Liebe, was du tust

LIEBE
Silke Göddertz
19 Mär 2018
Liebe, was du tust - Silke Göddertz in maaS No. 8 LIEBE

Illustration von Julia Compagnon

... und du musst nie wieder arbeiten!

Das trifft für viele zu, die ihre Berufung gefunden haben und sich selbst verwirklichen. Aber geht das auch in einem Großkonzern? Ja, es ist möglich, dass man seine eigenen Talente und Qualitäten auch am Arbeitsplatz entfalten kann und Work-life Balance ein Begriff ist, der der Vergangenheit angehört. Wie das geht, dass man seine Persönlichkeit nicht am Betriebstor abgibt, sondern sich am Arbeitsplatz auch noch mit persönlichem Wachstum beschäftigt, zeigt dieser Artikel.

Liebe oder Pflichtbewusstsein?

Hätte man mich vor einigen Jahren gefragt, ob ich meine Arbeit liebe, hätte ich vermutlich laut aufgelacht. Auf der Suche nach Aufgaben, die zu mir passen, Herausforderungen, die mich nicht langweilen, und Projekten, die für mich einen Sinn ergeben, habe ich während meiner Zeit im Großkonzern viele Abteilungen durchlaufen. Mit Liebe hätte ich meine Arbeit nicht umschrieben. Eher mit Pflichtbewusstsein.

Sprechen freiberuflich tätige oder in sozialen Berufen beschäftigte Menschen von ihrer Liebe zur Arbeit, so ist dies nicht weiter erstaunlich. Es fällt leicht, nachzuvollziehen, dass ein Job, der sich durch Kongruenz mit dem eigenen Wertesystem auszeichnet oder auf die Unterstützung anderer ausgerichtet ist, erfüllt und glücklich macht. Anders ist dies jedoch häufig im Umfeld von Großunternehmen. Hier fallen Worte wie Erfüllung und Glück eher selten. Tagesordnungen, Strukturen und Prozessvorgaben dominieren oft den Tagesablauf und lassen wenig Freiraum für Gestaltung, Sinnfindung und Selbstverwirklichung. Doch wie fühlen sich Menschen, deren Arbeitszeit durch „Funktionieren im System“ geprägt ist und deren Einfluss auf den Sinn der Unternehmung vielfach marginal, im schlimmsten Fall irrelevant ist?

Mir selbst blieb oft die Luft weg. Das Gefühl, abends ausgelaugt nach Hause zu gehen und trotzdem der Meinung zu sein, nichts wirklich Bedeutsames geleistet zu haben, trübte oft die Stimmung. Langfristig wird es Menschen nicht erfüllen, ihre Lebenszeit an einen Job zu verschenken, der ihnen nichts gibt. Auch Unternehmen werden Probleme bekommen, wenn Mitarbeiter ihre Energien und Ideen im privaten Bereich nutzen, während sie die Zeit in der Firma lediglich als Verpflichtung wahrnehmen. Denn Mitarbeiter, die sich von ihrer Arbeit nicht erfüllt fühlen, werden nicht ihr volles Leistungspotenzial abrufen.

Arbeit neu denken

Aufgrund der schnell voranschreitenden Digitalisierung und der daraus entstehenden Unsicherheit und Komplexität an den Märkten wird immer deutlicher, dass Arbeit für Menschen zukünftig ganz neu gedacht werden muss. In Bezug auf die Arbeitsorganisation zeigen Wissenschaftler beispielsweise auf, dass innovative Lösungen, die eine Antwort auf unsere gesellschaftlichen Herausforderungen darstellen und Unternehmen zukunftsfähig machen, nur noch in fachübergreifenden, eng zusammenarbeitenden Teams erdacht werden können. Das Wissen jedes Mitarbeiters und die Kompetenz, dies auch in divers zusammengesetzten Teams umsetzen zu können, werden immer wichtiger. Dafür bedarf es Mitarbeiter, die den Mut haben, ihre Komfort- und Erfahrungszone regelmäßig zu erweitern, neue Wege zu gehen und innovative Lösungen aufzuzeigen. Diese Notwendigkeit aus Unternehmenssicht passt zu den Bedürfnissen der neuen Generation von Mitarbeitern. Arbeitnehmer möchten einen Sinn in ihrer Arbeit spüren, möchten ihre Wirksamkeit erleben und sich selbst weiterentwickeln. Arbeit und Leben sind nicht mehr exakt voneinander abzugrenzen, es geht vielmehr um die persönliche Sinnstiftung, die Angestellte im Rahmen ihres Jobs ausfüllen dürfen.

Während für viele Menschen früher das Gehalt besonders wichtig war, machen die Personalabteilungen von Unternehmen nun die Erfahrung, dass Mitarbeiter vermehrt nach Aufgaben suchen, die ihnen bedeutsam erscheinen; die sie über sich selbst hinauswachsen lassen; die Spaß machen und bereichsübergreifend in einem Umfeld der Wertschätzung stattfinden. Doch welcher Arbeitgeber bietet solche Rahmenbedingungen? Wie schnell können sich Unternehmen wandeln, um diese berechtigten Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter besser bedienen zu können? Und welche Ideen gibt es, wie dies in Unternehmen gelingen kann?

maaS magazin No. 8 LIEBE

Mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz

Meine persönliche Liebe zur Arbeit konnte ich zum Glück nach langer Suche bei meinem Arbeitgeber entwickeln. Im Juni 2015 pilotierte die Deutsche Telekom bei ihrer Tochtergesellschaft T-Systems die Kulturinitiative „Corporate Happiness“, um den oben aufgeführten Fragestellungen zu begegnen. Die Idee von „Corporate Happiness“ ist, den Mitarbeitern zu mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu verhelfen. Diese Zufriedenheit speist sich aus unterschiedlichen Facetten. Einerseits erkennen die Mitarbeiter, wie wichtig und bedeutsam sie selbst für das Unternehmen sind und dass ihr Einsatz einen wesentlichen Unterschied macht. Dazu lernen die Mitarbeiter beispielsweise, ihre Stärken mehr einzusetzen, sich Aufgaben zu suchen, die ihnen Spaß machen, und ihr volles Leistungspotenzial auszuschöpfen. Andererseits erfahren die Mitarbeiter in dieser Initiative auch eine große Wertschätzung des Unternehmens, das die Leistungen anerkennt und die Rahmenbedingungen dafür bieten wird, sich auch wirklich frei entfalten zu können. Darüber hinaus spielen auch Themen wie Haltung, Energiemanagement, Erhalt der Gesundheit, Erhöhung der Resilienz und die Gestaltung von Teamarbeit und Führung eine große Rolle. Der besonders spannende Aspekt an „Corporate Happiness“ ist, dass Mitarbeiter die Inhalte nicht in erster Linie deshalb lernen, um im Job produktiver zu sein. Dies ist ein positiver Nebeneffekt, der sich aus dem Projekt ergibt. Stattdessen geht es darum, sich selbst besser zu verstehen, für das persönliche Umfeld erfolgreiche Verhaltensweisen zu erlernen und diese langfristig im Leben anwenden zu können. Die „Liebe“ zum Leben und damit auch zur Arbeit, die einen wichtigen Teil davon vereinnahmt, wird ganz neu entdeckt.

von Silke Göddertz
Sie ist Projektleiterin Corporate Happiness bei der Deutschen Telekom AG. In dieser Funktion bietet sie Trainings für Führungskräfte und Mitarbeiter rund um die Themen Haltung, Potenzialentfaltung und Energiemanagement an.

Dieser Artikel ist Bestandteil von maaS No. 8 LIEBE

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