Die Selbstheilungskräfte

Heilung
Anita Maas
12 Nov 2018
Interview mit Prof. Dr. med. - Tobias Esch, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Witten Herdecke über die Selbsheilungskräfte für maaS no. 10 HEILUNG

Beltz

Interview über die Selbsheilungskräfte

Es gibt immer etwas ….

was man selbst zur Gesundheit beitragen kann und das ist wichtig! Es gibt einem das Gefühl, selbst etwas beizutragen und die Verantwortung für die eigene Gesundheit nicht komplett an Ärzte und andere Fachleute abzugeben. Was der Patient selbst tun kann, ist sogar eine der drei Säulen für die Heilung. Der Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. med. Tobias Esch forscht seit Jahrzehnten an der Harvard Medical School in USA, der Charité in Berlin und nun an der Uni Witten Herdecke über den Anteil, den die Patienten selbst zur Heilung beisteuern können – die Selbstheilungskräfte.

Was bedeutet Gesundheitsförderung

Bei der Prävention setzt man voraus, dass man Krankheiten verhindern oder Risikofaktoren erkennen möchte. Bei der Gesundheitsförderung geht es auch um die Förderung der gesunden Anteile im Kranken. Auch jemand, der schwer krank ist, hat das Bedürfnis, jenseits der Behandlung der Krankheit etwas zur eigenen Gesundheit oder zur Verlangsamung des Fortschreitens der Krankheit beizutragen. Einer meiner Lehrer, Jon Kabat-Zinn, spricht davon, dass, solange man atmen kann,  mehr gesund als krank an einem ist. Das Gesunde, was man in sich trägt, möchte gesehen und gefördert werden – ohne dass ein Heilversprechen damit verbunden ist.

Warum werden Patienten heute oft nicht als Aktive in das Heilungsgeschehen miteinbezogen?

Das liegt auch an unserem heutigen Gesundheitssystem. Wir alle nehmen das mit Recht in Anspruch. Dabei wird oft vernachlässigt, was wir ursprünglich als Grundlage genommen haben: den dreibeinigen Stuhl, von dem schon Hippokrates gesprochen hat. Er besteht aus dem,

  • was mein Arzt oder Therapeut mit mir macht (medizinische Eingriffe)
  • was mein Arzt oder Therapeut mir gibt (Arzneimittel, Globuli oder Pflanzenmedizin)
  • was man selber machen kann.

Die Medizin hat sich aus gut nachvollziehbaren Gründen vorrangig um die ersten beiden Teile gekümmert und erforscht,  wie Krankheiten zu erkennen sind und welche Behandlungsstränge helfen. Der 3. Teil, den Galen den ‚inneren Arzt‘ oder Paracelsus ‚Archäus‘ nannte, wurde mehr zur Privatsache. Eine Zeitlang meinte man auch, wenn ich fromm bin, kümmert sich Gott um diesen Anteil. In der Medizin tauchte das Phänomen der Selbstheilung nur unter-zum Beispiel dem Begriff Placeboeffekt oder als individueller Faktor auf, um den man sich nicht weiter kümmern musste. Solange man einen Namen dafür hatte und man ihn in den Studien mit 5% Irrtumswahrscheinlichkeit beziffern konnte, funktionierte das im Großen und Ganzen.

Problematisch wurde es dadurch, dass die Patienten das in der Praxis oft anders gesehen haben. Das erkennt man an der Nachfrage nach naturheilkundlicher Behandlung, Besuchen bei Heilpraktikern etc.  Der 2. Gesundheitsmarkt ist mit 1 Billion Euro fast dreimal so groß wie der 1. Gesundheitsmarkt. Die Apothekenumschau ist die Zeitschrift mit der größten Auflage. Die Patienten hatten schon immer das Bedürfnis zu wissen, was sie selbst tun können. Das führt dazu, dass Patienten heute zu ihrem Arzt (oder Ärztin) gehen und nur das erzählen, wovon sie meinen, dass er oder sie es hören möchte und es für seine Behandlung gebraucht wird. Den Teil, der sie auch beschäftigt, was sie mit ihrem Heilpraktiker und Osteopathen besprechen, was früher Omas Hausmittel waren, worin sie sich selbst weiterbilden, indem sie Zeitschriften wie diese lesen, den lassen die Patienten heute beim Gespräch mit dem Arzt oft außen vor, vielleicht weil sie Angst haben, dass es ihn verärgern könnte, dass er nicht das macht, was er machen soll. Es ist also häufig zu einer Teilung gekommen. Woran wir forschen ist, wie wir wieder zu dem Bild des dreibeinigen Stuhls zurückkommen können und man gemeinsam eine Idee hat, welchen Weg man beschreiten möchte. Keine Alternativmedizin und eine Entweder-Oder-Medizin, sondern eine Medizin, die gleichermaßen die Ressourcen des Patienten und die Möglichkeiten der Therapeuten und Ärzte berücksichtigt.

