Einssein

LIEBE
Anita Maas
23 Mär 2018
Einssein mit allem, was ist Anita Maas maaS No. 8 LIEBE

Anita Maas

Iupala -  Einssein mit allem, was ist

Das größte Leid auf Erden entsteht dadurch, dass wir uns getrennt fühlen. Dabei ist es eine Illusion. Wir sind, ob es uns bewusst ist oder nicht, mit allem verbunden. Wir leben auf demselben Planeten, wir atmen dieselbe Luft, wir trinken dasselbe Wasser. Und das ist gut so. Das gesamte Leben ist eng miteinander verzahnt und optimal aufeinander abgestimmt. Sobald ein Lebewesen, ob Pflanze oder Tier, ausstirbt, gerät das ganze System ins Wanken und alles muss sich neu sortieren. Es ist ein extrem ausgereiftes und labiles Gleichgewicht. Und wir sind mittendrin. ‚Iupala‘ nannten die Indianer dieses Gefühl der tiefen Verbindung zu allem, das uns umgibt. Dieser Zustand wird durch eine intensive Wahrnehmung erreicht und fühlt sich an wie ‚in Liebe sein‘.

Wir fühlen uns ganz offensichtlich von der Umwelt getrennt, sonst könnten wir nicht einfach unseren Müll ins Meer kippen, giftigen Dreck in die Luft pusten und Insekten ebenso wie ungeliebte ‚Unkräuter‘ vernichten. Wir fühlen uns sogar innerhalb unserer Spezies voneinander getrennt, sonst würden wir keine Kriege wegen unserer Religion oder Hautfarbe führen. Wir würden nicht mit Fäusten und Messern aufeinander zugehen aus Eifersucht oder Ärger. Wir würden uns nicht gegenseitig klein machen und unterdrücken. Aber die Trennung ist eine Illusion! Alles, was ich meinem Nachbarn antue, tue ich mir selbst an. Die Luft, die ich verpeste, atme ich selber wieder ein; das Leid, das ich den Tieren antue, füge ich mir selber zu. Das Plastik im Meer kommt zu uns in Mikropartikeln zurück auf den Tisch. Das Ungleichgewicht zwischen arm und reich macht sich in Völkerwanderungen bemerkbar, die über kurz oder lang nicht aufzuhalten sind. Der Druck auf die Menschen am Arbeitsmarkt geht zu Lasten der Gesundheit. Die Kosten dafür explodieren und landen wieder bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Trotzdem ist es immer noch normal, seine Lebenszeit zu verkaufen und mit mehr oder weniger sinnvollen Arbeiten zu füllen, damit man sich die vielen schönen Konsumgüter kaufen kann, die durch Ausbeutung anderer Menschen auf diesem Erdball entstehen. Wir sind nicht getrennt, aber wir fühlen uns so. Mit weitreichenden Folgen. Wie kann man das wieder umkehren? Wie erreicht man einen Zustand inniger Verbundenheit mit allem, was lebt?

Iupala ist nur möglich mit einer gewissen Ebene der Wahrnehmung. Für mich wird Iupala u. a. erfahrbar, wenn ich in den Wald gehe. Im Idealfall herrscht hier ein intaktes System, das aufs Feinste miteinander verwoben ist und in das ich mich nur einzuklinken brauche. Im Boden sind die Wurzeln der Bäume und Sträucher mit kilometerlangem Pilzmycel verbunden. Ameisen, Käfer und Regenwürmer zerlegen alles Abgestorbene in Nährstoffe für andere. Moose und Farne halten die Feuchtigkeit. Vögel, Mäuse, Eichhörnchen, Wildschweine und Rehe leben in Eintracht miteinander.

