Ein neues Miteinander

Frauen und Männer
Vivian Dittmar
6 Mär 2017
Ein neues Miteinander von Vivian Dittmar maaS no. 2 frauen und männer

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Ein neues Miteinander

Früher waren Geschlechterklischees eine einfache Sache. Es gab klare Vorstellungen davon, was männlich ist und was weiblich. Diesen Vorstellungen konnte man bestmöglich entsprechen, um ein guter Mann oder eine gute Frau zu sein – oder man konnte dagegen rebellieren. Heute ist die Sache, wie so vieles, wesentlich komplexer. Die alten Rollenbilder sind nicht nur massiv infrage gestellt worden, sie wurden in diesem Prozess auch ein Stück weit tabuisiert.

Ein Beispiel ist die Schwierigkeit, die ich bei vielen Männern beobachte, die eigene Stärke zu leben. Genauso kenne ich es von mir und von vielen anderen Frauen, dass Schwäche nicht mehr sein darf, denn damit würden wir ja dem alten, verhassten Rollenbild entsprechen. Spätestens als ich vor vielen Jahren in eine Identitätskrise stürzte, als ich in mir das Bedürfnis entdeckte, eine Zeit lang „nur” Hausfrau und Mutter zu sein, wurde mir klar, dass wir uns nicht von Geschlechterklischees befreit haben, sondern lediglich die alten durch neue Anti-Klischees ersetzt haben.

Anti-Klischees bedeuten in dem Fall, dass wir uns darüber definieren, was wir nicht sind – und damit immer noch im alten Klischee hängen. Ein Beispiel ist: Männer sind nicht unsensibel. Oder: Frauen sind nicht schwach. Fakt ist: Frauen sind manchmal schwach und Männer sind manchmal unsensibel, genau wie umgekehrt. Erst wenn ich die ganze Palette leben und sein darf, habe ich mich von Geschlechterklischees befreit, statt mich in ihrem Gegenteil zu verrennen.

Doch bedeutet das wirklich, dass es zwischen Männern und Frauen keine Unterschiede gibt? Ohne irgendjemandem zu nahe treten zu wollen: Ich halte das für ausgemachten Blödsinn. Spätestens wenn wir Kinder haben, wird uns klar, wie verschieden Männer und Frauen sind. Doch ich brauche keine Konzepte über Männlichkeit oder Weiblichkeit, um das festzustellen. Was ich brauche, ist die Bereitschaft, mich auf mein ganz unmittelbares Erleben einzulassen. Wie fühle ich mich als Frau? Gibt es Momente oder Anteile, die ich als männlich bezeichnen würde? Wenn ja, was ist ihre Qualität? Wie nehme ich Männer und Männlichkeit wahr? Wie nehme ich weibliche Qualitäten in Männern wahr?

Das wirkliche Loslassen von Konzepten und Anti-Konzepten ist die Voraussetzung dafür, dass wir Männlichkeit und Weiblichkeit wieder ganz unmittelbar erleben und begreifen können. Wie ein guter Freund es vor Jahren einmal formulierte: „Egal wie viel ich darüber nachdenke, ich bin ein Mann und keine Katze.” Mit anderen Worten: Ich muss nicht erst herausfinden, was Männlichkeit ist, ich bin ein Mann.

Doch neben den Geschlechterklischees gibt es noch einen weiteren, mächtigen Mechanismus, der sich zwischen Männer und Frauen schiebt. Es sind die alten Wunden, die der jahrhundertelange Kampf zwischen den Geschlechtern hinterlassen hat und der unser Verhältnis bis heute massiv prägt.

