Jahreskreisfeste - Im Rhythmus der Natur

Natur
Anita Maas
19 Mai 2020
Jahreskreisfeste - Im Rhythmus mit der Natur aus maaS No. 17 NATUR

pixabay

Wie wir uns mit dem Herzschlag der Natur verbinden

Wir leben nicht auf der Erde und was uns umgibt, ist nicht unsere Umwelt, sondern wir sind ein Teil davon. Ja, wir haben uns in Häuser zurückgezogen und verbringen viel Zeit in geschlossenen Räumen, vor Bildschirmen jeglicher Couleur. Das gaukelt uns vor, wir wären drinnen und alles andere wäre draußen. Ganz oft kämpfen wir sogar gegen das, was unsere Heimat ist, unser Ursprung. Sobald Ameisen die Schwelle ins Haus übertreten oder Mücken durchs Fenster schweben, wird die chemische Keule ausgepackt. Unerwünschte Pflanzen werden verbrannt, vergiftet oder unter schwarzen Folien erstickt. Der tägliche Krieg gegen die Natur in unseren Gärten ist aber nur ein kleiner Teil des Feldzuges gegen die Natur, der auf den Ackerflächen tobt. Insekten werden im großen Maßstab getötet, Beikräuter vernichtet und Grundwasser vergiftet. Wie konnten wir uns so sehr von der Natur entfernen, dass wir es nicht einmal mehr merken, wie sehr wir uns damit ins eigene Fleisch schneiden?

Wir haben uns verirrt. Nicht im Wald, sondern in unseren Palästen und Labyrinthen aus Beton und Stein. Wer traut sich heute noch, barfuß zu laufen oder einen Apfel vom Baum zu essen? Geschweige denn die dem Fuchs so nahen Wilderdbeeren zu naschen oder in den von Zecken besiedelten Gebieten Heidelbeeren zu pflücken?

Ich bin überzeugt, dass uns die zunehmende Entfremdung von der Natur krank macht. Ebenso wie die Folgen dieser Zerstörungswut die Natur krank macht, in dem sie das sensible Zusammenspiel der Arten irreparabel stört. Wir haben keine andere Wahl: Wenn wir gesund werden oder bleiben möchten, müssen wir uns wieder aufs Engste mit der Natur verbinden, mit unserem Lebensraum, in dem und von dem wir leben. Aber das ist nicht so einfach, weil wir uns schon so weit entfernt haben. Ohne Hilfe finden viele den Weg nicht mehr zurück in die Natur. Die Sehnsucht danach bricht sich aber zunehmend Bahn, wie wir an der Aufmerksamkeit, die das Thema Waldbaden erfährt, sehen können. Es ist ein Segen, dass Zivilisationskranke an die Hand genommen werden und seit Jahren, vielleicht sogar zum ersten Mal in ihrem Leben, sich angstfrei im Wald bewegen, bewusst den Wind in den Bäumen rauschen hören und den Duft der Erde genießen.

Die Natur verändert sich ständig bedingt durch den Lauf der Sonne, der unsere Tage beständig länger oder nach der Sonnenwende wieder kürzer werden lässt. Die Sonne bestimmt, wie viel Licht und Wärme wir und die Pflanzen erfahren. Während wir früher den Jahreszeiten unmittelbar ausgesetzt waren, werden heute die extremen Witterungsverhältnisse durch im Winter beheizte und im Sommer klimatisierte Räume stark abgemildert. Das jederzeit verfügbare, künstliche Licht normiert die Länge unserer Arbeitstage. Die Supermärkte bieten das ganze Jahr über Früchte aus allen Erdteilen an.

Trotz dieser modernen Errungenschaften spüren wir immer noch deutlich den Unterschied zwischen Frühling und Herbst, Sommer und Winter. Wir blühen im Frühling auf und kehren im Winter ein. Wir können uns dem Lauf der Sonne nicht entziehen. Zum Glück! Und wenn wir gut mit unseren Kräften haushalten wollen, passen wir unsere Aktivitäten ganz bewusst den Jahreszeiten an, nutzen die Kraft des Frühlings für den Beginn neuer Projekte, den Sommer für die Phase der höchsten Aktivität, den Herbst für die Ernte und das Resümee und den Winter für eine Phase des Rückzuges, aus dem heraus wieder eine neue Idee entstehen kann. So können wir die Jahreszeiten wie ein Schwungrad für unsere Vorhaben nutzen. Ganz nebenbei fühlen wir uns lebendiger, denn wir schließen uns wieder an den Kreislauf von Werden und Vergehen an. Alles was lebt, ist ständig in Veränderung. Nichts bleibt, wie es ist, solange es lebt. Erstarrung und Gleichförmigkeit bedeuten den Tod. Stehendes Wasser wird faulig. Nur was fließt und in Zyklen funktioniert, ist lebendig.

maas No. 17 NATUR

Die Jahreskreisfeste

Mit den Jahreskreisfesten, wie sie seit Jahrtausenden gefeiert wurden, können wir uns ganz einfach wieder dem Rhythmus der Natur anschließen. Dazu wird circa alle 6 Wochen ein Ritual gefeiert, bei dem wir ganz bewusst die Jahreszeitqualität wahrnehmen.

