Das Geheimnis des ersten Risses

LIEBE
Claudia Shkatov
16 Mär 2018
Das Geheimnis des ersten Risses von Claudia Shkatov  maaS No. 8 LIEBE

lillaby - pixabay

„There’s a crack in everything. That’s how the light gets in.“ – Leonard Cohen

Der erste Riss

Sobald die erste Phase der Verliebtheit vorbei ist, und wir uns nähergekommen sind, passiert in der Regel etwas, an das wir uns sogar noch nach 30 Jahren Ehe erinnern. Manchmal ist es eine äußerliche Kleinigkeit, die jedoch für inneren Aufruhr sorgte. Manchmal ist es ein großer Streit, eine Enttäuschung oder eine unausgesprochene Angst oder Sorge, ein Unwohlsein, das plötzlich da war. Und wir nahmen den Partner/die Partnerin auf einmal als jemanden wahr, den wir so bisher nicht kannten. Und wir erschraken uns. Vielleicht dachten wir sogar für einen Moment „Das war’s jetzt“. Wenn wir hier angekommen sind, macht in der Regel einer oder es machen beide von uns dicht. Wir verschließen einen Teil von uns, der bis dahin weit für den anderen Menschen geöffnet war. Das kann sehr subtil sein, so dass es uns kaum bewusst ist. Und doch ist seitdem z. B. unser Körper in der Sexualität nicht mehr so offen, oder wir sprechen gegenüber dem anderen nicht mehr alles so offen aus wie vorher. 

Eine höhere Ebene der Intimität

Jede Liebesbeziehung hat ein Grundthema[1], das sich aus den jeweiligen Kernthemen[2] der beiden Menschen, die sie mit einander eingehen, ergibt. Die Phase der Verliebtheit hat uns auf eine höhere Ebene der Nähe und Vertrautheit gebracht. Und daher konnten unsere Kernthemen und damit auch das Grundthema unserer Beziehung zum ersten Mal berührt werden. Sind wir oder ist einer von uns in diesem Moment in der Lage,  die Situation als Wachstumschance zu begreifen, dem Partner keinerlei Vorwürfe zu machen und stattdessen die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen sowie sie anschließend mit dem anderen offen zu teilen, so können wir auf diesem Wege auf eine höhere Ebene der Intimität gelangen und damit mindestens eine Ebene des Grundthemas und der jeweiligen Kernthemen umwandeln. Anders formuliert:  Wir erhalten Zugang zu der Kraft oder der Gabe, die sich hinter dem Thema verbirgt.  Jeder einzelne von uns und unsere Verbindung erfahren Stärkung. Bis wir den nächsten Schritt tun, und wiederum die Chance erhalten eine Ebene weiter mit einander zu gehen. 

… oder einfach weitermachen

Oftmals fehlen uns jedoch zunächst Bewusstheit und das Wissen um die Zusammenhänge, um uns dieser ersten Situation erfolgreich zu stellen.  Wir versöhnen uns irgendwie, wir lassen Gras über die Sache wachsen, wir kehren alles unter den Teppich, jeder versenkt die Verletzungen irgendwo im Inneren, und wir wenden uns wieder unseren Alltagsthemen zu. Wir bekommen Kinder, arbeiten, gründen ein Unternehmen, einen Verein, stricken, angeln, reisen, lernen Tanzen, Bridge oder Golfspielen, mähen Rasen, sammeln Briefmarken, feiern Jubiläen, Waschen unsere Wäsche, räumen die Spülmaschine  ein und aus, schließen eine Lebensversicherung ab, kaufen uns einen Flachbildfernseher oder ein neues Auto. 