Jenseits des Persönlichen

Um zu verstehen, wo unsere kollektiven Wunden herkommen, müssen wir uns das uralte Spiel von Mann und Frau, Dominanz und Unterwerfung, Verführung und Vergewaltigung genauer ansehen. Viele Menschen sind der Meinung, dass dieser Abschnitt unserer gemeinsamen Geschichte der Vergangenheit angehört und nichts mehr mit uns zu tun hat. Zumindest in unseren Kulturkreisen sind Frauen emanzipiert und Männer sensibilisiert, wir wünschen uns gleichberechtigte Beziehungen auf Augenhöhe und werden auch immer besser darin, diese auch tatsächlich zu leben. Richtig?

Fast. Meiner Erfahrung nach ist es leider doch nicht ganz so einfach. Zwar kann ich vielem zustimmen: Frauen sind heute in unseren Wohlstandsnationen so selbstbestimmt wie vielleicht noch nie und viele Männer haben ihre Empathiefähigkeit zu erstaunlichem Niveau entwickelt. Und tatsächlich ist es so, dass die meisten Menschen sich gleichberechtigte Partnerschaften wünschen, die auf Respekt basieren.

Doch zugleich ist es so, dass wir unfreiwillige Erben einer Jahrtausende währenden Geschichte der Entfremdung, der Gewalt, der Unterdrückung, der Ausbeutung und des Missbrauchs zwischen den Geschlechtern sind. Diese Geschichte prägt uns alle, wenn schon nicht bewusst, so doch unterbewusst. Es sind diese alten Wunden, die in unseren intimen Beziehungen hochkochen und dort in konzentrierter Form, vor allem im Bereich Sexualität, immer wieder für massive Störungen sorgen. Doch nicht nur das: Sie suchen hier auch nach Erlösung. Und vieles von dem, was wir heute im Bereich Sexualität beobachten, ist tatsächlich ein Versuch, diese uralten Wunden zu heilen.

Eine alte Geschichte

Eine besonders entzückende Version der Geschichte von Adam und Eva ist für mich jene, in der Adam vor Eva bereits eine andere Frau namens Lilith hatte. Laut dieser Geschichte hatte bereits dieses allererste, heute weitgehend in Vergessenheit geratene Paar der Menschenfamilie massive Beziehungsprobleme. Sie stritten sich ständig. Zentraler Punkt ihrer ständigen Auseinandersetzung war eine scheinbar nichtige Differenz: Adam bestand darauf, Lilith beim Geschlechtsverkehr unter sich zu haben. Lilith ging dies gehörig gegen den Strich: Sie wollte Adam als gleichwertiges Gegenüber.

Als deutlich wurde, dass es den beiden nicht gelingen würde, sich in diesem offenbar zentralen Punkt zu einigen, verließ Lilith Adam und wurde zur geliebten Samaels. Dieser hatte mit ihren Vorstellungen gleichberechtigter Partnerschaft offenbar keine Probleme und zeugte fröhlich eine Hundertschar von Dämonenkindern mit ihr, die bis heute unsere Welt bevölkern.

Adam hingegen weinte und schrie und flehte Gott an, ihm eine Frau zu schenken, die ihm eindeutig untergeordnet wäre, um ihm diese Form von haarsträubender, nervenaufreibender Auseinandersetzung, wie er sie mit Lilith erlebt hatte, ein für alle Mal zu ersparen. Das war der Grund, weshalb Eva aus einer Rippe Adams geformt wurde und nicht wie Lilith aus dem gleichen Lehm wie Adam: So war klar, dass Eva auf ewig ihrem Manne untergeordnet sein würde und ihm zu gehorchen hatte.[1]

Ich liebe diese Geschichte, denn sie wirft ein ganz neues Licht auf den zentralen Mythos unserer eigenen Entstehungsgeschichte. Adams Wunsch nach unanfechtbarer Dominanz ist für mich der Auftakt zur Vertreibung aus dem Paradies, aus dem Zustand der Einheit mit der Schöpfung. Was dann folgte war ein Jahrtausende währender Prozess der Unterwerfung, Ausbeutung und Kriegsführung, in dem Sex immer auch Kriegsschauplatz war. Frauen wurden und werden auch heute noch wie Städte, Ländereien und Reichtümer als Kriegsbeute genommen, Vergewaltigung wird immer noch systematisch als Kriegswaffe eingesetzt.