Was kann der Einzelne für die Gesundheitsförderung tun?

Was wir als Forscher aus den riesigen, weltweiten Datensätzen sehen, sind folgende, allgemeine Empfehlungen:

  1. Bewegung
    Min. 30 Minuten am Tag extra, in denen ich etwa 250-300 kcal verbrauche, und sie als aktives Element der Selbstfürsorge in meinen Alltag bringe.
    Interessanterweise ist im Lateinischen motivare (=bewegen) sowohl ein körperlicher als auch ein geistiger Prozess
  2. Innere Einkehr
    Momente der Entspannung, 10- 20 min am Tag, in denen ich verssuche, ganz bei mir zu sein.
  3. Gesunde Ernährung
    Zum heutigen Stand ist eine Mittelmeerkost oder eine japanische Diät (Okinawa) ideal. Die Ernährung ist auch eine sehr schöne Möglichkeit, wieder achtsamer zu werden, indem wir unser Essen mit allen Sinnen genießen. In letzter Zeit wieder in den Vordergrund gerückt sind bewusste Phasen des Nicht-Essens, sei es als Heilfasten oder Intervallfasten.
  4. Verhalten
    Das ist wohl die Königsdisziplin und meint „positiv denken und handeln“. Ich nenne es manchmal zusammengefasst „Glück“. Das bedeutet, sich darum zu kümmern, dass man ein soziales Netz hat, in Stresssituationen nicht in die Falle gerät, dass ich stressverstärkend reagiere, sondern bewusst aus der Stressfalle heraustrete. Außerdem gehört dazu, dass man etwas hat, an das man glaubt, was mich mit dem, was vor mir da war und möglicherweise nach mir noch da ist, verbindet – wir nennen das mitunter auch Spiritualität.

Diese vier Punkte sind gesundheitsförderlich, senken die Mortalität und verbessern den Gesundungsverlauf, aber es gibt keine Garantie dafür, dass man mit diesen Maßnahmen gesund bleibt oder wird. Die Zusammenhänge sind nicht linear.

Was empfehlen Sie kranken Menschen?

Es gibt immer etwas, was man tun kann zur Selbstheilung. Selbst jemand, der Krebs hat, hat das Bedürfnis etwas zu tun und wenn es noch so winzig klein sei. Das hat nicht nur mit Hoffnung zu tun, sondern auch damit im Trauma, in der Ohnmacht, Mensch bleiben zu können. Dafür brauche ich immer auch eine Idee, was ich selbst tun kann - und wenn ich mich bewusst für das Nichtstun entscheide. Ich kann vielleicht nur den Atem beobachten und einfach da sein, aber das ist ein bewusster Prozess. Es geht aber nicht um eine Schuldzuweisung für jemanden, der schwer krank ist, dass er sich nicht genug um seine Gesundheit gekümmert hat. Das kann ein kranker Mensch überhaupt nicht gebrauchen und es macht Stress. Es geht um die positive Ausrichtung, dass ich etwas beitragen kann, ohne damit zu verbinden, dass ich gesund werden muss.

Wie entstehen in Ihren Augen Krankheiten?

Die Ursachen von Krankheiten sind vielschichtig. Krankheit ist mitunter auch schicksalshaft. Die WHO beschreibt Krankheit als ein „bio-psycho-soziales Geschehen“. In allen drei Ebenen kann Krankheit entstehen. Es gibt z. B. genetische Prädispositionen für Krankheiten, also eine Art fehlerhafte Werkseinstellung. Das heißt nicht, dass man dann nichts tun kann, sondern dass es Menschen gibt, die bessere Voraussetzungen haben, gesund zu bleiben als andere. Im psychologischen Bereich gibt es Krankheiten, die aus dem seelisch-geistigen kommen. Da liegt es näher, dass die Krankheit Ausdruck von etwas ist, aber es gibt auch Fälle, in denen die Krankheit sozusagen schon bei Geburt auf meinem Zettel steht. Zu Ursachen im sozialen Kontext gehören, dass man z. B. Verluste erleidet, verlassen wird, aufgrund fehlender Bildung benachteiligt ist oder ungenügendes Einkommen hat, insgesamt geminderte Chancen. Das reicht aber nicht aus, um Krankheitsursachen zu beschreiben, obwohl hier das Lehrbuch endet. Ich bin zutiefst überzeugt, dass es noch zwei weitere Dimensionen gibt, nämlich die spirituelle und die kulturelle.

Was verstehen Sie unter spiritueller und kultureller Krankheitsursache?