Waldmeditation

Ich schaue von meinem Bildschirm auf, lege das Telefon zur Seite und gehe aus dem Haus über die stark befahrene Straße in den Wald. Der Boden unter meinen Füßen wird weicher, das Licht scheint durch die Zweige der Bäume, mein Blick fällt ins unendliche Grün, es riecht nach Nadeln und Moos, frisch und erdig. Die Blätter rascheln leise im Wind, die Vögel zwitschern und es herrscht dennoch eine beruhigende Stille. Kein Telefon, kein Auto, keine Stimmen. Am Anfang laufe ich noch schnell. Ich komme mir vor wie in einer Waschstraße. Stress, Ärger und Sorgen werden von einem feinen Geflecht aus meinem Energiekörper gekämmt und fallen in den weichen Waldboden. Frisches Chi angefüllt mit gesundem Waldduft wird eingefüllt in mein System. Ich werde langsamer. Mein Energiekörper dehnt sich aus, die enge Hülle um mich herum wird immer weiter und plustert sich auf. Nach und nach strecke ich immer mehr Antennen aus wie eine Schnecke, die sich aus ihrem Haus traut und die Umgebung um sich herum ertastet. Ich fühle mich aufgehoben. Nichts ist zu tun. Die Gedanken sind langsam zur Ruhe gekommen, ich öffne mich mit allen Sinnen für das, was mich umgibt. Es ist keine detaillierte Betrachtung und analytische Beschreibung der Umgebung. Ich lasse sie vielmehr auf mich wirken. Ich nutze meinen ganzen Körper als Wahrnehmungsorgan. Es braucht keine Worte, um festzustellen, ob mich ein Baum einlädt, bei ihm Platz zu nehmen. Es fühlt sich einfach richtig an oder eben nicht. Gibt es ein Plätzchen zu seinen Füßen, zwischen seinen Wurzeln, das mit weichem Laub angefüllt ist und von der Sonne beschienen wird? Ich setze mich hin, lehne meinen Rücken an seinen starken Stamm und lasse meinen Blick schweifen. Da hinten hat sich etwas bewegt: Ein Specht fliegt durch die Bäume. In den Baumkronen rauscht leise der Wind. Vor mir raschelt es. Da traut sich eine kleine Maus mit ihren schwarzen, stecknadelgroßen Äuglein heraus und läuft über das Laub und ganz schnell wieder zurück in ihr Mauseloch. Die Zeit vergeht. Ich schließe die Augen und atme tief ein und aus. Mein Atem steigt den Baumstamm hinauf bis in die Blattspitzen und taucht beim Ausatmen tief mit den Wurzeln ins Erdreich. Ich fühle, wie ein Kanal entsteht, der meinen Körper und den Baumstamm umschließt. Der Baum hat mich angenommen und hilft mir, meinen Körper zu reinigen. Alles Trübe und Schwere fließt mit meinem Atem durch seine Wurzeln ins Erdreich. Durch seine grünen Blätter atme ich ein und fülle meine Lungen mit Sauerstoff und frischer Energie. Ich öffne die Augen und fühle mich klar, frei und verbunden.

Solche Erfahrungen lassen sich am besten in einem möglichst unberührten Wald erleben. Der eigene Garten oder Parks sind bestimmt auch beflügelnd und wohltuend, aber hier ist das intensive aufeinander Abgestimmtsein, der innige Zusammenhalt der Pflanzen- und Tierwelt oft schon gestört. Es siedeln sich die Pflanzen nicht dort an, wo sie sein möchten, sondern werden gepflanzt und beschnitten, unbeliebte Nachbarpflanzen entfernt. Ein natürlicher Bewuchs stellt sich nicht spontan ein, sondern es wird künstlich angelegt, was und wie es uns gefällt. Mir kommt es so vor, als wären Pflanzen im Garten wie Tiere im Zoo. Den Unterschied von natürlichem Wachsen zu Anbau kann man auch an unseren Gemüsepflanzen beobachten: Konventionell angebautes Gemüse ist anders als Bio-Gemüse und dieses wiederum weniger energiereich als Wildkräuter. Ein Park ist besser als eine Fußgängerzone, aber das volle Erlebnis der Verbundenheit gelingt besser in einem intakten System, in das ich hineingleite. Dann entsteht ein Zustand von Iupala. Iupala ist eine Schwalbe in der Luft, eine Forelle im Bach, die vom Wasser umströmt wird, ein Regenwurm in seinem Erdreich. Iupala ist jemand, der ohne Sattel und Zügel auf seinem Pferd über den Strand galoppiert, und ein Pianist an seinem Flügel.

