Loslassen Befreit

Freiheit
Werner Tiki Küstenmacher
28 Jun 2019
Loslassen Befreit

Illustrationen: Werner Tiki Küstenmacher

 

Die Welt ist komplex und wir verstricken uns oft in den vielen kleinen und großen Dingen des Lebens. Dabei könnte es doch such einfacher gehen! Wenn alles auf uns einstürzt ist es Zeit für »SIMPLIFY YOUR LIFE«

 

Entrümpeln

 
Wo sind Sie gerade, während Sie diesen Artikel lesen? Bei sich zu Hause? An Ihrem Arbeitsplatz? Ich möchte Sie zu einem Experiment verführen. Sehen Sie sich um: Gibt es in Ihrer aktuellen Umgebung einen Ort, den Sie gern einmal aufräumen würden? Einen Schreibtisch mit leeren Kaffeetassen, den Überbleibseln vom letzten Imbiss, unzähligen Papieren, unbezahlten Rechnungen, Zetteln und ein paar kuriosen Gegenständen? Einen überfüllten Couchtisch? Eine vollgestellte Zimmerecke zwischen Schrank und Tür? Irgendeine überfüllte Kiste oder Schublade?

Prima. Das ist Ihr Trainingsbereich für die nächste Viertel- oder halbe Stunde. Hier können Sie das simplify-Prinzip praktisch anwenden. Es heißt nicht nur »einfach«, es ist auch so. Ich nehme als Beispiel mal den Klassiker, also den Schreibtisch. Aber das Prinzip gilt für alle vollgerümpelten Ensembles.

Räumen Sie diesen Schreibtisch total leer. Alles runter, auch den Computer. Dann das Möbel sauber machen, eventuell muss auch ein Staubsauger her. Und ein feuchter Lappen für die versiffte Platte. Machen Sie’s wirklich, nicht nur in der Fantasie! Genießen Sie die leere Fläche. Danach räumen Sie nur das, was Sie tatsächlich täglich (!) brauchen, wieder auf den Tisch. Also die ganze Technik, Bildschirm samt Tastatur und Maus, vielleicht eine Uhr, Lampe, Locher & Co. Für alles andere finden Sie andere Aufbewahrungsorte. Ideal wäre eine Hängeregistratur mit sinnvoll beschrifteten Mappen. Erledigen Sie jetzt nichts, sondern parken Sie erst einmal alle Aufgaben in solche Mappen, am besten für jedes Projekt eine. 

Was erledigt ist, wandert in Ordner, Kisten, Regale. Vieles werden Sie wegwerfen können. Nehmen Sie eine sehr große Altpapierkiste, die Sie erst in einem Monat ausleeren. Das ist Ihre Sicherheitsreserve: Falls Sie in der Zwischenzeit merken, dass Sie etwas Wichtiges entsorgt haben, bleibt Ihnen dadurch eine Chance zum Wiederfinden.

Ich verspreche Ihnen: Es geht Ihnen danach besser. Denn beim Aufräumen schaffen Sie nicht nur Platz und gestalten vor sich eine angenehme Optik, sondern es passiert auch etwas in Ihnen selbst. Sie fühlen sich freier, strukturierter.

Die Aufgaben, die in Form von Papieren, unfertigen Gegenständen oder sonst einer Materialisierung vor Ihnen gelegen haben, sind noch nicht erfüllt. Aber sobald Sie nicht ständig draufgucken, fühlen Sie sich freier. Jetzt können Sie selbst entscheiden, welchen der einzelnen Jobs Sie angehen. Solange die To-dos verstreut oder gestapelt vor Ihnen herumlungerten, hat jeder einzelne Tagesordnungspunkt gleichsam gerufen: »Nimm mich!« Sind aber die Arbeitsaufträge schön in Mappen, Taschen oder Klarsichthüllen verstaut, haben Sie wieder das Sagen. Wer dieses Prinzip einmal verstanden hat, möchte es nie wieder anders machen.

Von den erfolgreichen Menschen, die ich kenne, ist keiner ein Messie oder lebt in größerem Chaos. Einige faken sogar etwas Durcheinander in ihrem Arbeitszimmer, weil sie als kreativ gelten wollen. Sie können gern trotz chaotischem Arbeitsplatz erfolgreich werden und mir so das Gegenteil be-

weisen. Aber ich kann Ihnen nach 45 Jahren Arbeit als Autor und Zeichner versichern: Mit einem guten Maß Organisation der vielen uns umgebenden Dinge ist es viel einfacher.

