Mutige Frauen

Frauen und Männer
Juliane Wothe
7 Nov 2016
Mutige Frauen wie Frida Kahlo, Jeanne d'arc, Beate Uhse,

Wer sind wirklich mutige Frauen?

Die, die als furchtlose Globetrotterinnen in die Welt hinausgingen, wenn Berge, die Tropen oder das Meer riefen, die die Welt bereisten und das Bild von ihr veränderten? Die, die sich durch nichts und niemanden aufhalten ließen - weder von den Umständen ihrer Zeit noch von einem klammen Geldbeutel? Und von ihrer Angst schon gar nicht? Unsere Geschichte ist voll von furchtlosen Abenteurerinnen, die zu neuen Ufern aufbrachen und dabei Geschichte schrieben: Kira Salak, eine amerikanische Schriftstellerin, die als erste weiße Frau, den Dschungel Papua-Neuguineas durchquerte und dann fast 1.000 Kilometer mit dem Kajak auf dem Niger bis nach Timbuktu fuhr. Amelia Earhart, flog als erste Frau alleine über den Atlantik. Gertrude Bell, reiste als erste Frau mit einem Abschluss an der Eliteuniversität Oxford ganz auf sich allein gestellt durch die arabische Wüste und lebte dort jahrelang mit den örtlichen Stämmen. Und das zu einer Zeit, als die meisten Frauen noch sehr jung heirateten und nicht einmal wählen durften. Harriet Martineau, eine Britin, die sich als allererste Soziologin in den USA gegen die Sklaverei stark machte und mit ihren Arbeiten ganze Generationen von Feministinnen, Soziologinnen und Reisenden nach ihr inspiriert hat.

Oder diese Persönlichkeiten?

Frieda Kahlo

Eine junge Frau, die mit 6 Jahren an Kinderlähmung erkrankt und dann mit 18 einen schweren Unfall erleidet, der sie mit schweren Knochenbrüchen und lebenslangen körperlichen Beeinträchtigungen zurück lässt. Frieda verbringt Jahre ihres Lebens in Krankenhäusern oder ärztlicher Behandlung und sie kann Zeit ihres Lebens keine Kinder bekommen. Und dennoch: Sie zieht in ein extravagant buntes Haus, umgibt sich mit unzähligen Tieren und malt, was in ihrer Seele stattfindet. Ihr Schmerz und ihre Lebensfreude spiegeln sich ehrlich und wahrhaftig in ihren Portraits. Frieda versteckt sich nicht, frech engagiert sie sich politisch, reist mit Getöse um die Welt, eckt an. Kunsthistoriker schreiben, sie sei die erste Künstlerin, die das männliche Prinzip der Kunst verlassen hat.

"Wer braucht schon Füße. Ich habe Flügel, mit denen ich fliegen kann", hat sie einst gesagt, nachdem man ihr das rechte Bein amputiert hat. Zur Vernissage ihrer ersten eigenen Ausstellung fährt sie im Krankenwagen und verbringt den Abend fröhlich lachend, schwatzend mit ihren Gästen in einem extra für sie angefertigten Himmelbett. Frieda liebt ihr Leben und lebt es in vollen Zügen. Ihre Lebensfreude drückt sie in Tanz aus und in Musik und in kleinen Skandalen. In stadtbekannten Tequilafesten trinkt sie schon leicht den ein oder anderen Mann unter den Tisch. Frieda ist berühmt für ihren Witz und ihren großartigen Humor. Ihr letzter Tagebucheintrag sagt: "Ich hoffe der Ausgang ist freudvoll und ich hoffe, dass ich nicht zurück kommen muss." Sie stirbt im Juli 1954, aber ihr Freigeist und die Farben, mit denen sie ihr Leben gezeichnet hat, leuchten heute noch.

Jeanne d'Arc

Die Jungfrau von Orléans, Heilige und Beschützerin Frankreichs, wie sie auch genannt wurde, war mutig. Geboren wird sie in eine Welt, die reif zu sein scheint für die Apokalypse: Die Pest und der Hundertjährige Krieg haben Frankreich verwüstet. Was Krieg bedeutete, erfährt die junge Johanna früh. Sie ist 13, als sie zum ersten Mal die Stimmen der heiligen Katharina, der heiligen Margarethe und des Erzengels Michael hört, die ihr später den Auftrag geben, Frankreich zu retten. Gott selbst trägt ihr auf, ihr Land von den Engländern zu befreien und ihm einen neuen König zu geben. Mutig beginnt die 17jährige, die weder lesen noch schreiben kann, einfachen Menschen von ihren Visionen zu berichten, was sie in ganz Frankreich bekannt macht. Sie, die vom Militärischen nichts weiß, beginnt sich zu einer Feldherrin zu entwickeln, die Schlachten entscheidet und als Königsmacherin die politischen Gewichte ihrer Zeit verschiebt. Um ihre Echtheit zu prüfen, lässt man sie nach allen Regeln der Kunst exorzieren. Und dann führt sie das Heer des zukünftigen Königs nach Orléans und tatsächlich: die Engländer räumen die Stadt 4 Tage später.

