Lebenshungrig bleiben

Leben und Sterben
Christoph Klein
15 Sep 2016
Lebenshungrig bleiben

Luca Siermann

Eine Lebensgeschichte von Christoph Klein

Ziemlich genau vor 10 Jahren waren meine schwärzesten Stunden. Da war ich dem Tod viel näher als dem Leben. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich noch so lange leben würde, weil ich eine Sorte Krebs habe, die nicht heilbar ist, die jederzeit wiederkommen kann. Ich nehme jeden Tag, den ich noch habe, als Geschenk. Es hat eine Weile gedauert, aus diesem Warten darauf, dass es dann doch passiert, wieder rauszukommen ins normale Leben. Das erste Mal wieder zu lachen und zu sagen: „Du hast Krebs und du lachst!“ Das Leben geht weiter, egal ob ich Krebs habe oder nicht. Ich kann mich dem verweigern oder ich kann es annehmen und jeden Tag als Geschenk sehen. Das hat mich sehr viel Demut gelehrt und sehr viel Dankbarkeit. Es hat mich gelehrt, sehr schnell nein zu sagen zu Dingen oder zu Menschen, die mir nicht gut tun. Wirklich täglich bewusst zu entscheiden: „Will ich das wirklich tun, was ich da gerade tue? Will ich mit den Menschen zusammen sein, mit denen ich zusammen bin?“ So gesehen ist dieser Schrecken, diese Todesnähe reich belohnt worden. Ich freue mich auf jeden neuen Tag und habe Pläne. Lange habe ich mich nicht getraut, Zukunftspläne zu machen. Nach 3-4 Jahren, als ich das Grundstück für unser neues Haus gekauft habe, war das Thema erledigt.

Das Tauchen hat mir das Leben gerettet

Ich hatte angefangen zu tauchen und bin durch den Krebs in einer galoppierenden Karriere als Tauchlehrer, als zukünftiger Tauchbasenbesitzer in sonnigen Gefilden, ausgebremst worden. Der Gedanke, wieder tauchen zu können, hat mir ein gutes Stück weit das Leben gerettet. Ich konnte während der Chemo, während mir das Gift in die Adern geflossen ist, einen Tauchgang visualisieren, wie mich die Kühle umfängt und wie ich ins gute Atmen reinkomme. Der Gedanke „Ich will wieder tauchen gehen!“ hat mir sehr weitergeholfen. An dem habe ich mich oft hoch gehangelt, mehr als an jedem anderen Gedanken. Als ich das erste Mal wieder tauchen konnte, hatte ich die Maske voll Wasser, aber nicht voll Meerwasser sondern voll Tränen. Es war überwältigend, das wieder tun zu dürfen. Es ist mir später nochmal eine Tauchbasis angeboten worden, aber ich habe abgelehnt, weil ich aus der Mühle raus wollte.

Acht Quadratmeter Wohnmobil reichen

Meine Frau und ich waren schon immer gern unterwegs. Als die Kinder aus dem Haus waren, haben wir uns das Wohnmobil ausgebaut. Das hat auch den Sinn dafür geöffnet, dass wir nicht so viel zum Leben brauchen. Die acht Quadratmeter Wohnmobil reichen. Wir sind selbstständig. Da können wir uns die Zeit einteilen. Natürlich musst du Abstriche machen. Du kannst dir nicht leisten, nicht zu arbeiten und gleichzeitig viel Geld zu haben. Es hilft uns dabei sehr, dass wir viel über das Internet oder Telefon steuern können, was unsere Geschäfte angeht. Sobald Netz erreichbar ist, arbeiten wir zwei halbe Tage in der Woche. Ein Anruf von einem Kunden wird auf jeden Fall angenommen. Der Kunde fühlt sich sogar geehrt, wenn ich in Ägypten auf dem Tauchboot sitze und sage: „Ich gehe gleich wieder tauchen, aber sprich ruhig mit mir.“ Überraschenderweise gibt es keinen Neid, auch nicht von den Mitarbeitern. Es freuen sich alle mit, dass wir uns diese Freiheit nehmen. Unsere Tage zu Hause haben dann deutlich mehr als acht Stunden.

Letztes Jahr waren wir auf der Saone auf einer Hausboot-Tour. Auf dem Wasser zu wohnen und zu reisen, hat mich und meine Frau im Herzen berührt. Das Hausbootmodell 1:10 steht bereits in der Werkstatt. Der Plan ist, das Hausboot eine Nummer größer zu bauen und einfach Leute mitzunehmen und damit auch Geld zu verdienen. Frankreich ist unser Land, das Kanalnetz ist groß und mit Leuten, die zu uns passen, für Geld ein oder zwei Wochen durch die Gegend zu ziehen, hört sich an, als könnte es uns Spaß machen.