Rituale sind bewusste Handlungen, bei denen wir uns ganz auf eine Sache konzentrieren und alle Aufmerksamkeit darauf richten. Diese Feste sind dann wie ein regelmäßiger Gongschlag, durch den man den Rhythmus der Natur wieder deutlich spürt. Wir verbinden uns mit dem Herzschlag der Erde.

Es gibt acht Jahreskreisfeste, von denen vier durch den Stand der Sonne bestimmt werden. Dazwischen liegen vier Mondfeste. Jeder Jahreszeit können zwei Feste zugeordnet werden.

FRÜHLING – Fruchtbarkeit

Frühlingstagundnachtgleiche / Ostara – 21. März

Tag und Nacht sind genau gleich lang. Wir verlassen nun die dunkle Jahreshälfte. Ab jetzt werden die Tage wieder länger als die Nächte. Man spürt deutlich, dass der Winter vorbei ist und Väterchen Frost keine Chance hat gegen den Frühling. Überall schwellen die Knospen und die ersten Büsche erblühen schon weiß. Es ist das Fest der Frühlingsgöttin Ostara, die überall, wo sie die Erde mit ihren Füßen berührt, die Blumen sprießen lässt. Die Fruchtbarkeit kehrt zurück. Die Vögel bauen Nester und die Hasen hüpfen wieder über die Wiesen. Das christliche Osterfest geht auf das Ostara-Fest zurück, an dem die Eier und die Hasen als Symbole der Fruchtbarkeit zelebriert wurden.

Als rituelle Handlung legen wir Samen in die Erde, begießen sie mit Quellwasser und bitten darum, dass unsere Wünsche und unsere Projekte keimen und gedeihen mögen.

Die Farbe des Festes ist gelb wie die Narzissen.

Walpurgis / Beltane – 30. April

Üppiges, frisches Grün, wohin wir sehen! Die Bäume stehen in voller Blüte, die Bienen und andere Insekten summen um sie herum, lauer Wind bringt aus jeder Richtung einen lieblichen Duft. Die Vögel singen den ganzen Tag und wir pfeifen mit ihnen unser Lied. Die ersten warmen Tage locken uns aus den Häusern und unsere Herzen sind voller Frohsinn. Alles treibt aus und ist nicht mehr zurückzuhalten. Die treibende Kraft des Frühlings können wir dafür nutzen, unsere Projekte in die Tat umzusetzen. Sie formen sich mehr und mehr aus und nehmen Gestalt an.  

Es wird ein ausgelassenes Fest mit allen Naturwesen gefeiert. Es ist der Höhepunkt der Fruchtbarkeit. Erotik liegt überall in der Luft. Beim Maibaumstellen werden junge, lange Birkenstämme als Symbol für den Phallus durch einen mit Blumen geschmückten Kranz als Symbol für die Yoni geführt und dann aufgerichtet. Die an dem Kranz befestigten bunten Bänder werden tanzend miteinander verflochten. Bei diesem Fest wird traditionell Waldmeisterwein gereicht, der für eine ausgesprochen ausgelassene, heitere Stimmung sorgt.  

Die Farbe des Festes ist grün wie das frische Laub der Buchen.

SOMMER – Reifezeit

Sommersonnenwende – 21. Juni

Die Sonne hat ihren Höchststand erreicht. Der Sommer beginnt. Es sind die heißesten Tage des Jahres und die Tage sind lang. Die Linden blühen und erfüllen die warme Abendluft mit ihrem süßen Duft. Die Mittagshitze flirrt am Horizont und in der Dämmerung tanzen die Glühwürmchen am dunklen Waldrand. Das Korn wird allmählich reif und viele Früchte ebenso. Wir schwelgen in der Fülle! Die Tage scheinen kein Ende zu nehmen. Wir sind aktiv und produktiv. Es ist die absolute Hoch-Zeit. Jetzt werden die letzten Handgriffe angelegt, damit wir schon bald ernten können.

Die Sonnenwendfeuer werden entzündet, wir tanzen zu den Trommeln, springen übers Feuer und feiern die Hoch-Zeit mit berauschendem Bier die ganze, kurze Nacht lang. Ab jetzt werden die Nächte wieder länger als die Tage und das ist auch gut so, damit nicht alles verbrennt.

