Erwartungen machen Druck

Loslassen
Steffen Lohrer
18 Nov 2019
Erwartungen machen Druck von Steffen Lohrer in maaS Magazin No. 15 LOSLASSEN

pixabay

Wenn das Leben nicht so läuft wie du es dir wünschst ….

Wir kennen das alle: Du nimmst dir etwas vor und es kommt ganz anders als du denkst. Je krampfhafter du versuchst, dein Leben in den Griff zu bekommen, desto anstrengender wird es. Wie wäre es, wenn du all deine Erwartungen an das Leben loslässt? Denn dein Wunsch, die Welt verändern zu wollen, statt anzunehmen was ist, bringt eine Menge Stress und Leid mit sich.

Ich spreche mit dem Weisheitslehrer, Coach und Unternehmer Steffen Lohrer darüber wie du gelassener wirst und auch in schwierigen Situationen ruhig bleibst, statt die Fassung zu verlieren. Denn der Weg der Gelassenheit führt dich zu Glück und Erfolg.

Woran erkennt man, dass man nicht loslässt, sondern festhält?

Immer wenn ich ein negatives Gefühl habe, ist subtil eine Erwartung im Hintergrund, dass das Leben anders sein müsste. Ich habe mir ein Bild gemacht wie die Situation sein soll, aber es kommt ganz anders. Dann kämpfe ich dagegen. Negative Gefühle sind also immer ein Zeichen dafür, dass ich meine Erwartungen noch nicht losgelassen habe. Ich klammere mich an etwas.

Ein Beispiel: Ich schreibe eine Whats App-Nachricht und werde sauer oder traurig, weil sich der Empfänger zwei Tage nicht meldet. Es besteht also im Hintergrund die Erwartung; dass sich der andere innerhalb eines Tages zurückmeldet. Da die Erwartung besteht, ist im zweiten Schritt die Enttäuschung da. Loslassen bedeutet: No attachment to the outcome – keine Anhaftung an das Ergebnis.

maaS Magazin No. 15 LOSLASSEN

Darf ich dann also keine Wünsche haben?

Buddha sagt, Verlangen ist die Wurzel allen Leides. Das stimmt auch, aber wer kann das schon! Die Wünsche kommen automatisch und sind immer da. Die Kunst ist es, die Erwartung loszulassen, dass es genau so eintritt, wie ich es mi vorstelle. Wenn ich die Erwartung loslasse, bin ich komplett im Frieden. Wir streben immer nach etwas, das uns glücklich machen soll, z. B. Erfolg oder Besitz. Dann erreichen wir es und sind ein paar Minuten glücklich, dann beginnt der nächste Wunsch. Glücklich sind wir nur, weil wir in diesem Moment keine Wünsche haben.

Ich kann eine Vision aufbauen, z. B. einen 5-Jahres-Plan für das Business, aber ich habe überhaupt keine Erwartung, dass das Leben mir das bringen muss. Das ist wirkliches Loslassen.

Wie gehst du damit um, wenn du deine messbaren Ziele nicht erreichst?

Angenommen ich habe das Ziel, in den nächsten 12 Monaten 10 neue Kunden zu gewinnen und es werden nur 3, weil die Konjunktur schlechter wird, dann überlege ich ganz normal, was ich tun kann, um dagegen zu steuern. Change it, leave it or love it: Kann ich die Situation ändern, indem ich z. B. mehr Marketing mache? Dann tue ich es. Wenn ich sie nicht ändern kann, überlege ich, ob ich die Situation verlassen kann, also mir ein neues Ziel in einer anderen Richtung stecke. Wenn ich das nicht möchte, dann „love it“ - nehme ich es an, wie es ist und fühle hinein – ohne in den Verstand zu gehen.

Man beginnt mit dem Verstand und überlegt, was man ändern kann, welche Hindernisse es gibt und wie man sie umgehen kann. Aber der Verstand ist nur kurz im Spiel. Wenn ich nichts ändern kann und die Situation nicht verlassen will, ist es wichtig das Gefühl, das dann hochkommt, wie Trauer oder Angst anzunehmen. Der Verstand kann ewig weiter spielen, dass das Leben anders sein müsste, mehr Erfolg da sein sollte usw.

Kann man das auch auf eine Partnerschaft übertragen?

Ja, sehr gut! Fast jeder hat in der Beziehung Erwartungen, wie der Partner sein soll. Man kann aber jahrelang auf ihm rumhacken und trotzdem ist er noch so schlampig, ist er nicht zuverlässig, geht er immer wieder weg und kann keine Nähe zulassen. Ich kann mich immer wieder darüber aufregen oder überlegen, ob ich etwas ändern kann. In der Regel kann ich ihn nicht ändern, weil ich ihn nicht unter Kontrolle habe. Kann ich die Situation verlassen? Ja, ich könnte Schluss machen. Aber wenn ich mich entscheide, dass ich bei ihm bleibe und weiß, dass ich ihn nicht verändern kann, ist meine einzige Lösung, die Erwartungen loszulassen und zu fühlen, was hochkommt, damit ich in Heilung komme. Vielleicht ist es mein Thema, dass ich zu viel Nähe möchte oder zu viel Erwartungen an ihn habe, die er mir nicht erfüllen kann. Also kann ich nur aus dem Verstand gehen und an meinen Gefühlen arbeiten, wenn ich mich verlassen oder traurig fühle.

