Reise vom Verstand zum Herz

Gefühl und Verstand
Juliane Wothe / Angaangaq
6 Nov 2017
Grönländischer Schamane Angaangaq 'Schmelzt das Eis in euren Herzen

Sven Nieder

 "Immer, wenn du mit deinem Herzen sprichst, wirst du auch Antwort erhalten. Es ist an uns zu lernen, auf unsere Herzen zu hören."

              Angaangaq ist Geschichtenerzähler und Heiler. Als Ältester der Eskimo-Kalaallit  erzählt er die Geschichten der indigenen Bevölkerung Grönlands – mit der Quilaut, der Eskimo-Windtrommel, dem "Instrument des großen Himmels". Von Kindheit an wurde er von seiner Familie, insbesondere seiner Großmutter Anakasaa, auf die Aufgabe als Schamane vorbereitet und unterwiesen. Seine Botschaft ist ein geistiger Klimawandel mit der Absicht, das Eis im Herzen der Menschen zu schmelzen. Seine Art ist dabei von einer besonderen Authentizität, Herzlichkeit, Stärke und einem erfrischenden Humor geprägt.

              „Ich wuchs in einem winzig kleinen Dorf auf. Es gab nur drei Häuser und ungefähr 20 Menschen um mich herum. Väter und Mütter jagen und fischen, um die Familien zu ernähren. Die Großmütter kümmern sich um die Kinder. Meine Großmutter sagte immer 'Hör zu! Hör zu! Und dann hör noch mehr zu! Nur dann wirst du in der Lage sein, eine wirklich lebendige Geschichte zu erzählen.'“

              Heute spricht das Eis: Aus einem ersten Rinnsal sind mittlerweile tosende Flüsse geworden, die sich aus dem 'Großen Eis' in den Atlantik ergießen. Seit dieses erste Rinnsal bemerkt worden war, nahm die durchschnittliche Höhe der Eiskappe von fünf Kilometern auf drei Kilometer ab, und dieser Prozess beschleunigt sich. Heute brechen Hunderte reißender Flüsse übers ganze Jahr aus dem Eis hervor. Aus geologischer Sicht vollzieht sich die Eisschmelze unmittelbar, augenblicklich. Das Schmelzen des Eiskaps ist der dramatischste Beweis des globalen Klimawandels und seiner exponentiellen Beschleunigung. Gewiss ist, dass sich unsere Welt verändert und diese Veränderungen bestenfalls unsere Lebensweise verändern und schlimmstenfalls zerstören wird.

            „Die Alten sagen, in unserem Leben sind wir so zerbrechlich wie ein Grashalm.

Auch die Gesellschaft, in der wir leben, ist so zerbrechlich wie ein Grashalm. Auch Unternehmen und ihr Wohlergehen sind so zerbrechlich wie Grashalme. Jeder einzelne Stützpfeiler für unser Leben, der Einzelne, die Gesellschaft und die Wirtschaft, sind für sich genommen zerbrechlich, bis wir zurück zu Harmonie und Gleichgewicht finden. Zuerst muss Gleichgewicht in mir herrschen. Meinen Verstand, meine Seele und meinen Körper muss ich in Harmonie verflechten wie die Halme des Mariengrases. Erst dann werde ich stark. Mit der Gesellschaft ist es das Gleiche. Wenn wir Gleichgewicht finden zwischen dem Individuum, der Familie und der Gemeinschaft und diese in Harmonie zusammen bringen, wird die Gesellschaft stark und unerschütterlich sein. Ebenso ist es mit den Unternehmen: Wenn es gut läuft, werden sie für den Lebensunterhalt in der Gesellschaft sorgen. Dann geht es der Gesellschaft gut. Wenn es der Gesellschaft gut geht, wirst auch du ein gutes Leben haben. Erst wenn es den Individuen in einer Gesellschaft wirklich gut geht, wird sie stark, so wie der Schlegel für die Windtrommel, der aus Mariengras geflochten ist.“

              Den Menschen in Europa geht es heute materiell betrachtet sehr gut. Sie können sich alles kaufen, aber die Gesellschaft selbst funktioniert nicht so, wie sie sollte. Sie fällt auseinander. „Die Individuen eurer Gesellschaft werden immer ärmer, obwohl ihr so viel mehr Geld habt als ich es jemals hatte. Ich wurde in einer Gesellschaft ohne Geld geboren. Als die ersten Münzen auftauchten, haben wir sie als Kette um den Hals getragen, sie hatten ein Loch in der Mitte. Wir wussten nichts anderes damit anzufangen.“