Dieses Gefühl inniger Verbundenheit kann man üben. Es bedeutet, sich einzulassen und ganz präsent zu sein, sich etwas oder jemandem bewusst voll zuzuwenden und sich dafür zu öffnen. Im Miteinander zweier Menschen ist es z. B. das aktive Zuhören. Das passiert nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper signalisiert man seinem Gesprächspartner: Ich bin jetzt ganz für dich da, mit meiner vollen Aufmerksamkeit, ich höre dich. Und dann sind es eben nicht nur die Worte, die im Gehirn ankommen, sondern auch alles, was zwischen den Zeilen steht: der Tonfall, die Haltung, die Mimik, das Zögern, die Emotion, die transportiert werden und auch wahrgenommen werden. Das Wichtigste dabei ist, ganz bewusst auf Empfang zu schalten. Es ist erstaunlich, wie viel mehr man mitbekommt und erfährt über den anderen und sein Thema. Ich fahre alle Antennen aus, ich öffne mich und dehne mein Energiefeld aus, bis es das Energiefeld des anderen berührt. Das ist eine sehr intime Erfahrung und bedarf auch eines Vertrauens und einer geschützten Umgebung. Die Hochsensiblen können ein Lied davon singen, wie es ist, wenn man in der Straßenbahn alles mitbekommt, weil man seinen Empfangsmodus nicht herunter regulieren kann.

Mit diesem Wahrnehmungskörper kann man alles abscannen und erfassen. Eckart Tolle beschreibt oft, wie er eine Blume betrachtet und dabei in den Zustand von reinem Bewusstsein fällt. Dabei schaut man die Blume an, ohne sie zu detailliert beschreiben zu wollen. Der Blick geht sozusagen von den Augen direkt ins Herz, ohne den Umweg über das Gehirn zu nehmen, das alles kategorisiert und beurteilt. Diese Betrachtungsweise kann man auch nutzen, um mit Pflanzen zu kommunizieren und mehr über sie zu erfahren. So kam z. B. das Wissen über die Heilwirkung der Pflanzen zu den Menschen. Dasselbe gilt natürlich für Tiere. Vor allem unsere Haustiere sind ja sehr mitteilungsbedürftig und kommunizieren pausenlos mit uns. Je inniger die Beziehung ist, desto besser können wir in den Augen und dem Verhalten der Tiere lesen, was gerade in ihnen vor sich geht.

Das Einssein, das Verschmelzen mit etwas oder jemandem, ist ein natürlicher Zustand, aus dem wir herausgefallen sind, weil wir es nie kennengelernt haben oder zu wenig praktizieren, aber nach dem wir uns sehnen. Dazu gehört auch die Verbindung zum Göttlichen oder irgendwie anders bezeichnetem Höheren. Wenn hier eine innige Verbindung ohne Widerstand und Hadern besteht, sind wir im Vertrauen. Was für ein Geschenk ist es, immer darauf zu vertrauen, dass für mich genau das Beste geschieht, selbst wenn ich das als solches gerade nicht erkennen kann.

Wenn du feststellst, dass du bei genauer Betrachtung viel öfter getrennt bist von dem, was dich umgibt, und du es an der einen oder anderen Stelle in Einssein verwandeln möchtest, dann halte inne, wende dich zu, öffne dich und nimm mit allen Sinnen und deinem ganzen Energiesystem wahr, strecke deine Fühler aus und verbinde dich. Das Gefühl der Trennung, der Einsamkeit und des Schmerzes der Isolation lösen sich auf und du bist in Liebe.

 

von Anita Maas

Sie ist Apothekerin und hat einen besonderen Zugang zu den Heilpflanzen. Auf ihrer persönlichen Forschungsreise ergründet sie alle Zusammenhänge zwischen Himmel und Erde. Die Erkenntnisse setzt sie in die maaS Themenbände um.