Es gibt Menschen, die morgens vor dem Spiegel stehen, und sich fragen „Warum mache ich das alles? Warum stehe ich morgens auf? Warum tue ich mir das an? Warum wird mir das angetan?“ Das alles sind Fragen der Sinnhaftigkeit oder des „Beseeltseins“. Ihnen fehlt vielleicht die „Inspiration“ (lat. Einatmen von Geist) das, was sie begeistert. Diese Menschen sind häufig körperlich gesund, zeigen nach psychologischen Tests oftmals keine Auffälligkeiten wie Angststörungen, Panik, Suchtverhalten oder Depressionen, und stehen eventuell auch sozial gut da mit einer hohen Bildung und finanzieller Absicherung. Trotzdem sieht man ihnen an, dass sie unglücklich sind und es ihnen überhaupt nicht gut geht. Teilweise nennen wir das heute „Burn-out“. Sie sind krank, das sieht jeder, aber wir haben im bio-psycho-sozialen Kontext dafür keine Diagnose. Weil wir keinen Namen dafür haben, fallen diese Leute oft durch das Raster.

Und es gibt Menschen, die kulturell entwurzelt sind, nicht nur in Zeiten der Migration. Sie haben das Gefühl, sie sind am falschen Ort, sie sind hier nicht richtig. Das sehen wir auch bei Studenten, jungen Menschen, die aus ihrem sozialen oder kulturellen Umfeld herauskommen und furchtbar unglücklich sein können. Nicht im Sinne einer Depression, sondern sie erkennen sich offenbar nicht wieder in dem neuen Umfeld. Sie sind nicht bio-psycho-sozial krank, aber sie sind in einer Krise und fühlen eine Entwurzelung.

Mit dieser Erweiterung kann ich Menschen als krank anerkennen, die es nach der WHO-Definition nicht sind. Sie brauchen auch andere Hilfe. Wenn ich eine spirituelle Krise habe, brauche ich Begeisterung, die kann mir der Arzt nicht in Form von Tabletten oder Massage geben. Ich brauche Vorbilder und jemand der mich einlädt, ermutigt, und inspiriert, wie Gerald Hüter es sagt, neue Türen aufzumachen. Das finde ich manchmal leider nicht beim Arzt. Früher gab es Seelsorger, die diesen Raum gefüllt haben. Heute ist er für manche leer und das ist ein großes Problem unserer Zeit.

Gibt es Zeiten, in denen Krisen häufiger auftreten?

Es gibt Phasen im Leben, da ist es normal, Orientierung zu verlieren, ein bisschen überfordert zu sein und den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Wir sehen in unseren Forschungen auf Basis von  großen Datenmengen, dass es vielen Menschen so geht. Das wird kein Zufall sein, sondern wir stellen fest, dass gehäuft eine krisenhafte Zeit zwischen 39 und 59 Jahren gibt, was scheinbar ganz normal ist. Bei manchen ist diese Krise stärker ausgeprägt, bei manchen weniger. Wir sehen auch, dass es besser wird, und zwar ganz von allein. Es geht nun darum, auch in der Medizin anzuerkennen, dass man zwar dafür sorgen muss, dass die Menschen nicht über die „Leitplanke“ geraten - das ist keine Selbstverständlichkeit -, aber dass die Natur es häufig doch von ganz allein richtet. Wir sehen an den Daten, dass die Menschen mit 60, 70, 75 Jahren auf ihr Leben zurückblicken, obwohl sie schwere Krisen hatten,  und oftmals im Nachhinein sagen „Eigentlich passt’s, es geht mir gut, ich bin zufrieden“. Es ist nicht immer ein bestimmter Wendepunkt, ab dem alles sich aufgelöst hat und besser wurde, sondern es geht darum, eine kritische Phase einfach auch auszuhalten, bis sie vorübergeht. Alte Menschen werden oft zufriedener – und das ist eine gute Nachricht. Die zweite Lebenshälfte ist für viele Menschen die bessere, darauf kann man sich mitten im Leben freuen.

Das Interview führte Anita Maas für die Ausgabe maaS No. 10 HEILUNG

Prof. Dr. Tobias Esch

ist Pionier einer ganzheitlichen Allgemeinmedizin und Experte für die Neurobiologie des Glücks. Er prägte die Integrative Gesundheitsförderung in Deutschland und ist Gastprofessor an der Harvard Medical School sowie assoziierter Neurowissenschaftler an der State University von New York. Seit 2016 forscht und lehrt er an der Universität Witten/Herdecke. Er veröffentlichte über 200 wissenschaftliche Arbeiten - von der Grundlagenforschung bis zur Gestaltung der Arzt-Patienten-Kommunikation. Zuletzt erschien von ihm das Buch «Der Selbstheilungscode», nominiert u.a. für das Wissensbuch des Jahres 2017 und aktuell erscheint „Die bessere Hälfte“, zusammen mit Dr. Eckart von Hirschhausen.

maaS Magazin No. 10 HEILUNG