß, dass eine tiefe Wunde in mir begann zu heilen. Die Wurzel des Hasses wurde ausgegraben und an ihrer Stelle ein neuer Samen gesetzt: ein Samen der Liebe zum Weiblichen und zum Männlichen an sich als Ausdruck des Lebens, das ich so liebe. Ja, meine Beziehungen begannen zu heilen – zu meinen Geliebten, zu meinen Söhnen, zu meinem Vater. Doch das waren die Früchte eines Heilungsprozesses, der viel tiefer ging. Überspitzt ausgedrückt war es ein Nebeneffekt meiner eigenen Heilung. Ein weiterer Nebeneffekt war, dass ich aufhörte, mich in Männer zu verlieben, die Frauen hassen, da ich keine Männer mehr hasste. Bin ich deshalb mit allem einverstanden, was zwischen Männern und Frauen auf dieser Welt passiert? Natürlich nicht. Doch meine spontane, natürliche Reaktion darauf ist heute Anteilnahme und Liebe, statt Hass und Verurteilung. Und diese Liebe heilt und befriedet nicht nur mein eigenes Herz, sondern lindert auch die Schmerzen der Menschen, mit denen ich in Kontakt bin.

von Vivian Dittmar

Dieser Text ist ein Auszug aus maaS No. 11 FRIEDEN

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