Es geht nur ohne Hierarchie

Ich und Gemeinschaft
Prof. Dr. Gerald Hüther
27 Dez 2016
Prof. Dr. Gerald Hüther, Gründer der Akademie für Potentialentfaltung

Foto: Josef Fischnaller

Interview mit Prof. Dr. Gerald Hüther

Mitgründer der Akademie für Potentialentfaltung

Unsere größten, aktuellen Probleme fußen auf einer Beziehungskultur, in der wir uns gegenseitig zum Objekt unserer Bewertungen und Absichten machen. Wir könnten die überall anzutreffenden hierarchischen Strukturen aber auch auflösen und uns, statt einander dominieren zu wollen, gegenseitig unterstützen. Ganz automatisch entsteht in einer derartigen neuen Beziehungskultur  ein Ausmaß an Co-Kreativität, das es uns leicht macht, gemeinsam Lösungen für die dramatischen Situationen auf der Welt zu finden. Vor allem nachhaltige, die auch unseren Kindern zu Gute kommen.

Ist der Mensch ein soziales oder asoziales Wesen?

Der Mensch ist ein soziales Wesen, hat aber die Möglichkeit, für eine gewisse Zeit auch asoziale Verhaltensweisen zu entwickeln. Dauerhaft asozial geht nicht. Dann wären wir weder Menschen geworden, noch könnten wir Menschen bleiben. Unser größtes Problem ist, dass wir glauben, wir existierten als Einzelwesen. Dadurch vergessen wir, wie sehr wir andere Menschen brauchen, um das zu lernen, was wir heute können.

Wie sollte unsere Gesellschaft idealerweise aussehen?

Es gibt ein universelles Prinzip, das uns Astrophysiker erklären können: Die Entwicklung des Universums ist auf allen Stufen eine ständige Erweiterung der Möglichkeitsräume für die dabei entstehenden Strukturen. Das heißt, ein einzelnes chemisches Element hat weniger Interaktionsmöglichkeiten als organische Substanzen. Lebendige Wesen, die daraus entstanden sind, haben noch größere Dimensionen an Möglichkeitsräumen. Am Ende der Entwicklung steht der Mensch als ein Wesen, das über die größten Möglichkeitsräume verfügt. Wenn das ein universelles Entwicklungsprinzip ist, dann wäre die Erweiterung unserer Möglichkeitsräume, also die Potentialentfaltung, unsere wichtigste Aufgabe.

Was hindert uns daran, diesen Zustand zu erreichen?

Wir Menschen unterscheiden uns von den Tieren dadurch, dass wir nicht mehr von Instinkten geleitet werden, auf die wir uns verlassen können. Wir müssen das Zusammenleben erst lernen. Dabei kann man sich verirren, z. B. indem  man kurzfristige Ziele verfolgt und das Langfristige aus den Augen verliert. Das haben wir gemacht und sind dabei offenbar in eine Sackgasse geraten. Wenn wir unseren Nachkommen eine Welt hinterlassen, die ärmer, verschmutzter und ausgelaugter ist als die, die wir selbst vorgefunden haben, sind wir auf einer Rückentwicklung.

Was hat uns in diese Situation gebracht?

Die Menschheitsgeschichte ist durchzogen von Krieg. Gegen eine solche Bedrohung kann man sich nur wehren, wenn man strenge Hierarchien ausbildet. Wir waren gezwungen, Beziehungen aufzubauen, in denen es einen Anführer gibt und andere, die das machen, was der Anführer sagt. So haben wir Objektrollen und Objektbeziehungen entwickelt. Einer macht den anderen zum Objekt seiner Vorstellungen, Maßnahmen, Ziele und Absichten. In Notsituationen ist das notwendig, um zu überleben. Heute müssen wir uns fragen, ob die pyramidale Struktur unserer Gesellschaft uns nicht an der Entfaltung unserer Möglichkeiten dramatisch hindert. Wir müssen uns fragen, ob wir andere Formen der Beziehung ausbilden können als die, die seit tausenden von Jahren unsere menschliche Entwicklung dominiert hat: Einer macht den anderen zum Objekt seiner Vorstellung.

Wir kommen nicht so zur Welt, sondern müssen erst lernen, andere zum Objekt zu machen. Jedes Kind kommt als Subjekt zur Welt. Die ersten Beziehungen sind Subjekt-Subjekt Beziehungen zwischen den engsten Bezugspersonen. Da benutzt keiner den anderen für seine Zwecke. Wenn das Kind eine Vorstellung von sich selbst entwickelt, so mit 3-4 Jahren, beginnen Eltern, ihre Kinder zu erziehen. Sie meinen das gut, aber wie sie es machen, führt dazu, dass das Kind zum Objekt elterlicher Erwartungen, Bewertungen, Vorstellungen, Ratschläge und Maßnahmen wird. Für die Kinder ist das eine schmerzhafte Erfahrung. Wenn man diesen Schmerz hat, braucht man eine Lösung. Dafür gibt es zwei Optionen: Wenn mich jemand (die Mutter, die Erzieherin, der Lehrer) zum Objekt macht, dann mache ich den anderen auch zum Objekt meiner Bewertungen und sage: „Blöde Mama, doofer Lehrer!“. Diejenigen, die das besonders gut und früh lernen, werden die Peer-Leader im Kindergarten und die Anführer in den Schulen. Sie finden heraus, wie sie die anderen Kinder für ihre Zwecke benutzen können. Die es am besten gelernt haben, kommen in Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und in den Medien.

