Ode an die Reife

WANDEL
Stefanie Menzel
2 Sep 2020
Ode an die Reife von Stefanie Menzel

pixabay

Wenn wir der Reife den Namen „Altern“ geben, fahren wir Menschen alle Geschütze auf und ziehen in den Kampf gegen Falten und Zahlen. Aber bei all dem Cremen, Spritzen und Verdrängen verpassen wir die Chance, die Schönheit im Älterwerden zu erkennen.

Der Apfel wächst und gedeiht am Baum. Er saugt Licht und Luft in sich auf und wenn er besonders rotbackig, knackig und rundum glänzend ist, landet er in unseren Supermärkten, in unseren Einkaufstüten und schließlich in unseren Obstschalen. Dort wartet er nicht nur auf seinen Einsatz im Obstsalat oder in der Lunchbox, nein, er sieht mit dem anderen Obst zusammen auch noch hübsch auf dem Esstisch aus. Wird der Apfel allerdings überreif, wird er schnell von uns aussortiert und landet im Müll.

Bei uns Menschen verhält es sich mit der Reife ähnlich. Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied: Für die Präsentation auf der Verkaufsfläche, in der Auslage und vor allem für das Aussortieren sind wir bei uns in erster Linie selbst verantwortlich. Denn wir sind es selbst, die alles dafür tun, neben dem anderen Obst in der Schale gut auszusehen. Wir zeigen uns von der richtigen Seite und präsentieren uns vor allem in unserer knackigen Phase. Wenn diese droht dem Alter zu weichen, dann versuchen wir alles, um den Prozess zu stoppen. Wir cremen, liften, spritzen und filtern die Reife weg. Wenn der Apfel längst in der Biotonne liegt, stehen wir noch lange vor dem Spiegel, wackeln an unseren Oberarmen, ziehen die Falten in unserem Gesicht glatt und überschminken, was uns an die Reife erinnert.

Die Reife des Apfels

Denke für einen Moment an den saftigen, knackigen Apfel: Du hast ihn gerade im strahlenden Sonnenschein von einem alten Apfelbaum gepflückt, der seit vielen Jahren fest verwurzelt auf einer Blumenwiese allen Witterungen getrotzt hat. Was braucht es, damit ein solches kleines Wunder an Lebendigkeit Realität werden kann? Am Anfang einen kleinen schwarzen Kern! In diesem kleinen Kern stecken alle Informationen, die deinen Apfel haben werden lassen.  Die Form der Blätter, die Farbe seiner Blüten und seines Stamms, die Art der Verästelung, all das gab ihm ein unsichtbarer Bauplan vor, der Geist des Apfelkerns. Alles, was das Bäumchen erlebt hat, alle Stürme, alle Trockenheit, alle Ungeziefer, alle guten und alle schlechten Zeiten haben sich am Ende in den Kernen der Früchte eingeprägt, verewigt, um die Entwicklung und die Überlebenschance im ewigen Zyklus des Lebens zu erhöhen.

Jahr für Jahr sind Äpfel an ihm gewachsen und entweder geerntet worden oder im Kreislauf des Lebens – dem Wachsen und Vergehen – verblieben.

Beim Apfel gibt es die Pflückreife und die Genussreife. Wir sollten den Begriff „Lebensreife“ ergänzen. Denn die wahre Reife erreicht der Apfel nicht, wenn er rotbackig in unseren Händen liegt. Nein, der Apfel reift erst dann, wenn wir ihm die Zeit und den Raum geben, am Baum zu verweilen und langsam an Knackigkeit zu verlieren und schrumpelig zu werden. Erst wenn so mancher Käfer, Pilz und Wurm an ihm nagt und ihm zu schaffen macht, erst wenn er zu Boden fällt und die kleinen harten Kerne als Quintessenz des Apfellebens ihrem Schicksal überlassen werden, können wir von wahrer Reife sprechen. Das ist der wahre Lebenszyklus, der sich tagaus tagein, jahraus, jahrein, in allen Lebewesen – mehr noch – überall, wo es Leben gibt, ereignet. Ungefragt. Geduldig. Sinnerfüllt. Das ist Reifung und Wandel in aller Perfektion!

Wandel ist sinnvoll

Wandel beschreibt den weichen Ablauf eines der wichtigsten Lebensprinzipien, das ständig präsent ist, aber sich uns nicht täglich so deutlich offenbart. Alles, das gesamte Sein, ist dem immerwährenden Wandel unterworfen. Stell dir also nicht nur vor, wie sich der kleine Apfel vom alten Baum immerzu dem Wandel hingibt, bestaune auch den Wandel, den du an jedem Tag, in jeder Stunde, Minute und Sekunde durchlebst: Deine Zellen gestalten unaufhörlich, sie sind im Fluss – sterben, bauen, erschaffen, verdauen, leben. Alles ist Prozess, es gibt niemals im Leben Stillstand! Und jede der Veränderungen folgt einem innewohnenden Sinn! Nichts, aber auch wirklich gar nichts, geschieht sinnlos! Und was machen wir aus diesem atemberaubenden Prozess, der unserem Leben Sinn verleiht? Wir erklären ihn zum Feind und kämpfen täglich gegen ihn an.