Doch parallel zu dieser Entwicklung gibt es eine weitere, die oft viel zu wenig Beachtung findet.

Während gerade in jüngster Zeit die Nachrichten von Terroranschlägen und Bürgerkriegen die Medien dominieren, lässt sich rein faktisch nicht abstreiten, dass die Menschheit immer friedlicher und gewaltloser wird. Mit anderen Worten: Das Bild, das die Medien von uns zeichnen, ist stark verzerrt. Tatsächlich ist die Zahl der Morde, Kriegsopfer und anderer Gewalttaten in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten kontinuierlich gesunken.[2]

Spuren der Gewalt

Auch wenn diese Geschichte der Gewalt sich meines Erachtens langsam aber sicher dem Ende zuneigt: Diese Geschichte hat Spuren hinterlassen, in unserem kollektiven Gedächtnis und damit in jedem von uns. Wenn ein Mann und eine Frau sich heute begegnen, begegnen sie immer auch dieser Geschichte. Es gibt immer einen Teil, der nicht nur persönlich in Kontakt tritt, sondern überpersönlich, und in dem diese dramatische Geschichte nachhallt. Für Männer ist es vor diesem Hintergrund schwierig, ihre männliche Kraft ganz zuzulassen. Genauso ist es für Frauen sehr schwierig, die Schönheit der männlichen Kraft aufrichtig zu erkennen, zu lieben und zu feiern.

Die Konsequenz ist, um bei diesem konkreten Beispiel zu bleiben, dass männliche Stärke sich entweder nicht mehr zeigt oder in einem karikierten Abklatsch ihrer selbst, dem Machismo. Weibliche Wertschätzung dieser Stärke bleibt hingegen oft auf der Ebene manipulativer Pseudobewunderung hängen, um sich dann hintenrum in Verachtung zu äußern.

Ein weiteres Beispiel, wie sich diese uralten Spuren der Gewalt gerade in unseren intimen Begegnungen einen Weg an die Oberfläche bahnen, ist, wenn Frauen ihren Partner ganz unvermittelt als Feind, als Aggressor wahrnehmen. Dies kann im Alltag geschehen oder mitten im schönsten Liebesspiel: Eine Geste, ein Blick, die Berührung seines erigierten Gliedes genügen manchmal, um eine Ladung zu aktivieren, die rational gesehen überhaupt nicht hierher gehört.

Doch genau diese Rationalität geht im Augenblick emotionaler Aktivierung flöten. Es bleibt ein Wust unüberschaubarer, unerträglich heftiger Emotionen, die sich schlimmstenfalls völlig ungebremst über den ahnungslosen Mann ergießen.

Damit wir anders mit diesen Situationen umgehen können, müssen wir lernen, diese frühzeitig zu erkennen. Es sind zarte Signale, die uns zeigen, dass hier eine andere Ebene ins Spiel kommt, bei der es nicht mehr um persönliche Themen geht, sondern überpersönlich wird. Eine Freundin formulierte es mal so: „Es gibt Momente, da merke ich, jetzt bin ich Stellvertreterin für etwas, das eigentlich nichts mit mir persönlich oder mit meinem Partner zu tun hat.” Anzeichen, dass eine solche Ebene berührt wird, sind, wenn das eigene emotionale Erleben sich schlagartig ändert. Das kann sich in plötzlicher starker Emotionalität äußern oder in plötzlicher Starre und Taubheit. Wenn die Gedanken, Gefühle und vielleicht sogar Bilder, die auftauchen, nichts mit dem Hier und Jetzt, mit diesem Partner zu tun haben, spielen andere Ebenen in den Moment mit hinein.

