Nach uns die Sintflut?

SINN
Anita Maas
16 Okt 2019
Kongress Wirtschaft und Spiritualität in Kirchzarten vom 3.-6.10.2019

Frank Scherer

So schaffen wir den Richtungswechsel!

Wir brauchen dringend Impulse für neues Wirtschaften und ein kollektives Bewusstsein zur Heilung der Erde, sonst wirtschaften wir uns und alles andere Leben zu Grunde. Schmerzlich wird bewusst, dass es unserem Leben an Spiritualität fehlt, an der Anbindung an die innere Quelle. Hätten wir bei unseren wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen eine Verbindung an unser Herz, wären wir beseelt, glaubten an ein übergeordnetes Ganzes und berücksichtigten wir die Instanz unseres Gewissens bei allen Entscheidungen, sähe die Welt anders aus.

Das sind die Fakten

Es war aufrüttelnd und erschreckend wieder einmal in voller Härte auf die Realitäten hingewiesen zu werden: die Gletscher und die Polkappen schmelzen schneller als vorhergesagt, an 3 Grad-Klimaerwärmung kommen wir nicht mehr vorbei, auch wenn wir sofort alle fossilen Brennstoffe in der Erde ließen. 100 Mio. Klimaflüchtlinge werden sich auf den Weg machen und der erbitterte Kampf um das Wasser beginnt. Seit 25 Jahren gibt es weltweite Klimakonferenzen mit dem Effekt, dass sich die schädlichen Klimagase in der Zeit verdoppelt haben. Das sind brutale Nachrichten. Die einen wollen es nicht wahrhaben, die anderen sind ohnmächtig gelähmt und stecken den Kopf in den Sand. Aber immer mehr werden wach und begreifen, dass wir unseren Kindern nicht sagen können, dass wir sie lieben und ihnen gleichzeitig jeden Tag mit unserem unbeirrten Lebensstil die Existenzgrundlage für ihre Zukunft entziehen können.

Das Wirtschaftswachstum zerstört den Wirt

Die Ökonomen kennen bisher nur Wachstum. Höher, schneller, weiter. Jedes Jahr. Wohin soll das führen? Irgendwann wird diese Krebswirtschaft den Wirt, unsere Erde, zerstört haben, denn es gibt kein ewiges Wachstum. Wenn wir in Balance sein wollen, müssen wir weniger produzieren und weniger verbrauchen. Wie sind wir gestrickt, dass wir angefacht von der Werbung, die uns unentwegt neue, schöne Dinge zeigt, ständig konsumieren und damit die Wirtschaft ankurbeln? Dabei macht uns der ständige Konsum gar nicht zufrieden. Im Gegenteil. Gerade, weil er uns nicht satt macht, sind wir so anfällig für immer weitere schöne Dinge, mit denen wir unsere Leere zu füllen versuchen. Wir haben unsere Herzen verdinglicht. Wir kaufen Essen und werfen es weg, wir kaufen Kleider und ziehen sie nicht an, wir fliegen in den Urlaub und hinterlassen Müll, verbrauchen Wasser, verschmutzen die Luft und stürzen uns danach in denselben Wahnsinn wie vorher.

Wir handeln alle mehr oder weniger so, obwohl wir es besser wissen! Niemand kann sagen, dass die Fakten nicht auf der Hand liegen. Wir müssen auf materielle Dinge verzichten und begreifen, dass was bisher als Wohlstand galt in Wahrheit ein Notstand ist. Wir sind arm an innerer Entwicklung, an wahrem Miteinander, an Liebe und Weisheit. Wir könnten innerlich wachsen, indem wir Zeit in der Natur verbringen, uns Kultur und Weisheitslehren beschäftigen oder einfach nur das Sein genießen. Das Potential für qualitatives Wachstum ist gigantisch!

Warum kommen die Warnsignale nicht an und wird die Dringlichkeit nach radikaler Veränderung immer noch nicht erkannt?

Die Informationen bleiben meistens im Kopf, weil wir uns nicht die Zeit nehmen, diese Botschaften bis ins Herz sacken zu lassen und im Körper wahrzunehmen. Was machen die Informationen über den Zustand der Erde mit mir? Wo spüre ich sie? Lasse ich zu, dass sie mich traurig, wütend oder ohnmächtig machen? Schnürt sich mir die Kehle zu oder fühle ich einen Druck im Magen? Das Gehörte oder Gelesene muss Raum haben anzukommen, sonst bleibt es reine Information, die nichts bewirkt. Wir dürfen die Herzen nicht verschließen, sondern mitleiden mit den vertrockneten Bäumen, den hungernden Eisbären, den Menschen, deren Ernten ausbleiben.

Ein kontemplativer Lebensstil, in dem Zeit und Raum für Reflexion ist, um das Gehörte nachschwingen zu lassen und darauf reagieren zu können, bringt uns wieder mit allem in Verbindung. Denn wir sind nicht abhängig oder unabhängig, sondern wir sind interdependent. Alles ist mit allem verbunden und bedingt sich gegenseitig. In der Meditation, der Ruhe, der Stille, dem Nichtstun kommen wir wieder damit in Verbindung.

Dann denken wir nicht nur an unser eigenes Leben, sondern begreifen, dass das Leben alle Pflanzen, Tiere und Menschen, alle Berge, alle Seen, alle Flüsse – die ganze Erde meint. Wir stehen auf den Schultern der Pflanzen und Tiere, die unser Leben erst ermöglicht haben. Ohne die Pflanzen haben wir keine Luft zum Atmen. Aber unser Artenreichtum schwindet, jeden Tag um 150 Arten. Wir können nicht ohne die anderen vielfältigen Lebensformen überleben. Es geht nur miteinander. Und auch dafür müssen wir uns öffnen und es in jeder Faser unseres Seins spüren.