Die zweite Strategie, die Kinder einschlagen können, um den Schmerz zu überwinden, dass sie zum Objekt gemacht werden, besteht darin, dass sie sich selbst zum Objekt machen. Das Kind sagt dann nicht „Blöde Mama!“, sondern „Ich bin blöd!“, „Ich bin nicht liebenswert“, „Ich kann kein Mathe“. Das führt dazu, dass man sich selbst nicht leiden kann und mit sich selbst in keiner guten Beziehung ist. Wer das gemacht hat, hat auch Schwierigkeiten, in eine gute Beziehung zu anderen zu kommen.

Die Grunderfahrung ist, dass jedes Kind als Objekt behandelt wird und eine der beiden Optionen als Bewältigungsstrategien wählt: Sich selbst zum Objekt zu machen oder die anderen. Das ist unsere gegenwärtige Beziehungskultur.

Wie sieht die Alternative aus?

Das Wichtigste ist, dass man erkennt, wie man selbst zum Objekt geworden ist. Das, was man sich als Bewältigungsstrategie angeeignet hat, ist ein Konstrukt in der eigenen Vorstellungswelt, von dem man sich verabschieden könnte. Man kann ja als Erwachsener ausprobieren, wie das ist, wenn man aus den Objektrollen rausgeht und sich als Subjekt zeigt. Z. B. in Situationen, in denen man zum Objekt gemacht wird – beim Chef, beim Elternabend, beim Arzt – und antwortet: „Ich sehe ein, was Sie sagen, aber wie Sie es sagen, das tut mir weh. Vielleicht haben Sie eine Idee, wie Sie mir das auf eine andere Weise sagen können, die uns nicht trennt, sondern, die uns verbindet.“ Dann bleiben Sie einfach sitzen. Das ist die Emanzipation des Objektes zum Subjekt. Wenn Sie das machen, verwandelt sich das Gegenüber selbst zum Subjekt. Es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Entweder, er schmeißt Sie raus (dann haben Sie ihn in seiner wahrhaftigen Haltung gesehen) oder er sagt, „Das tut mir leid, das möchte ich gar nicht. Ich versuche es nochmal anders.“ Sie können nur gewinnen. Was die meisten Menschen daran hindert, so zu reagieren, ist die Angst. Sie haben nicht die Kraft und den Mut, sich selbst als Subjekt zu zeigen. Aus Angst vor der Retraumatisierung, wieder in den alten Schmerz hineingestoßen zu werden, wieder zum Objekt gemacht zu werden. Sie sind nicht sicher, ob sie die Position als Subjekt aufrechterhalten können.

Weil das alle machen, steht eine große Gemeinschaft auf der Stelle, in der sich alle gegenseitig als Objekt behandeln und ihre jeweiligen Rollen als Objekte spielen. So können keine co-kreativen Entwicklungsprozesse entstehen und so lassen sich keine Probleme lösen.

Wo könnte man da ansetzen?

Wir müssen Mut machen, aus den Objektrollen auszusteigen. Mut kann man Menschen nur machen, indem man zeigt, dass es geht. Deswegen versuchen wir in der Akademie für Potentialentfaltung Beispiele dafür zusammenzutragen, wie Menschen sich in Gemeinschaften nicht mehr als Objekte behandeln.

Man braucht Mut, aber man muss es auch durchhalten können. Der Einzelne kann nur schwer solche Veränderungsprozesse in Gang setzen, z. B. ist es schwer, als Alkoholiker allein mit dem Trinken aufzuhören. In einer Gemeinschaft wie den Anonymen Alkoholikern, die sich gegenseitig unterstützen und Verantwortung füreinander übernehmen, die sich einladen, inspirieren und ermutigen, funktioniert es. Sie haben eine Erfolgsquote von 80 - 90%, während die Suchttherapeuten und deren Einrichtungen froh sind, wenn sie 50% erreichen.

In Potentialentfaltungsgemeinschaften gibt es keine hierarchischen Ordnungen mehr. Es gibt auch keine Objektrolle wie Therapeut und Patient mehr. Da begegnen sich Menschen. In hierarchischen Strukturen ist das nicht möglich. Sie sind so aufgebaut, dass das Kommando von oben nach unten durchgereicht wird. In Subjekt-Subjekt-Beziehungen ist die Hierarchie automatisch aufgelöst.

Woran liegt es, dass derzeit so viele Gemeinschaften entstehen, z. B. als Co-Working Space, in der solidarischen Landwirtschaft und als Lebensgemeinschaft?

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MAgazin maaS No. 4 Ich und Gemeinschaft

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