Wir können diese Erlebnisse als lästige Störenfriede in den eigentlich so aufgeklärten Beziehungen unserer Zeit sehen. Oder wir können erkennen, dass sich in diesen Momenten der Weg offenbart, den wir noch zurückzulegen haben, um wirklich zu dem Beziehungsideal fähig zu werden, von dem wir heute träumen: den respektvollen, gleichwertigen Beziehungen auf Augenhöhe.

Wenn wir uns darauf einlassen, diesen offenen Wunden in unseren intimen Begegnungen bewusst einen Raum zu geben, wenn sie sich zeigen, erklären wir uns auch dazu bereit, dieser Geschichte zu begegnen. Indem wir ihr begegnen (ihr also unsere Präsenz schenken), stellen wir uns der kollektiven Vergangenheit unserer Spezies. Wir erkennen: „Aha, das ist das was war zwischen Mann und Frau – und vielerorts immer noch ist, hier und heute. Und das, was sich jetzt zeigt, ist das, was davon noch in uns ist.

Oft sind es interessanterweise Frauen, in denen sich diese Wunden einen Weg bahnen. Viele schämen sich dann dafür, nicht zu funktionieren, dem gängigen Bild einer guten Frau (ihr erinnert euch: guter Sex, geil sein!) nicht zu entsprechen. Sie wollen nicht, dass diese emotionalen Wogen in der Begegnung mit ihrem Partner einen Raum einnehmen. Dann versuchen sie, diese wegzudrücken oder einfach so zu tun, als wäre nichts. Das ist schade, denn damit versagen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Partner eine wichtige Gelegenheit, um mit dieser Vergangenheit Frieden zu schließen. Dabei braucht es nur das: Innehalten, Raum geben, Fühlen. Die Heilung, die so geschieht, ist nicht nur persönlich, und sie geschieht immer für beide. Mann und Frau können hier erkennen, dass das, was war, Vergangenheit ist und die alten Rollen von Opfer und Täter aufgegeben werden können.

Das ist ein zentraler Schritt auf dem inneren Weg, das andere Geschlecht wieder achten, respektieren und lieben zu lernen. Viele Frauen haben einen (unbewussten) Hass auf Männer und wundern sich, dass es in ihren Beziehungen nicht rund läuft. Und umgekehrt übrigens genauso: Auch viele Männer haben einen (unbewussten) Hass auf Frauen, denn auf beiden Seiten sind tiefe Wunden geschlagen worden. Heilige Sexualität bedeutet auch, diesen Hass, diese Verachtung, diese Wunden zwischen den Geschlechtern Stück für Stück in Respekt, Liebe und Achtung zu verwandeln.

Hierfür genügt es nicht, einen Mann zu lieben: Es gilt, die Liebe zum Männlichen an sich wieder zu entdecken. Das bedeutet nicht, das Männliche in all seinen Ausprägungen gutzuheißen. Es bedeutet, die Schönheit des Männlichen wieder sehen und lieben zu lernen. Die Liebe zu einem Mann kann eine Brücke dazu sein, doch kein Ersatz, denn die Liebe zu einem Mann wird immer unvollständig sein, solange ich das Männliche an sich ablehne. Und das Gleiche gilt natürlich für die Liebe eines Mannes gegenüber dem Weiblichen an sich. Wir können diese Erlebnisse als lästige Störenfriede in den eigentlich so aufgeklärten Beziehungen unserer Zeit sehen. Oder wir können erkennen, dass sich in diesen Momenten der Weg offenbart, den wir noch zurückzulegen haben, um wirklich zu dem Beziehungsideal fähig zu werden, von dem wir heute träumen: den respektvollen, gleichwertigen Beziehungen auf Augenhöhe. (Auszug aus dem Buch Sacred Sex von Vivian Diitmar)

aus maaS No. 2 Frauen und Männer

maaS No. 2 Frauen und Männer Vivian Dittmar Das neue Miteinander

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