Lebensträume

Leben und Sterben
Dr. Rüdiger Dahlke
27 Okt 2016
Rüdiger Dahlke Lebensträume Leben und Sterben maaS Magazin

animaa-Verlag

Rüdiger Dahlke über die Liste vor der Kiste

Der Tod ist der beste Lehrmeister des Lebens. Und doch verdrängen viele den Tod als das einzig Sichere im Leben - mit der Konsequenz, dass wir schon zu Lebzeiten quasi gestorben sind. Oft bringen erst schwere Krankheiten oder der bevorstehende Tod die ungelebten Wünsche ins Bewusstsein und wir bereuen bitterlich, dass es dafür zu spät ist. Aber braucht man Lebenskrisen, um unerledigte Lebensträume auf eine Liste zu schreiben und eine Abenteuerreise zu ihrer Erfüllung anzutreten?

Wer die Spielregeln des Lebens gut kennt und seinen Spielcharakter durchschaut, ist auf dem besten Weg - im Leben und beim Sterben. Der Tod ist als Schlusspunkt des Lebens der Übergang in die nächste Dimension. Die beste Vorbereitung ist ein erfülltes Leben. Wir verdanken es Elisabeth Kübler-Ross, Sterben überhaupt als Thema der Wissenschaft erkannt zu haben. Laut Umfrage glaubt die große Mehrheit der Deutschen gar nicht mehr daran, sterben zu müssen. Bei einer Umfrage, ob sie lieber Zuhause oder in der Klinik sterben wollen, antworteten über 90 % sinngemäß: „Wenn schon, dann Zuhause!“ Das dürfte ein Zeichen kollektiver Verdrängung sein. Es steht also schlecht ums Bewusstsein der Sterblichkeit. Dabei ist der Tod das einzig Sichere im Leben. Wissenschaftlich betrachtet, ist jedes Leben eine immer tödlich endende Geschlechtskrankheit, da bisher immer durch Geschlechtsverkehr übertragen und tödlich endend. 

Inzwischen wird Leben auch durch künstliche Befruchtung eingeleitet, und der moderne Tod hat sich gewandelt. Frühere Versuche, ihn zu überlisten - wie im „Jedermann“ - schlugen jeweils fehl, heute freut sich der fast 100-jährige letzte Rockefeller über sein 7. Spenderherz. Der Tod scheint längst nicht mehr, was er einmal war: unumstößlich und unbesiegbar. Aber selbst wenn wir ihm in letzter Minute einige Organe entreißen und sie anderen Sterbenden einpflanzen, um diese wiederum vor ihm zu bewahren, bleibt seine Macht - in Wahrheit - doch ungebrochen.

Krise oder Chance

Je mehr wir ihn wegschieben, desto mehr übersehen wir die großen Chancen, die er uns als letzter Lebensübergang bieten könnte. Sobald wir erkennen, dass er zum Leben gehört, brauchen wir ihn nicht mehr zu verdrängen und sind vor seinen Überfällen sicher. Wer den Tod als Ziel des Lebens in der polaren Welt der Gegensätze erkennt und sogar erwartet, kann nicht mehr von ihm überrascht werden. Wirklich gerecht werden wir ihm erst, wenn wir ihn in seiner ganzen Macht und als Ziel unseres Lebens anerkennen. Er markiert nicht nur den größten, sondern auch den wichtigsten Lebensübergang und zeigt uns die Macht der Schicksalsgesetze, an denen letztlich kein Weg vorbeiführt. Und so wie wir aus jedem Lebensübergang eine Krise oder Chance machen können, ist das auch beim Tod möglich. Er könnte wieder zu jener Lösung und Erlösung werden, die er auch in unserer Kultur einmal war und die er in Wirklichkeit auch immer geblieben ist.

Wir müssten nur das Mantra der bürgerlichen Welt „Hoffentlich geschieht nichts“ aufgeben. Ob wir zu einer Weltreise aufbrechen oder zu einer Reise nach innen in eigene Schattenwelten, wir werden mit dem gut gemeinten „Fluch“ verabschiedet: „Hoffentlich passiert nichts.“ Und der geht natürlich davon aus, dass alles, was passieren könnte, schlecht ist. Warum sollten wir überhaupt auf Reisen in die äußere oder innere Welt gehen, wenn da nichts geschehen soll und wir nur Negatives erwarten? Solch absolute Entwicklungsfeindlichkeit läuft unserem kulturellen Auftrag diametral entgegen, erwartet doch selbst Christus, dass wir „heiß oder kalt leben“, d. h. uns in die Extreme des Lebens hinein wagen, um ein erfülltes Leben zu verwirklichen, wie er es ausdrücklich von uns erwartet.  