Mein Körper sagt mir Bescheid

Mein Körper selber erinnert mich immer wieder an die Krankheit. Mein Hausarzt hat es so formuliert: „Mit dem Zeug, was du gespritzt bekommen hast, würden andere Leute Ratten vergiften.“ Meine Venen sind kaputt, meine Nerven in den Beinen sind mitgenommen, dadurch bin ich nicht mehr schwindelfrei. Die Körperchemie steht auf dem Kopf, bei jeder Blutuntersuchung ist irgendetwas aus dem Lot. Ich bin nicht mehr so leistungsfähig und muss achtsamer mit mir umgehen. Mein Körper sagt mir dann Bescheid: „Jetzt musst du mal langsamer machen.“ Und ich habe mir angewöhnt, auf ihn zu hören. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren. Als der Krebs aktiv war und während der Chemo, war der Körper zuerst mein Feind und mir dann sehr entfremdet. Als klar war, ich werde überleben, stand ich da aufgeteilt in den Herzens-Christoph, den Verstandes-Christoph und den Körper-Christoph. Die Drei haben sich mit äußerstem Misstrauen angeguckt. Als ‚Wandervogel‘ habe ich auf meine alten Qualitäten geschworen, mein Ränzel geschnürt und bin den Jakobsweg gelaufen. Nach 1000 km war der Christoph wieder eins und ich habe mich mit meinem Körper versöhnt. Diese Zerrissenheit habe ich seitdem nie mehr so gespürt.

Mit der Angst leben

Mein Geheimrezept ist: Lebenshungrig bleiben und der Todesangst, die immer wieder kommt, nicht nachzugeben. Natürlich wird das im Laufe der Zeit immer weniger, aber sie geht nie weg. Es gibt auch heute noch ganz rabenschwarze Nächte, in denen ich einfach nur Todesangst habe. Ich erinnere mich dann: „Noch lebst du, atme weiter und mache einfach weiter einen Schritt nach dem anderen. Lebe mit deiner Angst weiter.“ Dann verliert sie ihren Schrecken. Sie ist da, sie kommt immer wieder, aber sie beherrscht mich nicht. Leidensgenossen, Weggefährten, die dieser Angst nachgegeben haben, sind gestorben. Es ist beides da. Es gibt nicht nur den himmelhochjauchzenden Christoph, es gibt auch den zu Tode betrübten Christoph. Ich komme gut alleine damit klar. Ich lasse die Angst Angst sein und habe Freude am Leben. Ich bin seit 18 Monaten Großvater und habe viel Freude an meinem Enkel. Das ist das Rezept: Sich der Angst stellen, sie mitnehmen, aber sich trotzdem dem Leben zuwenden.

Die Krankheit hat uns zusammengeschweißt

Meine Frau hat mir während der Krankheit unschätzbare Hilfe geleistet. Sie war da, hat mit mir gelitten und sich komplett hintenan gestellt. Ich hätte es auch ohne sie geschafft, aber es wäre viel schwieriger gewesen. Ich bin froh, dass sie für mich da war. Meine Frau hat eine burschikose Art. Wenn ich ins Grübeln komme, dann sagt sie auf eine sehr liebevolle Art: „Stell dich nicht so an!“ Sie reißt mich immer wieder mit und sagt: „Hier ist das Leben!“ Sie ist meine Weggefährtin, meine Partnerin. Nachdem ich wieder gesund war, ist sie zusammengebrochen. Da habe ich sie dann getragen, als ich wieder konnte. Es war eine wichtige Erfahrung, die uns zusammen geschweißt hat. Es hat den alten Ehespruch ‚in guten wie in schlechten Zeiten‘ wahr gemacht. Ich bin dankbar für diese Qualität, die unsere Beziehung dadurch gewonnen hat, dass wir auch solche miesen Zeiten durchgestanden haben. Diese Todesgefahr war auch existenzbedrohend für sie. Ich war der Ernährer der Familie, meine Frau hält mir den Rücken frei im Betrieb, aber ohne mich wäre es nicht gelaufen. Ich wäre tot gewesen und sie pleite. Für die Überlebenden ist es schwieriger als für die, die gehen. Als ich wieder gesund war, habe ich als erstes finanzielle Arrangements getroffen, die meiner Frau zu Gute kommen. Es hat mir einen Riesenschreck eingejagt, dass mich der Krebs so unvorbereitet erwischt hat und mich bei vollem Galopp aus dem Sattel geschossen hat.

Den Stier bei den Hörnern packen

Es war zu schlimm und zu wild, um für diese Erfahrung dankbar zu sein. Ich wünschte, ich hätte sie nicht machen müssen. Aber ich bin versöhnt damit, weil ich reich beschenkt worden bin. Ich habe Erfahrungen machen dürfen, die ich sonst nicht gemacht hätte. Ich habe Kräfte in mir selber entdeckt, die ich sonst nicht entdeckt hätte: Selbstheilungskräfte, Visionen. Meine spirituelle Kraft habe ich durch den Krebs erst entdeckt. Ich wünschte, ich hätte sie nicht auf diesem Weg lernen müssen. Es ist wirklich bedrohlich, wie russisches Roulette spielen. Dadurch dass es ein nicht heilbarer Krebs ist, habe ich regelmäßige Kontrollen. Es ist jedes Mal wieder ‚die Pistole am Kopf‘ bis das Ergebnis da ist. Die Abstände werden größer, aber es hat seine Schrecken nicht verloren. Wenn ich das Gefühl habe, irgendetwas stimmt nicht, gehe ich zum Doc. Ich schiebe das nicht vor mir her. Ich suche die Krankheit nicht, aber so sie wieder kommt, werde ich den Stier schon bei den Hörnern packen. Mein kämpferisches Herz lässt nichts anders zu.

 

Auszug aus dem Magazin maaS No. 3 Leben und Sterben

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