Bewusst schöne Momente wahrnehmen

Interview mit Stefan Frädrich, Gründer der Plattform GEDANKENtanken
Anita Maas
15 Mai 2019
Interview mit Stefan Frädrich, Gründer der Plattform GEDANKENtanken in maaS No. 13 FREUDE

gedankentanken

Was ist für dich Freude?

Es gibt im Englischen drei Begriffe luck, pleasure und happiness. Luck ist eher ein Zufallsglück, das hat nichts mit Freude zu tun. Pleasure sind sinnliche Genüsse, die aber zu Suchtmechanismen führen können. Happiness ist für mich Freude – das dauerhafte Gefühl der heiteren Gestimmtheit. Man fühlt sich im Leben wohl, weiß, wer man ist, und tut Dinge, die einem Spaß machen.

Ich bin ein großer Freund des Flow-Empfindens, d. h. dass man ein Ziel verfolgt, aber dann locker vor sich hin wurschtelt. Dabei verschmelzen Zeit und Handlung: Man bewirkt Dinge, bekommt unmittelbares Feedback, man wird nicht gestört dabei und tut Dinge, die einem sinnvoll erscheinen. Die Zeit vergeht wie von selbst. Das ist ein sehr intensives Glücksempfinden, ein Dopamin-Flow. Dadurch erarbeitet man sich Erfolge, erreicht sein Ziel, was zu einem Endorphin-Kick im Kopf führt. Nach dem Feiern kommt eine Pause, in der das Serotoninsystem anspringt. In diesen Pausen sucht man sich ein neues Ziel und kommt dann wieder in den Flow-Zustand. Es entsteht eine Art Glückskreisel mit drei Drogen: 1. Dopamin – ich arbeite auf ein Ziel hin, 2. Endorphin – ich habe mein Ziel erreicht und 3. Serotonin – ich ruhe mich aus. Wenn ich einen Fehler mache und nur im Wechsel von Dopamin-Endorphin bleibe, bin ich bald im Burnout. Oder im Boreout, wenn ich nur in der Entspannung bleibe. Dann werden die Dinge so langweilig, dass ich mich nicht mehr weiterentwickle.

Woran liegt es, dass so viele Menschen scheinbar keine Freude empfinden?

Viele Menschen beschäftigen sich nicht damit, wie man Freude empfindet. Wir werden von unserer Umgebung geprägt, versuchen zu funktionieren und uns in Systeme hinein zu pressen, die uns häufig nicht entsprechen. Es bedarf einer gewissen Selbstverantwortung, hinzuschauen und sich zu fragen: Wer bin ich, was kann ich, was mag ich und was mag ich nicht. Was sind meine Stärken und Schwächen? Was macht mir Spaß, was gibt mir Energie, was nimmt mir Energie? Dann schau dir dein Umfeld an: Familie, Freunde, Partnerschaft. Was stimmt da, was stimmt nicht? Gibt es in deinem sozialen Umfeld Energieräuber? Hast du einen Job, der dir Spaß macht? Hast du finanzielle Sorgen in deinem Leben? Bist du gesund und fit? Hast du etwas, das dich inspiriert und das deiner Persönlichkeit entspricht?

Das ist ein analytischer Prozess, der je früher er im Leben stattfindet desto besser den inneren Kompass ausrichtet. Ich glaube, dass viele Menschen, die keine Freude empfinden, in diesem Prozess stecken und nicht den nächsten Schritt nehmen.

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Was kann man tun, um seinem Leben mehr Freude, Farbe und Lebendigkeit zu geben? 

Wenn die Ausrichtung nach dem eigenen inneren Kompass, die Grundarchitektur für ein erfülltes Leben, stimmt, geht es um die bewusste Wahrnehmung ganz schlichter, sinnlicher Genüsse: ein Kinderlachen, ein guter Duft in der Luft, ausschlafen, Pausen machen, sich Dinge gönnen und Gutes tun. Bewusst schöne Momente sammeln und darauf schauen, was es Schönes in der Welt gibt. Die meisten Glücksmomente sind einfache Dinge wie frische Luft atmen, leckeren Kaffee trinken, einen lieben Blick einfangen, schöne Berührungen.

Ist Freude ein Grundgefühl, also ein Zustand, oder tritt sie nur gelegentlich auf?

