Geben und Nehmen

Ich und Gemeinschaft
Hans-Martin Beck
26 Jan 2017
Mandala-Zeremonie bei den Inkas Hans-Martin Beck

Hans-Martin Beck, inkaworld

Mandala-Zeremonien der Inkas 

Don Francisco Apaza Flores sitzt auf einem Yogakissen. Vor ihm ist eine prächtige Zeremonie-Decke ausgebreitet und darauf liegt ein rechteckiges weißes Papier. Lorbeerblätter sind links und rechts in kleinen Stapeln angeordnet, ein Glas mit Weißwein steht auf der rechten oberen Ecke, daneben weiße Nelken; das Glas mit Rotwein ist auf der linken oberen Ecke abgestellt, daneben liegen rote Nelken. Und in einer unscheinbaren Kiste liegen griffbereit viele kleine Behälter mit Samen, Körnern und Nüssen sowie bunten Zuckersachen, Keksen und Weingummi.

Er nimmt jeweils einen Stapel von den Lorbeerblättern rechts und links, führt sie zu seinen Lippen, pustet energisch hinein und beginnt seine persönliche Unterhaltung mit den Spirits:

Wiraqocha, taytanchis pachakamaq,

Pachamama, santa tierra,

chaski waiku, kay despacho,

kalpachi waiku.

 

Wiraqocha, unser Vater,

Pachamama, heilige Erde,

nimm dieses Despacho an, das ich für dich mache,

und gib uns deine Kraft.

Nachfahre der Inkas aus den Hochanden von Peru

Don Francisco ist ein Q’ero-Indianer, ein Nachfahre der Inkas aus den Hochanden von Peru. Wie seine Vorfahren seit vielen Jahrhunderten vor ihm nutzt auch er Despacho-Zeremonien, um sich mit der physischen und metaphysischen Welt zu verbinden. Er ruft dazu Mutter Erde und die Ñustas, die weiblichen (Heil-)Kräfte der Natur, sowie den großen Vater und die Apus, die meist männlichen Spirits der Berge. Er spricht heilige Worte, die ihm von seinen Lehrern gegeben wurden, und gibt all seine Liebe und sein Wissen in diese Zeremonie. Sein Bestreben ist es, etwas Wunderschönes zu kreieren, das er den Spirits widmet und ihnen später übergibt.

Da sie aus unterschiedlichen Zutaten zusammengesetzt sind, könnte man Despachos auch als eine Art „physische Gebete“ bezeichnen. Sie folgen der einzigen und zentralen Gesetzmäßigkeit der Inka-Tradition, die sich Ayni nennt; übersetzt bedeutet dies so viel wie „Geben und Erhalten“. Ayni sagt aus, dass alles, was wir tun, in diesem Leben verstärkt zu uns zurückkommt. Ist ein Mensch beispielsweise zuvorkommend, hilfsbereit oder tut er Gutes für jemanden anderes, kommt mehr Gutes zu ihm selbst zurück. Und wenn er die Geschenke, die das Leben ihm gibt, annehmen kann, wird sein Leben dadurch noch leichter.

Liebe und Wille

Daneben spielt im Glaubenssystem der Hochanden ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle: Munay.

Dieses Wort lässt sich mit den beiden Worten „Liebe“ und „Wille“ ins Deutsche übersetzen. Munay drückt für die Nachfahren der Inkas aus, dass unsere Gefühle und unsere Intention eine Einheit bilden. Wenn wir sie gemeinsam entwickeln, sind wir in der Lage, Liebe in all unsere Gedanken und in all unsere Handlungen zu geben.

Despachos folgen einer Struktur, in der mindestens vier Faktoren um ein Zentrum angeordnet sind. Man findet diese Struktur beispielsweise auch im Medizinrad der nordamerikanischen Indianer, in den Mandalas der tibetischen und hinduistischen Buddhisten, im christlichen Kreuz oder auch bei den Alchemisten, die sich mit den vier Elementen und der fünften Essenz beschäftigten.

Diese äußerlich sichtbare Struktur hilft, Ordnung zu schaffen, und diese äußere Ordnung wiederum reflektiert sich im Innen. Es ist eine Wechselwirkung, die laut dem Tiefenpsychologen C. G. Jung zu einer Erweiterung des menschlichen Bewusstseins führt.

Denn Despachos, wie Mandalas auch, regen einen inneren Prozess an, indem sie die vier menschlichen Fähigkeiten miteinander in Einklang bringen: die Gedanken, die Gefühle, die Hingabe und die Impulse. Indem wir diese Faktoren harmonisieren, erlangen wir Integrität und Authentizität. Darüberhinaus erhalten wir ein Gefühl der inneren und äußeren Harmonie: Ich bin im Frieden mit mir und meiner Umgebung.

Bitte oder Dank

Zu Beginn eines Despachos ist es wichtig zu wissen, wofür man es erschafft. Geht es darum, sich etwas zu wünschen, oder vielmehr darum, sich für etwas zu bedanken, das bereits in Erfüllung gegangen ist? Beide Beweggründe sind gleich gut.

Wenn man in den Anden um etwas für sich selbst bittet, beispielsweise um eine Partnerschaft oder eine gute Ernte, schließt man andere Menschen in seine Worte mit ein. Man bittet zum Beispiel darum, dass alle Suchenden einen netten Partner finden oder die Ernte aller Bauern gut wird.

Da bei einem Despacho immer auch die Spirits gerufen werden, ist diese Zeremonie gleichzeitig ein Geschenk für das große Ganze, für das Heilige. Daher wird es mit Liebe, Hingabe und Wissen erstellt – denn wer aus ganzem Herzen gibt, bekommt immer mehr davon zurück. Wer also Ayni mit dem Heiligen praktiziert, eröffnet für sich und die anderen die Möglichkeit, von Gott direkt etwas Großes zurückzuerhalten.

In dieser Vorgehensweise zeigt sich, wie dem Verständnis der Inka-Tradition nach Energie fließt: Von Pachamama und den Apus zum Menschen; vom Menschen zu seiner Familie, von dieser zur Gemeinschaft und von dort in die ganze Welt. Sorge also zunächst gut für dich selbst, kümmere dich dann um die Menschen, die dir nahe stehen, und hilf anschließend denen in deiner Gemeinschaft.

Wenn Ayni (Geben und Erhalten) der Schlüssel ist, dann ist Munay (Liebe und Wille) das passende Schloss, um die Tür zu einem erfüllten Leben aufzuschließen. Und erfüllt sein heißt, mit dem Leben intensiv verbunden zu sein und alles zu erreichen, was man möchte.

Genau deshalb macht Don Francisco Despachos. Und so lässt sich erklären, wie die Inkas in weniger als 90 Jahren ein Weltreich bauen konnten, in dem es weder Hunger noch Armut gab.

Hans-Martin Beck ist Lehrer der Inka-Tradition und Autor des Buches „Das spirituelle Wissen der Inkas“. Er lädt die Nachfahren der Inkas regelmäßig zu Veranstaltungen in Europa ein. Von den Q’eros wird er Chaka Runa genannt, was so viel wie „Brückenbauer“ bedeutet.

www.inka-world.de

Auszug aus maaS No. 4 "Ich und Gemeinschaft"

Magazin maaS No. 4 Ich und Gemeinschaft

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