Freut euch nicht zu spät

FREUDE
Melanie Wolfers
16 Mai 2019
Freut euch nicht zu spät von Melanie Wolfers aus maaS No. 13 FREUDE

Man kann den Tag auch vor dem Abend loben

Sich vorbehaltlos zu freuen, fällt manchmal nicht leicht. Da erzählt ein Vater: „Ich stehe am Bett meiner Tochter und lausche ihrem ruhigen Atem. Liebe und Glück durchfluten mich. Doch plötzlich packt mich die Angst, dass ihr etwas Schreckliches zustößt: ein Unfall, ein Übergriff. Und ich verliere mich in meinen düsteren Fantasien.“

Es ist paradox: Einerseits wünschen Menschen sich mehr Freude. Aber andererseits melden sich gerade in Augenblicken großen Glücks oft Befürchtungen zu Wort und schmälern die Freude. Woher kommt dieses Gedankenkino?

Doch wie lange währt das Glück?

In Momenten heller Freude ruft sich häufig unsere Verletzlichkeit in Erinnerung. In Augenblicken puren Glücks, in denen einfach alles stimmt, wird die Zerbrechlichkeit von allem umso stärker spürbar: Ich kann das Glück diesen Augenblicks – das gute Gespräch oder das Fest mit Freunden – nicht festhalten. Die Menschen, die mir viel bedeuten, sind fragil. So wie ich selbst und alles, was ich aufgebaut habe. Die Angst vor der Verwundbarkeit also macht unser Herz eng und bringt uns dazu, dass wir unserem Glück nicht trauen. Die Angst etwa, dass die Freude nicht lange währt – entsprechend der mahnenden Redewendung: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben“, denn wer weiß, was noch alles kommt …

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Unglücksfantasien, die das Hirn in Glücksmomenten wie von selbst produziert, entpuppen sich angesichts unserer Verwundbarkeit als ein nachvollziehbarer Schutzmechanismus: Um nicht ahnungslos von Enttäuschungen oder Verlust überrumpelt zu werden, spielen wir in der Vorstellung Unglücksszenarien durch. Um nicht aus heiterem Himmel vom Schmerz überrollt zu werden, trüben wir durch düstere Fantasien vorsorglich die Freude ein – in der Hoffnung, dadurch mit dem möglichen Umschwung besser klar zu kommen.

Freut euch nicht zu spät

Doch mit diesem unbewussten Selbstschutz stellt man sich in mehrfacher Hinsicht ein Bein. Erstens: Wenn wir unsere Fähigkeit zur Freude vergraben, präparieren wir uns gerade nicht für Enttäuschungen! Im Gegenteil, wir schwächen unsere seelische Widerstandskraft. Jedes Mal aber, wenn wir der Freude erlauben, dass sie unser Herz weit macht, stärken wir unsere Fähigkeit, mit den kleinen und großen Widrigkeiten umzugehen. Und wir kultivieren die Kraft der Hoffnung.

Ein Zweites: Gedanken und Angstfantasien machen uns oft etwas vor. Humorvoll beobachtet Mark Twain: „Ich habe einige schreckliche Dinge in meinem Leben durchgemacht, von denen einige tatsächlich passiert sind.“ Wer seine Aufmerksamkeit bevorzugt auf den möglichen SuperGAU richtet, lässt sich nicht nur das Glück des Augenblicks rauben, sondern er leidet hier und jetzt. Und muss oft im Rückblick feststellen: Ich habe mich grundlos verrückt gemacht und unter Katastrophen gelitten, die nie eingetreten sind.

Und schließlich: Wenn tatsächlich etwas Befürchtetes eintreten sollte, dann werden wir um all die wunderbaren Augenblicke trauern, die wir nicht aus vollem Herzen genossen haben und die nun unwiderruflich vorübergegangen sind.

Freude macht uns verwundbar

Immer dann, wenn die Freude uns ergreifen will und wir uns ihr überlassen, machen wir uns verwundbar. Denn wir haben diesen Augenblick nicht in der Hand! Er ist uns geschenkt – und kann uns wieder genommen werden. Kein Wunder, dass Freude oft damit einhergeht, dass sie einen ängstigenden Schauder auslöst. Und manchmal überläuft uns sogar eine Gänsehaut.

Dieses spontane Empfinden lässt sich kaum beeinflussen. Doch die entscheidende Weichenstellung liegt woanders, nämlich in der Frage: Wie deute ich das innere Beben, das in Augenblicken der Freude manchmal leise mitschwingt? Neige ich dazu, dieses innere Frösteln als Warnschuss zu interpretieren, der mahnt: „Freu dich nicht zu früh! Das ist nicht das wahre Leben!“ Oder verstehe ich den Schauder als eine Einladung, dankbar zu sein: für den Menschen an meiner Seite, für den faszinierenden Blick vom Berggipfel oder einfach für den gegenwärtigen Augenblick?

