Für die eigenen Wahrheit aufstehen

Mut
Boris Grundl
14 Mär 2019
Für die eigene Wahrheit aufstehen von Boris Grundl in maaS No. 12 MUT

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Wer mutig handelt, macht sich frei und wertvoll

Von Boris Grundl

Bedeutet mutig sein, aus einem Flugzeug zu springen? Oder dem Chef die Meinung zu geigen? Zeugt es von Mut, sein Hab und Gut zu verkaufen und um die Welt zu reisen oder im Erdgeschoss bei offenem Fenster zu schlafen? Ist Mut viel größer? Oder viel kleiner? In Wahrheit ist das Mutigste überhaupt, sich selbst auszuhalten. Sich treu zu bleiben. Äußeren Programmierungen zu entsagen. Und trotzdem für seine Wahrheit aufzustehen.

„Was für prächtige Farben!“, jauchzt der Kaiser und sein Hofgefolge, als die Weber auf ihre leeren Webstühle zeigen. „Ihr seht prächtig aus“, hecheln die Diener ihrem Monarchen zu, der sich nackt vor dem Spiegel dreht. „Die Tracht sitzt hervorragend, zeigt euch dem Volk“, empfehlen die Minister. Der nackte Kaiser tritt mit vor Stolz geschwollener Brust auf die Straße, Diener tragen eine unsichtbare Schleppe, die Untertanen loben das Geschmeide … „Aber er hat ja gar nichts an!", ruft plötzlich ein Kind …

Das Märchen kennen Sie bestimmt: Des Kaisers neue Kleider. Die Betrüger schufen Stoffe, die für jeden Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei. Das wollte natürlich niemand sein. Angst und Scham setzten die Lügen-Spirale in Gang. Erst ein Kind entlarvt das Schauspiel. Und hat den Mut, auszusprechen, was es sieht – oder eben nicht sieht. Auch wenn es hier aus naiver Unwissenheit spricht, offenbart es doch eine Facette, wie Mut aussehen kann – und wie leicht oder schwer es ist, mutig zu sein.

Mut ist subjektiv

Mut bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das Gegenteil: Ängste überwinden. Aus diesem Grund ist er sehr subjektiv. Für den einen bedarf es schon Mut, im Supermarkt einzukaufen oder alleine im Wald spazieren zu gehen. Für andere sind weder Achterbahn noch Bungeesprung mutige Unterfangen. Für den 16-Jährigen kann es eine Mut-Höchstleistung sein, seine Meinung laut zu äußern und in Kauf zu nehmen, ausgegrenzt zu werden. Für den 50-jährigen Familienvater und Firmenchef, der sowieso in sich ruht, ist genau das nicht mutig. Es ist sein Job.

maaS Magazin No. 12 MUT

Neben aller Subjektivität lässt sich „mutig sein“ jedoch in folgendem Aspekt bündeln: Mut bedeutet, sich selbst zu erkennen und zu sich selbst zu stehen. Das klingt leicht, ist aber eine enorme Leistung. Denn die soziale Erwünschtheit zerrt an uns. Die Welt und unsere Mitmenschen geben uns klar vor, was als „richtig“ und „gut“ angesehen wird. Und wir fühlen uns gedrängt, dem zu entsprechen. Nur so bekommen wir die Bestätigung von außen, die für viele unglaublich hohen Stellenwert hat. Der Haken an der Sache: Bestätigung von anderen hat nur eine sehr kurze Haltbarkeit. Wir brauchen immer wieder Nachschub, um uns gut zu fühlen. Also sagen und tun wir immer wieder Dinge, die sozial erwünscht sind. Das macht uns abhängig von unserem Umfeld.