Die Trägheit überwinden

Selbst wenn wir den Ernst der Lage komplett verinnerlicht haben und es in allen Zellen unseres Körpers angekommen ist, gilt es die Trägheit zu überwinden, die schlimmste aller Todsünden. Es erfordert Konsequenz, das Brechen alter Gewohnheiten und das Erschaffen eines neuen, lebenswerten Lebens, mit dem wir für andere wieder ein Vorbild sein können. Es ist schlicht unmöglich, den berechtigten Wunsch der sogenannten Schwellenländer nach dem gleichen „Wohlstand“ erst zu erfüllen und dann davon abzukommen. Die Erde schafft es nicht, für alle Menschen Autos und Konsumgüter zu produzieren. Aber wir könnten ihnen zeigen, dass es etwas wesentlich Erstrebenswerteres gibt als unbegrenzten materiellen Wohlstand und das Glücksbruttsozialprodukt einführen. Wir könnten Bildung, schöne Künste und gelingendes soziales Miteinander an erste Stelle stellen statt Zuwachsraten und krebsartiges Wachstum.

Wie gelingt es aber diesen absoluten Mindshift als Gesellschaft hinzukriegen? Wie komme ich dahin, dass Reden und Tun nicht zwei verschiedene Dinge sind?

Es ist schwierig, mit einer Veränderung diesen Ausmaßes alleine zu beginnen. Um die Trägheit zu überwinden, brauchen wir die Verbindung mit anderen. Wenn wir uns vernetzen, fällt es viel leichter, den ersten Schritt mit anderen zu gehen, Seite an Seite, dabei zu bleiben und sich gegenseitig zu animieren und über sich hinaus zu wachsen. Das größte Lebewesen der Erde ist ein Pilz, dessen Myzel sich von Südamerika bis Nordamerika erstreckt. Ein sehr schönes Vorbild wie wir uns miteinander verknüpfen können und so ein großes Ganzes entsteht! Dabei können wir gleichzeitig unser größtes kollektives Trauma heilen: Das Trauma der Trennung. Wir haben uns als Menschheit voneinander getrennt. Nur deswegen ist es möglich auf Kosten anderer zu leben und das Leben um uns herum zu zerstören.

Drastische Maßnahmen

Eine drastische Situation erfordert drastische Maßnahmen. In diesen Zeiten ist es erforderlich, mutig voranzugehen und nicht alles auszudiskutieren. Wenn ein Schiff auf einen Eisberg zusteuert, muss der Kapitän sofort reagieren. Das heißt wir brauchen Menschen, die mutig genug sind, um auch unpopuläre Entscheidungen zum Wohle aller zu treffen. Zum Beispiel:

  • 50% des Planeten unter Naturschutz stellen (das beginnt im eigenen Garten!)
  • Keinen Boden mehr versiegeln für Gewerbeflächen
  • Konsequenter, sofortiger Umstieg auf Sonnenenergie

Für den Einzelnen sind die bekannten Maßnahmen wie

  • Vegetarische oder vegane Ernährung
    Massentierhaltung und „Fleischproduktion“ ist nicht mehr möglich, wenn ich mich mit allen Lebewesen verbunden fühle.
  • Einfachheit
    Verzichte auf das, was es für eine Existenz in Würde nicht braucht. Dann lebst du in Schlichtheit, ohne die Schönheit zu verneinen.
  • Kontemplation
    Verbinde dich mit deinem Selbst, den anderen Lebewesen und dem großen Ganzen.
    Präsenztraining und Beziehungsfähigkeit sind ein Heilmittel für das kollektive Trauma der Trennung

Es ist so einfach …

Wir hören auf, den Regenwald abzubrennen und fruchtbaren Boden zu zerstören, wir forsten wieder auf und stoppen sofort das Verbrennen von fossilen Brennstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle. Stattdessen nutzen wir die im Überfluss vorhandene Solarenergie, Windenergie oder Wasserkraftenergie. Dezentral natürlich. Überschüssige Energie wird genutzt, um Wasserstoff zu erzeugen, der als Speichermedium genutzt werden kann. Damit können auch Autos betrieben werden, die als Abgas nur Wasser ausscheiden. Die Technologien für all das sind vorhanden und ausgereift. Sie müssen nur eingesetzt werden. Sonne, Wind und Wasser schicken uns nicht einmal eine Rechnung.

Es bleibt uns noch eine Gnadenfrist von 10 Jahren, um Schlimmeres zu verhindern. Alle „Kosten“ die durch eine noch stärkere Klimaerwärmung entstehen, sind unvergleichlich höher! Aber wir brauchen Menschen, die solche drastischen Veränderungen gegenüber den kurzsichtigen Interessen der Automobil – und Erdölindustrie durchsetzen und die Bevölkerung dabei mitnehmen. Die jungen Leute haben sie auf jeden Fall auf ihrer Seite. Es werden immer mehr, die aufhören zu leben als gäbe es kein Morgen. Es gibt so viel zu gewinnen, wenn wir beginnen, auf Überflüssiges zu verzichten.

Inspiriert durch die Vorträge von Prof. Dr. Claus Eurich, Thomas Hübl und Franz Alt auf dem Kongress Wirtschaft & Spiritualität vom Freiburger Forum (3.-6. 10, 2019 in Kirchzarten)

Ein Interview mit Jens Riese, ehm. Mc Kinsey, der ebenfalls Vortragender auf dem Kongress war, ist in maaS No. 14 SINN enthalten.
maaS no. 14 SINN

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