Es geht also darum, die Erwartungen runterzuschrauben?

Genau. Es gibt eine Gleichung dazu, die das sehr schön veranschaulicht:

Unzufriedenheit = Erwartungen – Realität

Je höher die Erwartung ist, desto größer ist der Abstand zur Realität und damit die Unzufriedenheit. Wenn ich die Erwartungen auf Null reduziere, gibt es keine Unzufriedenheit. Dann lebe ich im Moment, was auch immer kommt. Es gibt so viele Einflussfaktoren! Ich kann mir 10mal vornehmen, dass ich in der Partnerschaft etwas ändern oder erfolgreicher sein möchte, trotzdem ist das Leben nicht kontrollierbar. Ich kann Leid nur loslassen, indem ich mit dem Leben fließe, die Erwartungen loslasse und auch die Bewertung dazu. Glück ist völlig unabhängig von der äußeren Situation.

Wie ist das denn dann mit den Lebensträumen, die man sich durch lebendiges Visualisieren manifestieren möchte?

Seit 1995 arbeite ich mit diesen Methoden und habe eine Lebensvision erstellt. Ich nehme mir jedes Jahr einen Tag Zeit für mich, um diese Vision anzuschauen und zu überarbeiten. Am Anfang war ich sehr ehrgeizig und hatte viele Ziele aufgeschrieben, von denen ich manche nicht erreichen konnte. Das hat mich ins Leiden gebracht und mich unruhig und traurig gemacht. Die Kunst war zu erkennen, dass Manifestieren dreistufig sein sollte: Zuerst sollte man nicht aus dem Mangel heraus manifestieren. Wenn ich mir mehr Geld aus einem Mangelbewusstsein wünsche, strahle ich aus dem Unterbewusstsein Mangel aus. Deswegen sollte ich mit der Dankbarkeit beginnen für das, was ich schon habe. Die zweite Stufe ist, mir vorzustellen wie es ist, wenn ich die Ziele erreicht habe und in das Gefühl zu gehen. Den dritten Schritt habe ich meistens vergessen: Loslassen. Wenn ich nicht loslasse, klebe ich so sehr daran und bin so abhängig davon, dass die Ziele wirklich eintreten, dass ich automatisch ins Leiden rutsche. Denn nicht alle Ziele erfüllen sich.

Woran liegt es, wenn Visualisierungen sich nicht erfüllen?

Es gibt viele Hindernisse auf dem Weg, wenn unser Unterbewusstsein dagegen arbeitet. Ich kann mir ein wunderschönes Haus mit Swimming Pool vorstellen, aber wenn mein Unterbewusstsein sagt, dass ich es nicht verdient habe oder es nicht schaffe, dann wird es nicht kommen. 98% aller Gedanken kommen aus dem Unterbewusstsein. Wenn dieses Unterbewusstsein dich zurückzieht, hilft es auch nicht, den ganzen Tag zu manifestieren und positiv zu denken. Da ich das Unterbewusstsein nicht unter Kontrolle habe, hilft nur das Loslassen. Ich habe meine Vision und stelle es mir vor, aber habe keine Erwartung an das Ergebnis. Parallel kann man natürlich an seinen Glaubenssätzen arbeiten. Aber bei den meisten Menschen dauert es eine Weile von 0 auf 100% Selbstliebe oder Zuversicht zu kommen. Solange nicht 100% Selbstliebe und der Glaube an sich selbst da sind, gibt es immer wieder Hindernisse aus dem Unterbewusstsein.

Außerdem ist das Leben einfach nicht kontrollierbar. Ich kann soviel denken und fühlen wie ich möchte, aber es gibt noch so viele andere Einflussfaktoren, die eine Rolle spielen, z. B. was anderen Menschen tun oder wollen, Karma usw.

Inwiefern hat loslassen etwas mit Selbstliebe zu tun?

Generell hat es mit Liebe zu tun, denn Liebe ist, das Leben bedingungslos anzunehmen. In der Selbstliebe geht es darum, mich liebevoll anzunehmen, auch mit meinem Groll gegen die aktuelle Situation, in der ich feststecke. Bedingungslose Liebe hingegen heißt, z. B. den Partner oder eine Situation anzunehmen, wie sie ist und nicht dagegen zu kämpfen. Man kann etwas dagegen tun, aber in einer ruhigen Haltung. Aber wenn ich gegen andere oder das, was geschieht, kämpfe, bin ich nur im Leiden.

Wie kann ich für mich schwierige Situationen voll und ganz annehmen?