Wir können durch Glücksskalen messen, wie glücklich Menschen sind. Dazu gehören Faktoren wie z. B. wie komme ich morgens aus dem Bett, kann ich einigermaßen souverän über meine Zeit bestimmen, tue ich sinnvolle Dinge und bin ich sozial vernetzt. Wenn diese Kriterien stimmen, ist man in einem dauerhaft guten Zustand. Sobald das in Unordnung gerät, hat man Stress. Das äußert sich in negativen Gefühlen.

Kann man Freude trainieren?

Ja, durchaus. Wer keine Freude empfindet, muss das lernen. Unser Gehirn ist plastisch, das heißt, wir bringen uns alles Mögliche bei, wenn wir es immer wieder wiederholen. Wir spulen dann automatisch Programme ab. Man kann lernen, einen Sonnenuntergang zu genießen; man kann lernen bewusst, einzuatmen und auszuatmen; man kann lernen, seinen Körper zu genießen und schöne Momente bewusst wahrzunehmen. Wenn Menschen durch das Leben laufen und nach schönen Momenten Ausschau halten, um glücklich zu sein, und daraus eine Gewohnheit machen, dann sehen sie ganz viele Gründe.

Es gibt auch Menschen, die in der anderen Richtung unterwegs sind und überall im Leben Schwierigkeiten und Probleme sehen und ihr Gehirn genau in die andere Richtung trainieren. Viktor Frankel, ein Psychiater, der selbst das KZ überlebt hat, schildert, dass KZ-Insassen nach jahrelanger Inhaftierung sich nicht darüber freuten, dass sie überlebt haben. Sie hatten zwar kurz dieses Entspannungsgefühl, dass die Todesgefahr nun vorbei war, aber sie hatten verlernt, sich zu freuen. Gleichwohl schildert er, dass er extreme Glücksgefühle hatte, als er wie in einem Viehtransport von Auschwitz nach Dachau transportiert wurde und durch die Schlitze im Waggon das Viertel in seiner Heimatstadt Wien sehen konnte. Was für eine paradoxe Situation, sich in dieser Lage über solche Kleinigkeiten zu freuen!

Wie oft am Tag lachst du? Worüber?

Ich lache oft und versuche in Situationen das Komische zu sehen. Das Leben steckt voll von Absurditäten. Ich kann auch ständig über mich lachen und versuche, andere zum Lachen zu bringen, z. B. meinen Sohn oder auch in Vorträgen einen Gag einzustreuen. Ich bin oft bereit, den Dingen eine komische Note abzugewinnen.

Worüber freust du dich?

Ich freue mich über Kleinigkeiten: morgens aufzustehen und spannende Dinge zu tun, über leckeres Essen, unsere Firma, über nette Angestellte, tolle Seminare, wenn ich mit meinem Hund spazierengehe, mit meinem Wohnmobil durch die Gegend fahre, über ein nettes Feedback, über das Alleinsein, ein Buch zu lesen – ich könnte hier noch lange weitermachen.

Wo begegnet dir Heiterkeit und Humor und wo eher zynisches Lachen und Schadenfreude?

Mir begegnet fast überall Humor, weil ich mich entschieden habe, zynische und schadenfrohe Menschen rigoros aus meinem Leben zu werfen. Ich kann mit Zynikern nichts anfangen. Das sind Energievampire mit einer destruktiven Grundhaltung.

Auch wenn ein Kunde negative Vibrations aussendet, ist er nicht mehr mein Kunde. In unserer Organisation haben wir das Motto: Wir sind gute Typen und kein „Gedöns“, d. h. wir stecken keinen emotionalen Aufwand in Dinge, die schädlich sind. Ich finde es energetischen Wahnsinn, zynisch zu lachen und schadenfroh zu reagieren. 

Vielen Dank!

(Das Interview führte Anita Maas)

Dr. Stefan Frädrich ist Arzt, Speaker und Autor. Bekannt wurde Stefan Frädrich durch seine Günter-Buchreihe („Günter, der innere Schweinehund“), seine Seminare und seine Fernsehsendungen „Der große Gesundheits-Check“ (WDR), "Nichtraucher in 5 Stunden" (Focus Gesundheit) und „Besser Essen – leben leicht gemacht“ (ProSieben). 2012 gründete er die Plattform GEDANKENtanken, die Menschen auf ihrem individuellen Weg zur Selbstverwirklichung begleiten und unterstützen möchte. 

www.gedankentanken.com

(Auszug aus maaS No. 13 FREUDE.)

Magazin No.13 Freude

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