Wenn ich in mich selbst hineinhorche, dann geht mir auf, dass sich in mir verschiedene dieser Stimmen zu Wort melden. In diesem Wahrnehmen liegt eine große Chance, denn nun kann ich mich fragen: „Wem will ich mehr Glauben schenken: meiner Angst, die mir das Heute stiehlt, indem sie mich das Morgen fürchten lehrt? Oder meinem dankbaren Vertrauen, dass sich mir hier und jetzt das Leben in seiner Schönheit zeigt?“ Dankbarkeit bewirkt, dass ich den Tag auch vor dem Abend lobe.

Wegweiser zur Freude

Wie können wir in unserem Alltag der Freude (mehr) Raum geben? Und falls sie mir zeitgleich die Zerbrechlichkeit in Erinnerung ruft: Was hilft, sich dennoch dem Strom der Freude zu überlassen? Zwei Hinweise:

Natürlich werfen Höhepunkte ein besonderes Licht auf unser Leben. Doch Freude entsteht in ganz gewöhnlichen Augenblicken. Und gerade die kleinen Freuden bringen Glanz in den Alltag. Das wird besonders spürbar, wenn jemand nach einer schweren Krankheit wieder auf die Beine kommt oder bei einem Unfall einigermaßen heil davongekommen ist. Nach solchen Erfahrungen gewinnen unscheinbare Ereignisse oft eine große Bedeutung: der Duft frischgebrühten Kaffees, ein gemeinsamer Kinobesuch, wärmende Sonnenstrahlen im Gesicht …

Ich persönlich beschäftige mich gedanklich jedoch mit Vorliebe mit den Problemzonen – sei es, wenn es in der Arbeit nicht so gut läuft oder sich privat Schwierigkeiten auftürmen … Dieser Negativfokus hat viele, durchaus auch sinnvolle Gründe. Das Problem liegt in der Einseitigkeit, und hier hilft ein bewusstes Gegensteuern. Etwa: Statt ständig darüber nachzudenken, was ich an mir und meinem Umfeld „reparieren“ will, kann ich mir täglich einen Moment Zeit gönnen, um das zu bewundern, was keiner Reparatur bedarf.

Es muss nichts Außergewöhnliches geschehen, um stehenzubleiben und den Duft einer Rose zu genießen. Es braucht nur einen Moment ungeteilter Aufmerksamkeit für das, was am Wegesrand blüht. Und mitten im Alltagsgetriebe kann uns ein freundlicher Blick erreichen – wenn wir dafür wach und berührbar sind.

Welche Brille setzt du am Morgen auf?

Es zeigt sich: Je nachdem, mit welchem Fokus wir auf den Alltag schauen, wird Unterschiedliches in den Blick kommen. Werden wir wenige oder viele Anlässe entdecken, die uns froh und dankbar stimmen. Dem Tagesbeginn kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Denn jeder Morgen bietet die Chance, um die eigene Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. In einem Bild ausgedrückt: Wir können am Morgen unterschiedliche Brillen aufsetzen. Je nachdem, welche Brillentönung wir wählen – eine dunkle, eine helle, eine rosarote … –, wird unser Tag in ein anderes Licht getaucht. Einen ähnlich großen Unterschied macht es, ob du dich zu Beginn eines neuen Tages bewusst für einen offenen, bejahenden Fokus entscheidest oder ob du eine eher misstrauisch-abwehrende Brille aufsetzt. Deine Welt wird jeweils eine andere sein! Dein Tag wird jeweils ein anderer sein!

Daher glaube ich: Es kommt in unserem Leben nicht primär darauf an, dass wir viele neue Landschaften entdecken, sondern dass wir die „richtige Brille“ aufsetzen. Dass wir mit neugierigen und wertschätzenden Augen auf Menschen und Situationen blicken und dass wir uns selbst mit einem wohlwollenden Blick betrachten. Ein freundschaftlicher Blick lässt unser Leben freundlicher erscheinen und erlaubt es, auch mehr das Gute im anderen zu sehen.

Melanie Wolfers ist Philosophin und Theologin und eine der bekanntesten christlichen Autorinnen im deutschsprachigen Bereich. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Sie ist gefragte Referentin, Kursleiterin und SPIEGEL-Bestsellerautorin. www.melaniewolfers.de

Freunde fürs Leben - Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein      trau dich, es ist dein Leben von Melanie Wolfers

Dieser Text ist ein Auszug aus maaS No. 13 FREUDE.

maas Magazin No. 13 FREUDE

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