Das fällt leichter, wenn ich nicht in die Bewertung gehe. Wer weiß denn schon, wofür die aktuelle Situation gut ist? Buddha sagte, wir werden immer von zwei Pfeilen getroffen. Der eine ist das, was im Leben passiert: Jemand tritt uns auf den Fuß, stirbt oder verlässt uns. Natürlich gibt das ein schmerzhaftes Gefühl. Diesen ersten Pfeil können wir nie verhindern. Das Leben wird uns immer mit Situationen konfrointieren, die uns Schmerzen bringen. Aber was wir verhindern können, ist der zweite Pfeil, von dem wir getroffen werden: unsere Bewertung. Jemand tritt uns auf den Fuß und wir sind sauer, weil er nicht aufgepasst hat. Jemand verlässt uns und wir sind sauer auf uns, weil wir etwas vermasselt haben. Jemand stirbt und wir sind traurig, weil wir mit der Situation hadern. Diese Bewertung der Situation bringt immer Leiden. Wenn der zweite Pfeil weggelassen wird, gibt es kein Leiden mehr. Das ist Erwachen, Erleuchtung. Keine Bewertung mehr. Loslassen.

Warum bleiben Menschen manchmal in Situationen, die ihnen offensichtlich nicht gut tun?

Oft sind im Hintergrund Ängste. Wenn ich z. B. in einer Beziehung bleibe, obwohl dort Missbrauch ist oder Fremdgehen, dann gibt es einen Aspekt im Hintergrund, der auch gesehen werden muss. Meistens ist es ein Sicherheitsgedanke: Wenn ich jetzt aus der Beziehung gehe, wird es noch schlimmer, weil ich kein Geld mehr habe und am Existenzminimum bin. Das heißt, das Sicherheitsbedürfnis ist wichtiger als das Leid, und loslassen würde bedeuten, dass es dann dramatisch für mich wird. Der erste Schritt, um diese Situationen zu verlassen, ist dass ich mir darüber bewusst werde, warum ich so handele und nicht loslassen kann. Dann kann ich in ganz kleinen Teilschritten an mir oder dem Thema arbeiten. Wenn es mir jetzt zu weh tun würde, aus der Beziehung zu gehen, was kann ich tun, um mehr in meine Kraft zu kommen und diese Sicherheit wieder zu spüren? Vielleicht kann ich einen Nebenjob annehmen, mehr Freunde treffen, die mich auffangen können, einen Kurs über die Arbeit mit dem inneren Kind besuchen oder Bücher dazu lesen. Der Beginn ist, das Bewusstsein zu erlangen, warum ich leide, und warum ich den Absprung nicht finde und dann kleine Schritte zu tun. Das muss nicht von einem Tag auf den anderen sein. Aber wichtig ist, zu akzeptieren, dass das Leben so ist wie es gerade ist und sich selbst oder andere nicht dafür zu verurteilen, sondern kleine Schritte zu tun. Den Prozess kann man mit Techniken unterstützen wie ein Päckchen packen, Abschiedsbriefe schreiben, Rituale machen, sich ablenken oder mit Glaubenssätzen arbeiten. Aber die Methoden sind alle keine Garantie. Die innere Haltung ist das, was geändert werden muss.

Was rätst du Menschen, die in ihrem Job unglücklich sind, aber dennoch nicht kündigen?

Hier helfen wieder die drei Möglichkeiten: Change it, leave it or love it. Die Arbeitsstelle kann ich meistens nicht ändern, vielleicht kann ich die Abteilung wehcseln oder meine Haltung ändern, indem ich Weiterbildungen mache, damit mir die Arbeit wieder mehr Spaß macht. Wenn ich im Job nichts ändern kann, könnte ich kündigen (leave it). Wenn ich das nicht möchte, weil meine Existenzangst zu groß ist, bleibt nur die Möglichkeit, es anzunehmen, wie es ist (love it). Dazu gehört auch, die Angst anzunehmen: Du kannst es nicht ändern, du willst die Situation nicht verlassen also sei weiter im Job, aber lasse die Erwartungen los, dass du super glücklich sein und es so laufen muss wie du es willst. Nebenbei kannst du schauen, ob du dir etwas anderes aufbaust oder nach einer anderen Stelle Ausschau hältst. Aber nicht aus dem Ärger heraus, dass der Job so blöd ist, sondern aus dem Frieden und der Gelassenheit.

Wie würdest du Loslassen mit einem Bild beschreiben?

Es geht nicht immer darum, aus etwas wirklich auszubrechen (leave it), sondern von der Haltung her gegenüber der Sache weich zu werden. Es ist wie mit einem Knoten: Du kannst nicht ziehen, um ihn zu entwirren. Du musst erst den Druck rausnehmen und plötzlich lässt sich auch der Knoten lösen. Wenn vorher Druck in Form von Erwartungen oder Ärger auf dem Problem ist, dann kannst du nicht loslassen. Loslassen heißt weich und durchlässig werden. Und annehmen, was gerade passiert, auch die Gefühle dazu wie Wut, Trauer oder Enttäuschung, und aus der Gelassenheit heraus zu überlegen, wie man weiter mit der Situation umgehen möchte.

Das Interview führte Anita Maas.

Steffen Lohrer arbeitet als »Coach für Inneren Frieden, Erfolg und Gesundheit« und wird von der internationalen Vermittlungsstelle für herausragende Heiler empfohlen.
www.lohrer-coaching.de

 
Dieser Text ist ein Auszug aus maaS No. 15 LOSLASSEN.

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