Aus dem Riss wird ein tiefer Graben

Damit entsteht statt Wachstum und größerer Intimität so etwas wie ein erster feiner Riss in unserer Verbindung.  Der Fluss der Liebe zwischen uns wird gestört. Über die Jahre kann dieser feine und sogar oft nur kaum merkliche erste Riss zu einem gefühlt unüberwindbaren Graben werden. Die Kernthemen und das gemeinsame Grundthema werden immer wieder neu berührt. Im Außen zeigt sich das vielleicht auf ganz unterschiedliche Weise: Fremdgehen, Schwierigkeiten in der Sexualität, Probleme mit der Kommunikation, Streit, Rückzug, Machtkämpfe, Langeweile, Unehrlichkeit, Überarbeitung, Süchte, sind nur einige der möglichen Ausdrucksformen. Und in der Regel gibt es im Abstand von einigen Jahren immer wieder Situationen, die sich tief einprägen und den Riss vergrößern – es sei denn, man begegnet ihnen mit Bewusstheit und Neugierde. 

Es ist nie zu spät

Das mag entmutigend klingen. Die gute Nachricht ist jedoch: Das Leben gibt uns immer wieder eine neue Chance, die nächste Wachstumsstufe und die nächste Ebene der Intimität zu erreichen. Je länger wir sie nicht ergreifen, umso lauter wird es um und in uns und umso größer wird die Herausforderung. Und umso weniger können wir uns ihr entziehen. Sind wir schließlich soweit, dass wir der Herausforderung begegnen, so können wir selbst einen Riss, der sich über 20 oder 30 Jahre zu einer Art Mariannengraben ausgeweitet hat, aufheben und die Verbindung zwischen uns auf einer noch viel höheren Ebene als zu Beginn der Beziehung wiederherstellen. Dies ist jederzeit möglich, wenn zumindest einer der Partner bereit ist, den Moment des ersten Risses zu finden und seine eigene Wahrheit darüber aufzudecken. Das bedeutet jede Art der Schuldsuche beim Anderen aufzugeben und sich den Gefühlen zuzuwenden, die damals hochkamen. 

Verständnis statt Vorwurf

Wenn das auf radikal ehrliche Weise geschieht, so können statt Vorwurf und Groll plötzlich Verständnis und Mitgefühl für beide Seiten in der damaligen Situation entstehen. Du erkennst, wo und wie du dich vom anderen zurückgezogen und wo du zugemacht hast.  Du erkennst, welche andere Wahl du hättest treffen können, um in der Verbindung zu bleiben. Und du erkennst dein zugrundeliegendes, eigenes Muster, dein Kernthema. Meist dämmert Dir dann auch, dass dieses Muster bereits da war, bevor du deinen Partner kennen lerntest.

Im nächsten Schritt kann Dir bewusst werden, wie sich dieses Muster in eurer Beziehung über die Jahre immer wieder in neuer Gestalt offenbart hat. Und vielleicht siehst du es nun sogar ganz deutlich in der letzten unangenehmen Situation zwischen euch, die gerade erst gestern stattfand. Von hier aus kannst du allen alten Groll ebenso wie jede Idee von Opfer und Täter loslassen. Du kannst dich dafür entscheiden den Ort, den du damals als der erste feine Riss entstand, verschlossen hast,  heute wieder für deinen Partner zu öffnen. Tust du das vollständig, so wird sich dein Gefühl für dich und deinen Partner vermutlich sofort und sehr klar wandeln. Du wirst dich offener, vertrauensvoller und liebevoller wahrnehmen. Du spürst wieder Verbindung und Lust, auf den anderen zuzugehen. Du wirst vielleicht sogar ganz unverhofft Gefühle wahrnehmen, die du aus eurer ersten Zeit der Verliebtheit kanntest. 

„Eine Wunde ist ein Ort, über den das Licht in Dich eindringt.“ – Rumi

Ein neuer Raum öffnet sich

Wenn du nun bereit bist, deine Erkenntnisse offen mit deinem Partner zu teilen, so entsteht eine Art innerer Raum zwischen euch, in dem sich eure Verbindung auf einer höheren Ebene erneuern kann. Dies wird möglich, wenn ab diesem Moment beide Partner bereit sind, sich radikal nach Innen zu wenden, jede Form von Schuldzuweisung aufzugeben und mit einander zu lernen, offen und wahrhaftig zu teilen, was in jedem von ihnen vorgeht. Und die Liebe zwischen euch kann wieder ungehindert fließen. Es ist in etwa eine Haltung die sagt: „Ich will mit dir Verbindung. Und ich will mit dir Verbindung. Immer wenn wir spüren, dass wir aus der Verbindung fallen, so teilen wir das offen mit einander. Und dann sorgen wir dafür, dass wir die Verbindung wiede herstellen. Weil wir es wollen.  Jeden Tag neu. Und solange wir es wollen.“