Die Farbe des Festes ist rot wie die Kirschen.

Kräuterweih / Lammas – 15. August

In wenigen Tagen verwandeln sich die Kornfelder in Stoppelfelder. Es ist Zeit zu schneiden: Das Korn wird eingefahren und das Stroh bleibt zurück. Viele Früchte reifen noch – von ganz allein. Deine Aufmerksamkeit liegt jetzt auf der Ernte: Wann ist der richtige Zeitpunkt, damit du süße vollreife Früchte in deinen Korb legen kannst? Wir haben alle Hände voll mit der Ernte und der Verarbeitung der Früchte zu tun.

Die Nächte sind schon deutlich kühler, aber die Seen sind aufgewärmt und laden immer noch zum Baden ein. Wir danken der Kornmutter mit dem Fest des ersten Brotes.

Die Kräuter haben in dieser Zeit eine besonders große, magische Kraft. Wir gehen über die Wiesen und Felder und pflücken unseren Kräuterweihstrauß, der uns in der dunklen Jahreshälfte bei allen Krankheiten und anderem Unheil helfen wird.

Die Farbe des Festes ist rot / schwarz wie die reifenden Holunderbeeren.

HERBST – Erntezeit

Herbsttagundnachtgleiche / Erntedank – 21. September

Dieses Fest liegt im Jahreskreis der Frühlingstagundnachtgleiche gegenüber. Auch hier gibt es eine exakte Balance zwischen Tag und Nacht. Ab diesem Tag werden die Nächte wieder länger als die Tage. Wir begeben uns in die dunklere Jahreshälfte. Aber nicht mit leeren Händen! Wir danken der Erde und der Sonne für ihre Geschenke in Form von Kartoffeln, Kürbissen, Zwiebeln, Äpfeln, Birnen, Zwetschgen und vielem anderen. Früher war es ein festes Gesetz, nicht alles vom Feld zu räumen, sondern einen Teil zum Dank an die Göttin Demeter zurückzulassen – und natürlich für alle Tiere und Wesen, die in der Natur leben.

Es ist ein schöner Brauch, erst zu danken, bevor man nimmt. In diesem Sinne füllen wir unsere Herzen mit Dankbarkeit und lassen sie überfließen. Was hat dir dieses Jahr an Gutem, an Erfolg an Fülle beschert? Wem möchtest du (davon) etwas abgeben? Es ist eine gute Tradition jedes Jahr 10% deines Einkommens oder Umsatzes zu spenden für ein Projekt, das deinen Werten entspricht.

Die Spinnweben ziehen sich morgens durch die feuchten Wiesen und fangen den Tau ein und wir genießen die letzten warmen Sonnentage. Wir binden unsere Kränze geschmückt mit den Beeren der Ebereschen und Hagebutten und feiern Abschied von diesem Sommer wohlwissend, dass Werden und Vergehen zusammengehören.

Die Farbe des Festes ist orange wie der Kürbis.

Samhain / Allerheiligen – 1. November

Hier beginnt der Jahreskreis, er ist Anfang und Ende zugleich. Die Schleier zur Anderswelt sind dünn und wir gedenken der Toten. Unsere Ahnen stehen in einer langen Kette hinter uns und unterstützen uns in unserem Leben. Jetzt ist die beste Zeit, um Kontakt mit ihnen aufzunehmen und ihnen dafür zu danken, dass wir auf ihren Schultern stehen dürfen. Was sind unsere Talente und Gaben? Kommen sie gut zum Einsatz? Gibt es etwas, das bisher im Verborgenen war und jetzt spürbar wird, vielleicht im nächsten Jahr ans Licht gehen möchte? Es ist auch die richtige Zeit, um die Sinnfrage zu stellen. Wofür bist du hier? Lebst du in Übereinstimmung mit deinem Lebensplan? Was gibt dir eine tiefe Zufriedenheit?

Die Bäume sind kahl und an manchen Tagen lösen sich die Nebel gar nicht auf. Die Krähen fliegen krächzend über den grauen Himmel und verbreiten eine schaurig-gruselige Stimmung für alle, die sich mit dem Tod nicht auseinandersetzen möchten.

Die Farbe des Festes ist schwarz wie die Nacht.

WINTER – Ruhezeit

Wintersonnenwende – 21. Dezember

Es ist geschafft – die Tage werden wieder länger. Das Licht wird in der dunkelsten Nacht wiedergeboren und auch das Christuskind trägt als Lichtbringer einen Heiligenschein. Das Weihnachtsfest ist ein Zeichen der Hoffnung symbolisiert durch den immergrünen Tannenbaum. Mit dem Licht wird irgendwann auch das Grün zurückkommen, das unser Leben bedeutet. Denn ohne Pflanzen leiden wir und alle Tiere Hunger.