Wie beim Beispiel unseres Apfels und seinem sinnerfüllten Kern, hat auch jeder Mensch einen „Kern“ und daraus folgend einen individuellen Lebenszyklus, dem er unterliegt. Unser „Kern“ ist es, der auf dieser Welt etwas erleben und lernen will. Wir nutzen die ersten Lebensjahre zur Orientierung, saugen erst alles in uns auf, um uns im Teenageralter bewusst abzugrenzen und das eigene Sein zu entdecken. Im jungen Erwachsenenalter sucht man einen Beruf, macht ein Studium, findet einen Partner und gründet eine eigene Familie. Und dabei ist eins wichtig: Man will als junger Mensch alles verändern, besser machen als die Alten, ihre Fehler markieren und selbstverständlich die Welt retten. Ein innerer Motor des Wandels treibt uns Menschen in dieser Zeit unermüdlich an. Das gibt Kraft, Erfindungsgeist und Perspektive. Aber schon sehr bald spüren wir, dass die alten Traditionen und Glaubenssätze uns tiefer und fast unveränderbar geprägt haben; mehr als wir es in unseren jungen Jahren für möglich gehalten hätten. So leicht ist es nicht, alle Schritte neu zu denken und die alten Bahnen der Vorfahren konsequent zu verlassen. Sowohl die Familie als auch die Bildung haben uns tiefe wirksame Muster mitgegeben, denen wir uns erst einmal stellen dürfen.

Das Leben in Frage stellen

Oftmals ist für das Einläuten eines solchen Prozesses eine Krise ursächlich. Finanziell, beruflich, gesundheitlich oder familiär kann uns etwas emotional so stark belasten, dass wir uns und das Leben in Frage stellen. Jetzt bekommen wir die Chance, das gesamte Leben zu hinterfragen und möglicherweise aufzuarbeiten. Hier entscheidet sich, ob wir Wandel bewusst leben und die Reife als nächsten Schritt in unserem Leben würdigen wollen. Leider unterschätzen wir in unserer westlichen Kultur die Sinnhaftigkeit und Wichtigkeit von Krisen. Wenn wir nicht mehr so leistungsfähig sind, haben wir sehr schnell unsere Bedeutung für die Gesellschaft verloren. Wir sind zwar an Zahlen noch nicht alt, aber wir bringen anscheinend beruflich und damit gesellschaftlich keinen Nutzen mehr.

Der Weg nach innen lässt uns reifen

Da wir in unserem gesamten Leben den Wandel und die Vorteile der ständigen Veränderungen nicht wahrgenommen haben, ist es uns vollkommen fremd, den Wandel und die Qualität des Alters zu erkennen, geschweige denn anzuerkennen und bewusst zu gestalten. Wenn wir uns nie die Zeit und den Raum genommen haben, unsere Spiritualität zu entdecken und den Wandel in seinem mannigfaltigen Ausdruck zu schätzen, dann fallen wir im Älterwerden in einen verführerischen Aktivismus. Sport, Reisen, Museen, Kunst, Beauty und Botox, Wellnessprogramm und Wohnwagen bieten uns genügend Ideen und Möglichkeiten, vor uns selbst und unseren anstehenden Wandlungsprozessen wegzulaufen. Der fortschreitende Wandel hin zum reifen und weisen Menschen scheint wie ein drohendes Damoklesschwert über uns zu schweben. Der Weg nach innen, um die erlebten Dinge und Ereignisse der eigenen Biographie bewusst zu verarbeiten, scheint vernagelt zu sein. Nicht nur, dass uns die Gesellschaft für überflüssig hält, wir selbst sehen keinen Sinn im Leben, geschweige denn, in der Vorbereitung auf das Sterben! Viele wollen ihr gelebtes Leben lieber vergessen, als den Wandel des Lebens zur Vollkommenheit zu führen und zu reifen.

Jedoch wird nur ein reifer Mensch von seiner Nachwelt ernstgenommen. Von ihm kann man lernen und spüren, dass das ganze Kommen und Gehen des Lebens einen Sinn hat. Der kleine schwarze Apfelkern ist die Quintessenz des Apfellebens. Unsere Seele, die ihr Leben erkannt, den Sinn erfüllt und an den Ereignissen bewusst gereift ist, ist die Quintessenz von uns Menschen, mit der wir unser materielles Leben beenden werden. Wie ein Schmetterling sich aus der Raupe entwickelt, können auch wir uns zu einem neuen Bewusstsein erheben.

Fühl deinen eigenen Wandel und anerkenne die Prozesse, die in jedem Augenblick in dir wirken. Du bist der Wandel!