Und so wird das „Aus-der-Verbindung-fallen“ zu einem regelmäßigen „Die-Verbindung-erneuern“. Wir lernen uns nach Innen zu wenden, wann immer sich etwas nicht gut oder fremd anfühlt. Wir lernen unsere Gefühle zu fühlen und sie offen zu teilen. Wir lernen mit einander zu kommunizieren ohne Schuld zuzuweisen oder Vorwürfe zu machen. Wir verpflichten uns unserem eigenen und unserem gemeinsamen Wachstum und nutzen jede Situation, die zwischen uns entsteht, genau dafür. 

Sich selbst erkennen

Es braucht ein hohes Maß an (Selbst-)Bewusst-Sein, (Selbst-)Liebe und (Selbst-)Wertschätzung, um diesen Weg zu gehen.  Und das ist der gute Grund, warum wir manchmal erst eine ziemliche (Durst-)Strecke miteinander zurücklegen, bis wir soweit gekommen sind. Der gefühlte Mariannengraben sorgt dafür, dass jeder von uns sich früher oder später auf sich selbst beziehen, sich selbst erkennen und sich selbst in höherem Maße annehmen kann. So werden wir und unser Verhalten wahrhaft liebe-voll. Genau dabei haben wir einander geholfen, solange wir unterwegs waren vom feinen Riss bis hin zum Graben. Und wir erkennen, dass Riss und Graben und alle Zwischenstufen immer nur mehr Licht in uns einließen. Bis wir irgendwann bereit sind, uns ganz offen und verletzlich und wahrhaftig zu zeigen mit allem, was wir sind.

Weite und Nähe zugleich

Und von hier aus ist nun der Weg frei zu einer neuen Beziehung zwischen uns.  Diese ist geprägt von Wahrheit, Freiheit und Verpflichtung zueinander.  Sie bietet Weite und Nähe zugleich. Und dies ist kein Widerspruch mehr. Es ist Liebe. Dieser Weg ist eine Abkürzung. Wenn du ihn von ganzem Herzen gehst, so kann er dir Jahre der Trennung, des Schmerzes und der (Paar)Therapie ersparen. Du kannst ihn auch dann noch einschlagen, wenn äußerlich eure Beziehung bereits zerrüttet erscheint und du kaum noch Hoffnung auf Besserung hast. Solange es in Deinem Herzen noch einen Funken gibt, eine winzige Flamme, die niemals ausgegangen ist, solange ist immer alles möglich. Halte Ausschau nach dieser kleinen Flamme in Deinem Herzen. Sie wird dich führen, wenn du dich aufmachst, den ersten feinen Riss zu entdecken.

 

Claudia Shkatov ist Herzenshörerin, Trainerin und Autorin. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Bewusstsein, Liebe, Wert, Macht und Partnerschaft. Sie gibt Einzelcoachings in den Sprachen Deutsch, Englisch und Russisch und bietet aktuell Seminare zu den Themen Selbstliebe, Berufung und weibliche Kommunikation sowie einen regelmäßigen Online Coaching Abend im Thema Beziehung an. Claudia ist verheiratet, Mutter von drei Söhnen und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Berlin.

www.blissbow.de

 



[1] Das Grundthema einer Beziehung ist für mich ein zentrales, widerkehrendes Konfliktthema in der Partnerschaft das sich, sobald es von beiden Partnern gemeinsam als Lernthema bewusst begriffen und gemeistert wird,  zu einer treibenden Kraft für die Partnerschaft  entwickelt, und in die gemeinsame Lebensaufgabe des Paares führt.

[2] Mit dem Begriff Kernthema eines Menschen bezeichne ich sein psychologisches Grundmuster das sich, sobald bewusst gemacht und als Lernthema begriffen und gemeistert, zu seiner zentralen Lebenskraft und in seine Berufung entwickelt.

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