Frieden in mir

Frieden
Juliane Wothe
15 Jan 2020
Frieden in mir von Juliane Wothe aus maas No. 11 FRIEDEN

pixabay

Frieden findet in mir selbst jeden Tag statt. Und wenn ich schreibe "stattfinden", dann meine ich, eine bewusste Entscheidung zu treffen, all das anzuwenden, was ich weiß - tief durchatmen, bewegen, Musik, loslassen und lachen.

Frieden ist ein bisschen wie am Strand spazieren zu gehen und auf einen Schwarm Möwen zu treffen: Wenn du dich ihnen näherst, fliegen alle hoch und kreischen wild und chaotisch und keine 30 Sekunden später landen sie friedlich wieder im Sand und es ist, als wäre nie etwas gewesen, was ihre meditative Ruhe gestört hat. Ähnliches erlebe ich mit dem Reh im Wald, das verschreckt vor mir davon läuft, dann kurz inne hält, seine Angst abschüttelt und dann langsam weiter trabt.

Warum sind wir unfriedlich?

Weil wir an dem festhalten, was uns unglücklich oder wütend macht und es nicht abschütteln. Weil wir uns mit der Welle identifizieren, die sich auf und ab bewegt, statt die Welle einfach durch uns durch laufen zu lassen in dem Gefühl: Wir sind der Ozean. Es gibt kein Außen, sondern nur unsere innere Erfahrung. Und der Ozean ist immer still.

Ich habe vor Kurzem einen Job angenommen, der einen tollen Titel hat, aber nichts anderes ist als Kundenservice für ein großes Verkaufshaus. Das bedeutet, dass mich tagtäglich hunderte Menschen mit ihren Problemen und Beschwerden anrufen. Die meisten davon denken nicht daran, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung ja gar nichts dafür kann und nur zu helfen versucht. Bei so viel Negativität ist schlechte Laune vorprogrammiert. Und wer spürt die? Ich. Wer spürt die nicht? Alle Kunden, die mich anrufen. Wer hat also das Problem?

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Gestern war ich über etwas so verärgert, dass mir wütende kleine Tränen über die Wangen liefen. Ich fühlte mich machtlos und ungesehen und mein kleines Ego hat sich riesengroß aufgebäumt. Und dann klingelte das Telefon.

Ich musste mir also die Tränen aus dem Gesicht wischen und mit freundlicher Stimme meine übliche Begrüßung herunterrasseln und nett fragen, was ich für den Anrufer tun kann. Ich wollte wirklich für den anderen da sein und ihn nicht spüren lassen, was gerade passiert ist. Er konnte ja gar nichts dafür!

Und so redeten und redeten wir über belanglose Dinge und sein Anliegen und als ich 5 Minuten später auflegte, konnte ich nichts mehr von der Wut fühlen, die eben noch brodelnd in mir gekocht hat. Nichts! Ich habe versucht, noch eine Träne zu finden, aber da war nichts! Und ich musste plötzlich lachen, weil ich einsah, dass ich für einen Moment wieder Welle und nicht Ozean war. Die Welle vergeht so schnell und bleibt nur, wenn wir ihr die nötige Energie schenken. Aber wen hätte ich damit wirklich verletzt? Nur mich selbst.

Es ist meine Entscheidung

Es gibt eine schöne kleine Geschichte von Portia Nelson, die ich hier sehr passend finde:

Ich gehe eine Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich falle hinein. Ich bin verloren. Ich bin ohne Hoffnung. Es ist nicht meine Schuld. Es dauert endlos, wieder hinauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich tue so, als sähe ich es nicht. Ich falle wieder hinein. Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein. Aber es ist nicht meine Schuld. Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich sehe es. Ich falle schon wieder hinein … aus Gewohnheit. Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin. Es ist meine Schuld. Ich komme sofort wieder heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich gehe darum herum.

Ich gehe eine andere Straße entlang.

Was mich diese Geschichte lehrt, ist, dass es nur an mir selbst und meiner Entscheidung liegt, wie ich mich fühle. Wenn ich auch nur einem der sich beschwerenden Menschen mit Ärger, Hass oder Unfrieden begegne, kreiere ich genau dieses Gefühl in mir selbst. Gebe ich jedem ein kleines bisschen Liebe oder Freundlichkeit und begegne ihnen mit einem offenen Herzen, einem gewissen Humor, Frieden, Mitgefühl und Respekt, geht es nicht nur jedem einzelnen von ihnen besser, sondern und vor allen Dingen MIR. ICH fühle mich gut, wenn ich Liebe und Frieden anstatt Hass in meiner Umgebung sähe. Und mit jedem dankbaren Wort, jedem hörbaren Lächeln und jeder Erleichterung kommt das auch doppelt zurück. Ich bin dann Ozean und nicht nur die eine Welle und ich kann mich trotz aller Höhen und Tiefen dennoch als Ganzes sehen.

Wenn das Leben nicht so spielt, wie ich es möchte

Unsere Komfortzone ist in punkto Frieden unser größter Lehrer, denn sie zeigt uns genau, an welchem Punkt wir uns befinden, wer wir sind und was uns eigentlich bewegt. Sind wir im Laufe unseres Lebens steif und unbeweglich geworden oder haben wir uns unsere kindliche Neugier bewahrt und die Flexibilität eines Baumes im Wind?

Nach fast 40 Jahren mit mir habe ich mich selbst als emotionales Wesen kennengelernt. Ich habe begriffen, dass mein Krieg und mein Unfrieden nur mich selbst verletzt und mich selbst unglücklich macht. Alles, gegen das ich angehe oder gegen das ich mich wehre, verschließt mich einer neuen Erfahrung, einem neuen Wachsen und hält mich stagnierend gefangen in der Zone meines angeblichen Komforts, in der alles genau so zu verlaufen hat, wie ich das möchte. Aber wie oft im Leben passiert das schon? Der Fakt, dass das Leben gerade nicht so spielt, wie es mir passt, lässt mich wachsen und expandieren. Und meine Komfortzone wächst mit mir. Nichts geschieht außerhalb von uns oder getrennt von uns. Damit ist unser innerer Friede immer auch der äußere, der uns umgibt. 

Die Welle geht für alle Ewigkeit immer auf und nieder, doch der Ozean darunter bleibt immer still.

Auszug aus maaS No. 11 FRIEDEN

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