              Das Ungleichgewicht zwischen dem Leben, der Gesellschaft und dem Unternehmen ist unvorstellbar groß. Das Materielle und das Geistige sind wie zwei Flügel eines Vogels. Wenn sie nicht gleich stark sind, kann ein Vogel niemals fliegen. „Auch wir Menschen können nicht abheben, wenn wir uns im Ungleichgewicht zwischen Geist und Materie befinden. Wir können unsere Familien nicht tragen und ihren Wohlstand nicht kreativ vermehren. Solange es dir nicht gut geht, wird die Gesellschaft, in der du lebst, nicht funktionieren. Wenn dein Geist, dein Verstand und dein Körper sich im Gleichgewicht befinden, bist du stark. Du kannst arbeiten und kreativ Einkommen für deine Familie generieren. Und wenn du das tust, steuerst du gleichzeitig etwas zur Gesellschaft bei. Und das wird dazu führen, dass es der ganzen Nation gut geht.“

              Heute Nacht geht fast eine Milliarde Menschen schlafen, ohne ausreichend gegessen zu haben. Hungrig. Und fast eine Milliarde Menschen trinkt heute ausschließlich verschmutztes Wasser. „Der Wohlstand in der Gesellschaft, den wir geschaffen haben, speist nicht das gesamte System, sondern lässt zu viele Menschen aus. Geld ist das Blut der Gesellschaft. Und wenn dein Blut nicht in alle Teile deines Körpers fließt, werden Teile deines Körpers krank und sterben schließlich ab. Dein Körper wird nicht richtig funktionieren. Das Gleiche geschieht mit der Gesellschaft. Wenn es für einen schwierig wird, wirkt sich das auf alle anderen aus, denn wir sind nicht allein. Wir leben zusammen.“

              „Hat heute irgendjemand zu dir 'Guten Morgen' gesagt?

Nein? Es ist als würdest du in deiner Gesellschaft nicht existieren. Niemand sieht dich. Aber du bist es wert, dass man zu dir 'Guten Morgen' sagt! Die Gesellschaft erkennt dich nicht an und oft bist du es sogar selbst, der seinem Gegenüber kein Lächeln anbietet und der nicht 'Guten Morgen' sagt. Und weißt du, was ein Lächeln bewirken kann? Ein Lächeln, was von Herzen kommt, kann das Schönste im anderen hervorbringen! Wenn du einfach lächelst, bringst du ein Lächeln im anderen hervor. Ein Lächeln hebt den Geist an und ein wacher Geist bedeutet Lebendigkeit und Freude."

              „Meine Aufgabe ist es, das Eis in den Herzen der Menschen zu schmelzen,

denn nur wenn wir das Eis in den Herzen der Menschen schmelzen, haben die Menschen die Chance, sich zu verändern und ihr Wissen weise anzuwenden. Wenn wir unseren Kindern nicht beibringen, ihr Wissen weise anzuwenden, werden sie genau das wiederholen, was wir ihnen vorleben. Dann wird es nie eine Veränderung geben und es wird schwer, gemeinsam eine Zukunft zu schaffen. Das Wichtigste dabei ist, dass wir einander danken und Dankbarkeit empfinden. Der Klimawandel muss in uns geschehen: Wenn das Eis in deinem Herzen geschmolzen ist, wirst du dich verändern.“

              Das Eis in den Herzen der Menschen schmelzen – darum geht es in den Lehren der Eskimo-Kalaallit, die keinen Krieg kennen. Ihre Jahrtausende alten Lehren rufen uns dazu auf, den Abstand zwischen unserem Herzen und unserem Verstand zu überwinden: Durch Achtsamkeit und innere Kraft, durch Mitgefühl und Liebe, durch Mut und Güte – erreichen wir persönliche Transformation und globale Heilung für jetzt und alle Zeiten. Es ist an der Zeit, unsere Stimmen und unsere Herzen zu vereinen und das fehlende Gleichgewicht auf unserer Erde wieder herzustellen.

              „Die größte Distanz im Dasein des Menschen ist weder von hier nach dort noch von dort nach hier. Nein, die größte Distanz im Dasein des Menschen ist die von seinem Verstand zu seinem Herzen. Nur indem er diese Entfernung überwindet, lernt er wie ein Adler zu segeln und seine innere Unermesslichkeit wahrzunehmen."

Über Angaangaq:

Angaangaqs Engagement für die Umwelt und die indigenen Völker der Erde bringt ihn in fast 70 Länder dieser Welt. In seinen Geschichten integriert Angaangaq die mündlich überlieferten Heiltraditionen und Weisheiten der uralten Eskimo-Lehren in Kreisen und in Aalaartiviit, den traditionellen Schwitzhüttenzeremonien der Eskimos. Er spricht international über die Umwelt, den Klimawandel und indigene Themen. Seine Arbeit ist weltweit hochgeachtet für die Förderung von interkultureller Harmonie.

www.icewisdom.com

Text: Juliane Wothe nach einem Vortrag von Angaanaq auf der Wisdom Together Conference , Juni 2017 in München

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Band maaS No. 7 'Gefühl und Verstand'

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maaS No. 7 Gefühl und Verstand