Jeanne d'Arc beteiligt sich an allen Schlachten, die sie anführt. Sie wird verletzt, ruht, kämpft weiter. Sie isst wenig und betet viel. Schließlich steht sie in voller Rüstung neben Karl VII. vor dem Altar als dieser seine Krönung empfängt. Dass sie selber mit Gott und seinen Engeln sprach, ohne die Kirche um Deutung zu bitten, trug ihr den heiligen Zorn der Geistlichkeit ein und brachte sie schließlich auf den Scheiterhaufen.

Beate Uhse

Sie kennt in Deutschland jeder. Sie war von Beruf Kunstpilotin und eine der einflussreichsten deutschen Frauen, die den Weg für eine offenere und freiere Gesellschaft bereitet haben. Sie gilt als "Mutter Courage" des Tabubruchs und als Ratgeberin zu Sexualität und Erotik in den späten 40er Jahren. In der Phase der Neuausrichtung der Nachkriegszeit verbieten Besatzungsmächte jegliche fliegerische Tätigkeit und damit Beates Arbeits- und Einnahmequelle. Sie wird auf dem Schwarzmarkt aktiv - zu dieser Zeit eine durchaus übliche Tätigkeit. Beate Uhse spricht viel und eingehend mit ihren Kundinnen. Sie weiß, dass Frauen dieser Zeit wegen Wohnungslosigkeit und Zukunftsängsten aktuell keine Kinder bekommen und dennoch sexuell aktiv sein wollen. So verfasst sie eine Broschüre über die "Verhütungsmethode nach Knaus Ogino", welche sich 1947 bereits 32.000 Mal verkauft. Kurz darauf bietet ihr junges Geschäft auch Kondome und "Ehebücher" an. Ihre Aufrichtigkeit und Offenheit fand großen Anklang in Deutschland. 1962 hat die Firma bereits mehr als 5 Millionen Kunden und Beate eröffnet in Flensburg den ersten Sexshop der Welt als "Fachgeschäft für Ehehygiene". Und dennoch: In den folgenden 30 Jahren erhält sie mehr als 2.000 Anzeigen aufgebrachter Bürger wegen "der unnatürlichen, gegen Zucht und Sitte verstoßenden Aufpeitschung und Befriedigung geschlechtlicher Reize". Doch Beate bleibt stark und steht zu dem, woran sie glaubt: offene Sexualität und weniger Tabus. Heute ist das Unternehmen börsennotiert und mit über 650 Mitarbeitern in 7 Ländern Europas erfolgreich vertreten.

Bex Tyrer

Unterrichtet in ihrer Freizeit in den Rotlicht-Vierteln Kalkuttas in Indien verbannte Prostituierte und die "Unberührbaren" - und deren ungewollte Kinder. Mit ihren blonden Locken und großen blauen Augen erscheint sie dort selbst wie eine Aussätzige, jedoch hat sie die Möglichkeit, zu kommen und zu gehen, wann sie will - viele andere haben diese Möglichkeit nicht. Sie sind gefangen in einem System aus religiös-gesellschaftlich motivierten Stigmata, zu arm, sich auch nur 1 Kilometer von dem Ort weg zu bewegen, der für sie Arbeits-, Wohn- und Schlafstätte gleichzeitig ist. Jeden Abend verkaufen sie ihren Körper für ein Überleben, das ihnen ein Dach über dem Kopf zusichert und eine warme Mahlzeit täglich. Auch das ist mutig. Zerbrochene Seelen, die keinen Zugang zu den Lehren des Yoga ihres Heimatlandes haben, weil sie einer Kaste angehören, die es nicht gestattet, mit Menschen außerhalb ihres Viertels zu interagieren. "Yoga schafft Frieden in den Gemütern und durch die Bewegung finden sie ein Stück weit zu ihrer eigenen körperlichen Souveränität zurück", sagt Bex. Sie selbst verbringt seit Jahrzehnten einen Monat des Jahres dort, wo andere wegschauen. Sie hält die Hände ihrer blinden Kinder, lächelt mit geistig behinderten Seelen, die von der Welt vergessen ein tristes Dasein hinter vergitterten Fenstern verbringen. Von Kalkutta fliegt sie nach Katmandu und unterrichtet dort Menschen, die kaum mehr atmen können, weil ihre Lungen vom Staub der Erdbeben ernsthaft angriffen sind. In zerstörten Yoga-Shallas, die über die Trümmer der einst stolzen Stadt blicken, finden die yogischen Lehren von innerer und äußerer Balance großen Anklang. Ein stiller Zauber von Schwere und Hoffnung schwebt über der Stadt als Bex sie im Flugzeug in Richtung Palästina verlässt. Dort lehrt sie Frauen im Kriegsgebiet, selbst Yoga zu unterrichten. Die seit Jahren bestehende Freundschaft gibt den Frauen in dem ständig von gewaltvollen Unruhen geplagten Gebiet die Möglichkeit, sich eine Existenz zu sichern, deren Grundgedanke von Frieden und innerer Harmonie geprägt ist. Hass und Gewalt nicht mit Rachsucht und Gegengewalt zu beantworten, ist harte innere Arbeit. Bex lehrt Yoga als Mittelweg der inneren Balance in Gebieten, die sich fernab von jeglicher Komfortzone befinden.