 

Fliehen

Diese Grundidee der Autonomie gegenüber den verschiedenen Tasks lässt sich auch anwenden, wenn Sie Ihren Tag zeitlich strukturieren möchten. Mein wichtigster Tipp, wenn Ihnen alles zu viel wird: Fliehen! Wissen Sie vor lauter Anrufen, Mails, hilfesuchenden Kollegen, drängelnden Kunden und quengelnden Chefs nicht mehr ein noch aus — verlassen Sie den Raum. Gehen Sie unter freien Himmel, atmen Sie durch, gewinnen Sie Abstand. Das klingt verrückt, ja kindisch. Aber es hilft. Leider machen es die Menschen nicht, sondern fressen lieber weiter alles in sich herein, trösten sich mit Unmengen Kaffee, Süßigkeiten, Tabletten, Zigaretten und was nicht alles. Dabei ist nichts wirksamer als eine kleine Flucht, während der Sie wieder System in Ihr inneres Chaos bekommen. Sie werden erkennen, was wirklich wichtig ist, welche Jobs Sie an wen delegieren können und so manche verblüffende Lösung finden. Probieren Sie es aus.

 

Pause machen

Die nächste große simplify-Idee hat ebenfalls viel mit Freiheit zu tun. Sie heißt: Pause. Wer nach der Arbeit im wahrsten Sinn des Wortes abschalten kann, braucht sich vor Burnout nicht zu fürchten. Entwickeln Sie Ihre persönliche Pausenkultur. Pause heißt: wirklich gar nichts machen. Zum Fenster hinausgucken. Die Augen schließen, den eigenen Körper spüren, sich streeeeecken (Ja, machen Sie es gleich mal und spüren Sie, wie die Entspannung Ihnen lustig den Rücken herunterkrabbelt!). Trinken Sie etwas, am besten einfach Wasser und nicht dauernd die üblichen Aufputschflüssigkeiten. Pause machen, können Sie allein oder mit anderen. Sprechen Sie oder genießen Sie es, einfach nur zuzuhören und zu schweigen.

Füllen Sie vor allem Ihre Pausen nicht mit Mikro-Jobs auf. Ganz besonders nicht die herrliche Gammelzeit am Abend vor dem Schlafengehen. Ich rate: Kaufen Sie sich einen Batteriewecker! Verwenden Sie nicht die famose Weckfunktion Ihres Smartphones, denn diese App ist die Einstiegsdroge in die 24-Stunden-Überwachung. Erklären Sie Ihr Schlafzimmer zur Offline-Zone. Wenn Sie nicht mit WhatsApp-Botschaften und Push-Mails schlafen gehen und aufwachen, haben Sie schon viel gewonnen.

Ein anderer gewitzter Kniff: Stellen Sie sich vor, Ihr Smartphone wäre eine Schreibmaschine und ein großes altes Telefon. Würden Sie beim Essen mit der Familie oder beim Treffen mit Freunden so etwas auf den Tisch stellen?

 

Aufschieben

Viele Menschen leiden an Aufschieberitis: Ich schaffe es heute nicht, ich mache es morgen. Und morgen geht es genauso weiter. Gibt es dagegen ein Heilmittel? Mein simplify-Rat: Tun Sie nichts dagegen. Denn die Aufschieberitis ist bereits das Heilmittel! Ihr emotionales Gehirn, das limbische System, sorgt für Ablenkung, Spiel, Faulenzen – und rettet Ihnen dadurch immer wieder das Leben. Es verhält sich wie ein kleines Säugetier, deshalb habe ich ihm den Namen »Limbi« gegeben und zeichne es als niedliches wuscheliges weißes Tierchen. Es ist wichtig, Limbi zu verstehen und gut zu behandeln. Formulieren Sie Ziele so, dass sie Limbi gefallen und Sie dadurch seine Power nutzen. Stattdessen beschimpfen viele ihren Limbi als »inneren Schweinehund«, den man »überwinden« muss. Das geht nicht, weil Limbi zu stark ist. Und es kann krank machen.

Ein Hoch auf die Freiheit! Auf die große und die vielen kleinen.

 

Weiterlesen in maaS No. 9 FREIHEIT

 

Werner Tiki Küstenmacher

ist seit seiner Kindheit ununterbrochen als Karikaturist tätig. Nach dem Studium der evangelischen Theologie machte er eine journalistische Zusatzausbildung. Bis heute hat er mehr als 100 Bücher veröffentlicht. »Simplify your life« war etwa das 70ste und wurde 2001 ein Bestseller. Das Buch wurde in 40 Sprachen übersetzt, Weltauflage 4 Millionen. simplify. de ist inzwischen ein riesiges Webportal zum Thema Lebensvereinfachung.