Die Wunden der Kindheit heilen

Heilung
Anita Maas / Stefanie Stahl
4 Sep 2018
Wunden der Kindheit heilen - Interview mit Stefanie Stahl, maaS No. 10 HEILUNG, Arbeit mit dem inneren Kind

Interview mit Stefanie Stahl zur Arbeit mit dem inneren Kind

Wenn es in zwischenmenschlichen Beziehungen knirscht, ist oft das innere Kind beteiligt. Jeder Mensch bringt Prägungen aus der Kindheit mit – manche mehr, manche weniger. Psychotherapeutin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl hat eine sehr einfache Methode entwickelt, mit der jeder schnell erkennt, wann wieder das innere Kind am Werk ist und man unangemessen reagiert. Das hilft nicht nur, das eigene Leben glücklicher und leichter zu gestalten, sondern es trägt zur Heilung der Gesellschaft bei.

Was verstehen Sie unter dem inneren Kind?

Das innere Kind ist in der Psychologie ein feststehender Begriff für alle Kindheitsprägungen, die tiefe Spuren in uns hinterlassen. Diesen Persönlichkeitsanteil nehmen wir ins Erwachsenenalter mit. Beim inneren Kind unterscheide ich das Schattenkind, das für die negativen Prägungen steht, in denen wir Problematisches in der Kindheit mitbekommen haben, und das Sonnenkind für positive Prägungen und unser Zielbild, das wir uns als Erwachsener mit neuen Einstellungen und neuen Haltungen zurechtlegen können.

Woran erkennt man als Erwachsener, dass das innere Kind am Werk ist?

Das innere Kind ist an fast allen Problemen beteiligt, die wir haben, seien es Beziehungsprobleme, Ängste, Depressionen, Versagensängste, Angst vor Ablehnung, alles, womit man sich herumquält. Ausgenommen davon sind reine Schicksalsschläge wie Verlust eines lieben Menschen, Flucht, Vertreibung oder eine schwere Krankheit. Es müssen nicht immer gleich Probleme sein, um sich in Psychotherapie zu begeben. Auch die vielen kleinen Schwierigkeiten im Alltag gehören dazu wie Schlafprobleme, Ängstlichkeit oder Konflikte in der Partnerschaft. Wir haben alle unsere Prägungen aus der Kindheit. Es gibt keine perfekte Kindheit. Manche haben mehr mit ihrem Schattenkind zu kämpfen, manche weniger.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In meinem Buch gibt es das Paar Michael und Sabine, die immer wieder so heftige Auseinandersetzungen haben, dass sie schon daran dachten, sich zu trennen. Wenn Sabine vergisst, Michaels Lieblingswurst vom Einkauf mitzubringen, flippt Michael richtig aus. Angesichts seiner Erwachsenenposition ist das Quatsch, aber das innere Programm, sein Glaubenssatz „Ich bin nicht wichtig“ wird aktiviert. Seine Mutter hatte drei Kinder, war selbstständig mit einer Bäckerei und konnte nicht immer auf seine Wünsche eingehen. Deswegen hat er als kleines Kind nicht gedacht, „Die Mama ist überfordert und muss mal in eine Kur“, sondern „Ich bin der Mama nicht wichtig“ oder „Ich falle ihr zur Last“. Dieses innere Programm, also sein Schattenkind, ruht immer noch in ihm. Wenn es einen äußeren Auslöser gibt und sei es nur, dass Sabine die Wurst vergisst, dann taucht es auf und fühlt sich zutiefst gekränkt, weil das Schattenkind in ihm wieder das Gefühl hat, „Ich bin nicht wichtig“. Wenn er aus diesem Programm aussteigen will, muss er die Gesamtzusammenhänge verstehen. Sein Bewusstsein setzt erst bei seiner Wut ein. Dass er diese Glaubenssätze in sich trägt, dass das mit seiner Mutter zu tun hat, dass er eigentlich immer noch davon gekränkt ist, dringt gar nicht so sehr in sein Bewusstsein.

Wie lassen sich hinderliche Glaubenssätze finden?

Eine Übung ist, das Schattenkind als Schablone aufzumalen, links und rechts daneben Mama und Papa zu schreiben und stichwortartig zu notieren, wie Mama und Papa drauf waren. Wenn wir dann in uns hineinfühlen, kommen wir schnell darauf, welche tiefen, inneren Glaubenssätze in uns entstanden sind. Eine Hilfestellung kann auch eine Liste von Glaubenssätzen geben. Das ist das Wichtigste, um zu erkennen, durch welche Brille ich die Welt sehe. Die Glaubenssätze sind die Programmiersprache des Selbstwertgefühls. Das Selbstwertgefühl an sich ist ja etwas Abstraktes. Der Glaubenssatz „Ich genüge nicht“ sagt hingegen konkret etwas über mein Selbstwertgefühl aus. Wenn wir im Schattenkind verhaftet sind, fühlen wir uns meistens in irgendeiner Form minderwertig.

maaS No. 10 Heilung, Selbstheilungskräfte, Salutogenese

Beispiele für Glaubenssätze

  • Ich falle zur Last
  • Ich bin für deine Laune verantwortlich
  • Ich kann dir nicht vertrauen
  • Ich muss auf dich aufpassen
  • Ich bin ohnmächtig
  • Ich enttäusche dich
  • Ich muss lieb und artig sein
  • Ich darf keine Schwäche zeigen
  • Ich muss alles richtig machen
  • Ich muss der/die Beste sein
  • Männer sind böse
  • Das geht sowieso schief
  • Reden bringt nix
  • Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wenn eine lange Liste von Glaubenssätzen entsteht, sollte man sie in einem 2. Schritt nochmal durchgehen und die Kern-Glaubenssätze, das Epizentrum der Verwüstung, herausfinden. Es sollten nicht mehr als drei Glaubenssätze übrigbleiben.