Das ungelebte Leben

Das Mantra „Hoffentlich geschieht nichts“ (ver)führt zu einem lauwarmen Durchs-Leben-Mogeln, ohne anzustoßen oder gar anstößig zu werden. Auf dem Grabstein steht dann eine Lüge. Geboren 1929 stimmt wohl, aber verstorben 2016 stimmt meist nicht mehr. Zu viele sterben heute bereits Mitte ihrer 40er Jahre, lassen sich aber erst in ihren 80ern eingraben. Die zweite Lebenshälfte ist vor allem (Lebens-)Verweigerung, was oft erst auf dem Totenbett bereut wird. An erster Stelle bei allen Untersuchungen, die sich mit dem Sterben beschäftigen, rangiert das tiefe und (zu) späte Bedauern über ein ungelebtes Leben – ohne es überhaupt versucht zu haben, die eigenen Wünsche, Träume und Visionen zu verwirklichen. Viele klagen auch, zu viel gearbeitet, zu wenig Zeit mit Freunden verbracht und zu wenig Gefühle ausgedrückt zu haben.

Wie wäre es im Gegensatz dazu, der Anregung Paulo Coelhos zu folgen und auf folgende Grabsteinaufschrift hin zu leben:

„Er lebte noch, als er starb.“

Das Beste kommt zum Schluss

Die wundervollste Steilvorlage dafür vermittelt der Film „Das Beste kommt zum Schluss“ mit Morgan Freeman und Jack Nicholson, einem Automechaniker, der sein Leben seiner Familie schenkte, und einem Multimillionär, der fürs Geldscheffeln lebte. Als beide die Konsequenz ihrer Kommunikationsstörung mittels Lungenkrebsdiagnose erhalten, landen sie im selben Krankenzimmer, in der Klinik des Krankheitsunternehmers Nicholson. Als beider Chemotherapie scheitert, greift Nicholson die Idee Freemans einer sogenannten „Eimer-Liste“ auf, einer Aufzählung aller noch offenen, unerledigten Lebensträume. Angesichts ihres aus schulmedizinischer Sicht sicheren Todes, beginnen beide zusammen eine neue, vermeintlich letzte, mutige Abenteuerreise zur Erfüllung ihrer unerledigten Träume. So kommt für beide das Beste wirklich zum Schluss. Sie werden Freunde und versuchen einander aus ihren jeweiligen Lebensfallen heraus zu helfen. Freeman aber bleibt bei seinem (Krebs)Muster und wagt nicht, sich aus der Enge seines fremdbestimmten Lebens zu befreien. Er bleibt seiner übergriffigen Frau und den Medizinern treu und stirbt in der von Letzteren vorgegebenen Zeit. Nicholson aber wagt den Sprung in eine für ihn neue Dimension, öffnet sich der Welt der Gefühle und beginnt eine Beziehung zu seiner Tochter und zu deren kleiner Tochter, seiner Enkelin. Er bricht aus seinem Muster aus und findet zu sich und seinen Gefühlen. So lebt er noch viele Jahre als „verdammtes Wunder“, wie er es selbst nennt.

Erst Jahrzehnte später bringt sein treuer Assistent auch seine Asche auf den Gipfel eines Himalaya-Riesen. Als beider Asche in zwei Kaffee-Dosen nebeneinander ruht, hakt der Assistent den letzten Punkt auf der Eimer-Liste ab, etwas Majestätisches zu erleben. So ist Nicholsons Liste mit seinem Ableben abgelebt, und wir als Zuschauer bleiben mit hoffnungsvollem Gefühl zurück: Wir brauchen nicht auf eine Krebsdiagnose zu warten oder auf das Scheitern einer Chemotherapie. Wir können sofort leben. Dabei ist es eine wundervolle Hilfe, seine noch offenen Wünsche, Träume und Visionen auf eine Eimer-Liste zu schreiben, um auch kühnste und mutigste Träume und Visionen zu verwirklichen.

Man kann seine Liste nicht früh genug beginnen und ihre Punkte umsetzen. Je früher wir anfangen, desto besser und umso mehr Energie und Zeit bleibt uns für die Liste bis zur Kiste.

www.dahlke.at

Auszug aus maaS No. 3 Leben und Sterben

magazin maas no. 3 leben und sterben

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