Aung San Suu Kyi

"The Lady", die Oppositionspolitikerin, eine sehr zarte Frau von 71 Jahren, die stets sehr elegante Kleidung und eine Blume im Haar trägt. Ihr Schicksal wird erst 1991 weltweit bekannt als sie in Stockholm den Friedensnobelpreis für ihren gewaltfreien Kampf für Demokratie und Menschenrechte in Burma erhält. Damals stand sie bereits 2 Jahre unter Hausarrest in totaler Isolation. Suu Kyis Vater, ein burmesischer Nationalheld, kämpfte erfolgreich für die Unabhängigkeit des Landes von englischer Kolonialherrschaft; sie selbst studiert Politik und Wirtschaftswissenschaften in ihrer Wahlheimat Oxford. Als sie 1988 zu ihrer todkranken Mutter nach Burma zurückkehrt, landet sie inmitten politischer Unruhen: das Volk demonstriert für demokratische Reformen und Unabhängigkeit vom brutalen Militärregime. Die Bürgerrechtlerin kann als Tochter ihres Vaters nicht einfach tatenlos zusehen und wird selbst politisch aktiv. Trotz Bedrohung durch Waffengewalt und Versammlungsverbot reist sie durchs Land und predigt unerschrocken zivilen Ungehorsam. Ihren grandiosen Wahlsieg im Frühjahr 1990 ignoriert die politische Führung jedoch und verhaftet, foltert und tötet viele Oppositionelle; Aung San Suu Kyi wird unter Hausarrest gestellt. Ungeachtet ihrer totalen Isolation wird sie zur Symbolfigur einer Nation. Mit den Jahren verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand mehr und mehr, doch sie lehnt jegliches Angebot der Militärjunta ab, das Land zu verlassen. Insgesamt verbringt Aung San Suu Kyi 15 Jahre unter Hausarrest. Heute ist sie Staatsberaterin in einem eigens für sie geschaffenen Posten im Parlament und arbeitet ressortübergreifend wie eine Ministerpräsidentin. Bis 2011 wurde Burma von harter Hand von einer Militärregierung geführt. Aung San Suu Kyi hat mit ihrer beispiellosen Standhaftigkeit zur Beendigung dieser Ära beigetragen.

Die mutigste Frau, die ich kenne, ist und bleibt wahrscheinlich meine Mutter, eine Frau, die mit aller Kraft und allen ihr zur Verfügungen stehenden Möglichkeiten ihren beiden Kindern ein besseres Leben ermöglichen wollte, als sie selbst hatte. Eine Löwin, immer bereit zum Schutz ihrer Meute einzustehen und selbstlos für das Wohl ihrer Jungen zu kämpfen. Noch heute erinnere ich mich, wie sie fauchend und Zähne fletschend in unseren Schulbus sprang und dem Busfahrer, der uns täglich malträtierte, quasi die Ohren lang zog. Und dann ihr Mut, genau dem zu vertrauen, was ich für mich als richtig erachtete, hat mich heute zu dem Menschen werden lassen, der ich bin. Mut kann man lernen, ja, muss man sogar. Schon Aristoteles fand es wichtig, den Mut zu trainieren, wie alle anderen guten Eigenschaften auch. Und am leichtesten geschieht das in der Kindheit. Einfühlsame mutige Eltern können da sehr prägend wirken. Ich hatte das Glück einer Mutter, die ihren Kindern mit Zuversicht, Respekt und Ermutigung begegnete und lernte damit von klein auf, mir selbst und dem Leben zu vertrauen. Aus Selbstvertrauen erwächst auch Mut. Kinder entwickeln Mut, indem Erwachsene ihnen ein positives Vorbild sind und ihnen Möglichkeiten bieten, eigene positive Erfahrungen zu machen.

Beim Schreiben habe ich mich gefragt, ob ich mutig bin. Ich fand unzählige Situationen, in denen ich ja gesagt hatte anstatt nein, unzählige Situationen, in denen ich etwas nicht getan habe, was ich eigentlich wirklich gern hätte tun wollen. Und ja, natürlich gibt es auch unzählige Situationen, in denen ich wirklich mutig war. Ich bin stolz auf mich, auch wenn ich anfange zu zittern und kleine Schweißausbrüche kriege, wenn ich vor einer Gruppe spreche oder den Mut aufbringe, in einer intimen Situation meine Bedürfnisse ehrlich mitzuteilen. Oftmals sind es gesellschaftlich Zwänge, die mich eher still sein lassen als mutig. Und dann wieder sind es genau diese Konstellationen, die mich persönlich am meisten wachsen lassen: wenn ich ihnen nicht nachgebe und trotz aller Ängste für das einstehe, was mein Herz für richtig erachtet. Wenn ich den Mut finde, meine innere Unruhe zu überwinden und nach vorn zu schreiten und klare Entscheidungen zu treffen.

Auszug aus dem Magazuin maaS No. 2 Frauen und Männer

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