Wir rücken in unseren warmen Stuben zusammen, draußen ist es kalt und still und wir genießen die Nähe zu unseren Liebsten. Die Zeit scheint still zu stehen. Alles ist zur Ruhe gekommen. Der Schnee schluckt alle Geräusche und das Wasser ist erstarrt. Die Pflanzen haben sich unter die Erde zurückgezogen und überdauern dort den Frost und die kalte, unwirtliche Zeit. Auch für uns ist Rückzug angesagt. Ausruhen. Nichtstun. Abwarten. Schlafen. Krafttanken.

Die Farbe des Festes ist silber / gold wie die Sterne am Nachthimmel.

Lichtmess / Imbolc – 2. Februar

Die Tage werden messbar länger. Es ist noch kalt und kahl, aber das Licht hat sich verändert und die Knospen reagieren darauf. Man merkt, dass sich etwas tut. Größtenteils noch im Verborgenen, aber die Schneeglöckchen haben sich ihren Weg schon ans Licht gebahnt und die Haselsträucher strecken ihre schwefelgelben Blütenschwänzchen und lassen sie im Wind baumeln. Mit jedem Tag wird es klarer. Wir sind auf dem aufsteigenden Ast. Wir werden wieder reger und was in der Winterruhe noch ganz diffus war, kommt immer mehr ans Licht. Bilder und Visionen für das neue Jahr entstehen. Was wird es bringen? Welche Erneuerungen, welcher Wachstumsschritt steht für dich an? Noch muss und sollte der Projektplan dafür noch gar nicht fertig sein. Es ist ein zarter Spross, eine kleine Unruhe, eine Regung in deinem Innersten, die noch wohlbehütet in dir reifen und sich formen darf.

Das Eis schmilzt, der Boden taut auf und das Wasser beginnt zu fließen. Rinnsale schwellen zu kleinen Bächen an und die Flüsse treten über die Ufer. Der Wind schüttelt die toten Äste aus den Bäumen und macht Platz für frische Sprosse. Reinigung ist angesagt als Vorbereitung auf das Neue.

Die Farbe des Festes ist weiß wie der Schnee.

Ablauf von Jahreskreis-Ritualen

Natürlich sollten die Rituale, wenn irgend möglich, zumindest teilweise in der Natur stattfinden. Der Kreativität sind bei der Gestaltung der Feste keine Grenzen gesetzt. Wir können die Feste auch allein feiern, aber es ist viel schöner und kraftvoller, wenn wir einen Kreis bilden.

Zusammen könnt ihr eine Mitte gestalten, in der die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft um ein zentrales Symbol wie eine Skulptur, ein Strauß, ein Nest oder was auch immer passend für die Jahreszeit ist, angeordnet werden. Der Kern des Jahreskreisfestes ist eine rituelle Handlung, die ihr euch vorher überlegt und vorbereitet habt (z. B. Sonnenblumenkerne zum Aussäen in Blumentöpfe beim Ostara-Fest). In dieser Zeit sollte die ganze Aufmerksamkeit auf dem Ritual liegen. Deswegen ist es sehr hilfreich, vorher einen Kreis zu schließen, in dem man sich die Hände gibt, etwas gemeinsam singt oder tanzt (einfache Schrittfolge für Kreistänze). Alle sind konzentriert und begleiten die rituellen Handlungen jeder Einzelnen, die, wenn sie den Impuls dazu verspürt, vortritt und aus dem Herzen spricht. Nach dem Ritual wird der Kreis offiziell wieder geöffnet und man geht zum geselligen Teil, dem „Gelage“, über, zu dem jede eine kleine Kostbarkeit für das Buffet mitbringt.

Jedes Fest hat naturgemäß einen anderen Charakter. So gibt es ruhigere, besinnliche Feste, bei dem es sehr in die Tiefe und nach innen geht, aber auch ausgesprochen laute, gesellige, rauschende Feste wie der Tanz in den Mai an Walpurgis oder die Sonnenwendfeuer.

Auf den Zeitpunkt der uralten Jahreskreisfeste sind christliche Festtage wie Ostern oder Weihnachten gelegt worden, so dass sie überdauert haben und immer noch gefeiert werden, zum Teil sogar noch mit den alten Bräuchen wie Ostereier oder Tannenbaum. Wir können uns ganz einfach wieder stärker mit der Natur verbinden, indem wir uns auf die Ursprünge dieser Feste besinnen. Dadurch synchronisieren wir uns wieder mit unserer Umwelt und empfinden uns als Teil von ihr. Und was ist kraftvoller für unser Leben, als uns mit der Urkraft der großen Mutter zu verbinden?

 

von Anita Maas

www.maas-natur-coaching.de

Dieser Text ist ein Auszug aus maaS No. 17 NATUR.

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