Wem es hingegen gelingt, Anerkennung aus seinem inneren Bezugsrahmen zu schöpfen, der spielt Königsklasse und ist frei. Nicht wenige predigen deshalb den Appell „Mach dein Ding“. Das Ideal dahinter kommt gut an: Höre auf dich selbst. Wer sich nur nach der Meinung anderer richtet, „ist blöd“. Das stimmt so natürlich ebenfalls nicht. Die Kunst ist, genau zu erkennen, was „mein Ding“ eigentlich heißt. Stammt der Impuls wirklich aus meinem Inneren? Gehe ich frei und unabhängig auf bestimmte Dinge zu? Oder habe ich den Impuls lediglich von außen aufgenommen und ihn mir zu eigen gemacht? Viele Menschen glauben, sie würden sich frei für etwas entscheiden. In Wahrheit weichen sie oft nur aus – und zwar sich selbst.

Das eigene Spiegelbild akzeptieren

Wer von außen nach innen wirkt, handelt wenig mutig. Sondern schwimmt mit, gibt nach, geht den vermeintlich leichteren Weg. Mutig ist der, der sich traut, sich auch gegen das Umfeld zu positionieren – und das nicht aus reiner Negation und Lust am Protest, sondern aus Authentizität und Wahrhaftigkeit. Jemand, der in den Spiegel schaut und sich selbst fragt: Bin ich wirklich so? Will ich so sein? Sich der Programmierung von außen bewusst zu sein und sich im Zweifelsfall gegen sie zu stellen, erfordert extrem viel Mut.

Bin ich also vom Umweltschutz überzeugt, handele ich mutig, wenn ich meine Freunde für deren Müllverschwendung kritisiere. Das ist das eine. Das ist noch leichter. Denn in dieser Konstellation bin ich „der Gute“. Sich wirklich sich selbst zu stellen, bedeutet aber auch, seine dunklen Seiten aushalten zu können: Eifersucht, Neid, Wut, Aggression ... Diese negativen Emotionen wahrzunehmen und sich mit ihnen auseinandersetzen, auch wenn sie uns nicht gefallen, zeugt von noch viel größerem Mut. Wer derartige Gefühle ignoriert oder verleugnet, führt sich selbst in Bedrängnis und Abhängigkeit: Wir handeln aus Angst, lügen und manipulieren.

Ein Beispiel: Ein Freund lügt dich an, was ist er dann? Klaro, ein Lügner! Für viele unverzeihlich und unwiderrufbar. Hast du denn selbst schon mal gelogen? Ja? Aber nur eine Notlüge, eine kleine Unwahrheit? Ansonsten bist du ja ein ehrlicher Mensch – also kein Lügner … Erkennst du, wie wir mit zweierlei Maß messen? Sich dieser geistigen Verzerrung uns selbst gegenüber zu stellen und sie zu akzeptieren, ist Mut par excellence.

Was habe ich davon?

Aus dem Gang nach innen erwächst im besten Fall eine Handlung nach außen. Das heißt: Mutige Menschen sagen, was sie für richtig halten und was an bestimmten Stellen gesagt werden sollte. Sie formulieren nicht nur, was andere hören wollen. So wie das kleine Kind in der Geschichte des Kaisers, das nach immer stärker verwobener gegenseitiger Täuschung der feigen Erwachsenen endlich sagt, was nötig ist.

Doch kann ein Mitarbeiter seinem Chef so mutig entgegentreten? Darf ein Schüler seinen Lehrer derart brüskieren? Ist es immer klug, seinem Partner mutige Wahrheiten zu offenbaren? Befinden Mitarbeiter sich doch in einer finanziellen, Schüler in einer autoritären und der Ehepartner in einer emotionalen und rechtlichen Abhängigkeit? Ein Zögern ist hier nachvollziehbar. Wer sich jedoch selbst erlaubt, mutig zu sein, wird zu einem immer wertvolleren Menschen. Für sich und andere. Mutig und ehrlich sein, muss ja auch nicht bedeuten, sich für oder gegen etwas auszusprechen. Sondern „nur“, dass meine Aussage extrem hohen Wert hat. Weil sie frei gesprochen ist.