Wie wirken sich die Glaubenssätze im Zusammenleben aus?

Durch die Brille der Glaubenssätze entstehen viele Wahrnehmungsverzerrungen wie z. B. bei Michael. Das Erwachsenen-Ich würde denken: „Sabine hat vergessen, die Wurst mitzubringen. Das kann ja mal passieren.“ Weil er aber die Welt durch die Brille seiner Glaubenssätze sieht und sein tiefstes inneres Programm ist „Ich komme zu kurz. Ich bin nicht wichtig. Meine Wünsche werden nicht respektiert“, wird diese uralte Kränkung, die ihm seine Mutter unwillentlich durch ihre Überforderung zugeführt hat, berührt. Das ist, als würde jemand in eine Dauerwunde Salz streuen, das tut weh. Er reagiert, wie viele es tun würden, wenn sie gekränkt werden, mit Wut (Trauer oder Enttäuschung ist auch eine häufige Reaktion).

Sabine hat auch ein Schattenkind in sich. Sie hatte zwar sehr zugewandte Eltern, die aber eine grausame genaue Vorstellung davon hatten, was richtig und falsch ist. Das heißt, sie haben Sabine wahnsinnig gefördert, aber auch viel kritisiert und wenig gelobt. Dadurch hat Sabines Schattenkind den Glaubenssatz „Ich genüge nicht.“ Jetzt kann man sich vorstellen, was passiert, wenn Michael ausflippt, weil sie die Wurst vergessen hat. Das triggert auch ihr Schattenkind. Sie ist beleidigt, fängt an zu weinen und die beiden haben den schönsten Streit.

Wie kann man sich aus diesem Teufelskreis befreien?

Die beiden müssen ihr Schattenkind erkennen und die ganze Heilungsgrundlage ist so banal wie effektiv: Ertappen und umschalten. In dem Moment, in dem Michael merkt, jetzt bin ich wieder gekränkt, es kommen die typischen Gefühle hoch, die ich aus meinem Schattenkind kenne, hat er eine Chance umzuschalten auf sein Erwachsenen-Ich, seinen klar denkenden Verstand, mit dem wir reflektieren und einen Abstand zu uns selbst herstellen können. Er kann dann denken: „Das ist Sabine und nicht die Mama. Heute bin ich groß. Sie hat nur die Wurst vergessen. Das kann ja mal passieren.“ Er könnte sich abfangen, bevor es richtig losgeht.

Wenn Sabine sich rechtzeitig ertappt, weil sie weiß, dass sie eine Dauerwunde in sich hat, weil ihre Eltern sie so oft kritisiert haben und ihr Schattenkind denkt „Ich genüge nicht“, kann sie zu sich sagen, wenn Michael wieder ausflippt: „Das ist Michael, er ist furchtbar leicht gekränkt. Er wird sich schon wieder beruhigen in 5 Minuten.“ Sie würde sich den Schuh gar nicht anziehen und würde sein Verhalten bei ihm belassen.

Das ist das große Heilungsangebot: Ertappen im Schattenkind und Umschalten auf das Erwachsenen-Ich. Man muss sich rechtzeitig ertappen. Wenn die Gefühle schon zu stark sind, dann blockieren sie das Lösungswissen. Das vernünftige Denken ist dann ausgeschaltet. Wenn Michael schon im „Blutrausch“ ist, ist es zu spät. Er muss sich am besten bei der Kränkung ertappen.

Wie lassen sich Glaubenssätze entmachten?

Im ersten Schritt erarbeiten wir die Glaubenssätze des Schattenkindes und welche Schutzstrategien sich daraus auf der Verhaltensebene ergeben (z. B. Realitätsverdrängung, Opferdenken, Kontrollstreben, Rückzug). Dann machen wir einen ganz konkreten Gegenentwurf mit dem Sonnenkind. Es ist leichter, etwas loszulassen, wenn man etwas Neues hat. Wenn Michael den alten Glaubenssatz hat „Meine Wünsche sind nicht wichtig“, kann er einen neuen Glaubenssatz bilden „Ich kann gut für mich sorgen“. „Meine Wünsche werden beachtet“, liegt nicht in seiner Hand, aber er kann sich klarmachen, „Ich bin heute groß und muss nicht wie ein kleines Vögelchen auf Fütterung warten“.

Aus „Ich bin nicht wichtig“ kann „Ich bin wichtig“ werden. Oder wenn einem das zu viel ist „Ich bin für meine Freunde und Familie wichtig“. Es lassen sich neue Glaubenssätze finden, um die alten zu entmachten. Je mehr man das vor allem auch im emotionalen Erleben einübt, desto schneller wird es klappen. Dann kommt das Schattenkind immer weniger zum Vorschein. Es ist wie eine Neukonditionierung im Kopf.

 

Weiterlesen in maaS No. 10 HEILUNG

maaS No. 10 Heilung Selbstheilungskäfte, Gesundheit,Hippokrates, Alternativmedizin