Und wenn du nicht frei bist? Dann hilft es schon mal, sich genau dieser Tatsache bewusst zu sein. Ich habe mal ein Interview verfolgt, in der eine Frau in der Tabakindustrie angesprochen wurde. Auf die Frage nach ihrer Meinung, verweigerte sie die Antwort. Es tue ihr leid, aber da sie selbst in der Industrie arbeite, können sie sich dazu nicht äußern. Eine mutige Antwort. Die Zuhörer haben jetzt die Wahl, wie sie darauf reagieren. Einerseits könnte man die Dame anklagen, dass sie in einer Industrie arbeitet, die sie offenbar nicht unterstützt. Oder man zollt ihr Respekt, sich der Problematik der Industrie aber auch ihrer finanziellen Abhängigkeit zu ihr bewusst zu sein. Und deshalb besser zu schweigen. Ist die zweite Variante nicht die ehrlichere? Die Dame reagiert authentisch und integer. Weder singt sie das Lied, dessen Brot sie isst, noch hebt sie den Zeigefinger und schwingt die Moralkeule. Beide Varianten entsprächen der sozialen Erwünschtheit, aber wohl nicht ihr selbst.

Auf sich selbst konzentrieren

Dabei ist Moralapostel zu spielen, immer leicht. Doch zum wahren Mut-Paket gehört auch, bei sich selbst anzufangen. Nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Seine Energie nicht damit zu verschwenden, andere zu erwischen, wie „unmutig“ und konformistisch sie sind. Viel zu oft sprechen Pärchen auf dem Heimweg einer Party negativ über andere Paare, statt sich selbst den vielleicht eigenen Beziehungs-Wolken zu stellen. Das könnte ja ein unliebsames Gespräch oder gar die Trennung nach sich ziehen.

Denn natürlich kann mutiges Verhalten auch derartige Konsequenzen haben. Wer frei spricht, wird manchmal unbequem. Er hält anderen den Spiegel vor oder kommuniziert neue Werte. Freunde wenden sich vielleicht ab, Kollegen fürchten das Feedback und der Partner verlässt den Lebensplan. Wie heißt es so schön: Erst wenn ich mich selbst verändere, kann ich die Welt verändern. Meistens ist es ja genau das, was wir erreichen wollen. Das Leben und die Welt verbessern. Oft würde dieser Mut viele Probleme lösen. Wie Gewalt in der Familie, Missbrauch, Betrügereien und Ungerechtigkeiten. Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, halten jahrelang das Bild aufrecht, das von außen erwünscht ist: von der glücklichen Familie. Würden diese Frauen den Mut haben, zuzugeben, dass sie bei der Partnerwahl einen Fehler gemacht haben, wäre schon viel gewonnen. Eine solche Limitierung bei anderen zu erkennen, ist leicht. Seine eigene zu erkennen und zu überwinden, ist sehr viel schwerer.

Hier könnten unzählige Beispiele belegen, wie wichtig Mut für unser eigenes und fremdes Wohlbefinden ist. Kinder sollten daher von Anfang an als mutige Menschen erzogen werden und spätestens als Erwachsene verstehen: Mutig ist nicht der, der Dinge tut, die mutig erscheinen, sondern der, der seine eigenen Limitierungen überwindet. Mut bedeutet für die Wahrhaftigkeit, die man heute erkannt hat, aufzustehen und einzustehen. Ändert sich durch neue Erkenntnisse die eigene Wahrheit – stellte man sich beispielsweise gestern gegen Fleischkonsum und heute dafür – ist es doppelt mutig, die neue Route für sich zu akzeptieren und für sie hier und heute einzustehen. Und vor allem, ohne andere dabei zu missionieren! So können wir immer freier agieren und damit auch die Welt ein bisschen freier machen. Das wäre doch eine schöne Vorstellung.

(Boris Grundl ist Management-Trainer, Unternehmer, Autor sowie Inhaber des Grundl Leadership Institut. Boris Grundl perfektionierte die Kunst, sich selbst und andere auf höchstem Niveau zu führen. Er erforscht das Thema Verantwortung (www.verantwortungsindex.de) und gibt Schülern in Großvorträgen wegweisende Impulse für ein eigenverantwortliches Leben. www.grundl-institut.de)

Auszug aus maaS No. 12 MUT

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