Baden unter Baumwipfeln

Natur
Sandra Knümann
16 Mai 2020
Baden unter Baumwipfeln von Sandra Knümann aus maaS No. 17 NATUR

Auf dem weichen Waldboden rascheln unsere nackten Füße durch Laub und Gras. Der Duft von sonnenwarmer Erde und frischem Grün steigt mir in die Nase. Eine Frau kichert, während sie versucht, die feuchten Stellen auf dem Weg zu umgehen. Überhaupt sehen meine 14 Teilnehmer ziemlich glücklich aus: Ich schaue in wache, strahlende Augen. Noch vor zwei Stunden wirkten sie ganz anders auf mich.

Die Gruppe hatte sich zu einem Waldbad nach Feierabend zusammengefunden. Kein gewöhnlicher Waldspaziergang, sondern ein „Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes“. So lautet sinngemäß die Übersetzung des japanischen „Shinrin Yoku“, bei dem man weder Wasser noch Badewanne braucht, um zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. In Japan hat sich diese Form der Gesundheitsförderung seit den 1980er Jahren entwickelt und ist inzwischen als anerkannte Heilmethode etabliert. In landesweit über 50 Waldgesundheitszentren werden nicht nur Präventionskurse angeboten, sondern auch Menschen mit den unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Erkrankungen behandelt. Seit etwa vier Jahren ist das Waldbaden auch in Deutschland angekommen. Inzwischen gibt es eigens dafür ausgewiesene „Kur- und Heilwälder“ und eine wachsende Zahl von qualifizierten Gruppenleiterinnen.

maaS No. 17 NATUR

Wie badet man in einem Wald?

Waldbaden ist genussvolles Schlendern und Verweilen. Dafür brauchst du keine besondere Ausrüstung oder Kondition und es gilt auch, keine bestimmte Strecke zurückzulegen. Das Tun besteht vielmehr aus Nicht-Tun. Aus Wahrnehmen, Erkunden, Wirken-Lassen und Genießen. Worauf die Aufmerksamkeit gerichtet wird, kann dabei recht unterschiedlich sein: z. B. die weite Landschaft oder kleine Details, der eigene Körper, Gefühle und Gedanken, Atmosphären und Stimmungen uvm. Immer geht es darum, die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen und sich für neue Eindrücke zu öffnen. Manche Gruppenleiterinnen beziehen auch Übungen aus dem Tai Chi, Qi Gong, Yoga oder andere Achtsamkeitsmethoden ein. So können sich die Teilnehmenden mit Körper, Geist und Seele als Teil der Natur erleben. Allein das ist schon überaus heilsam.

Ich selbst gestalte meine Waldbaden-Spaziergänge so, dass die Teilnehmenden jedes Mal konkrete Anregungen für eine gelassenere und gesündere Lebensweise mitnehmen können. Nach der Devise „Im Wald für den Alltag lernen“ lasse ich kurze Achtsamkeits-Teachings einfließen und greife die Themen auf, die den Teilnehmenden besonders auf den Nägeln brennen. Das Barfußgehen zum Beispiel gipfelte in der Frage, wie man sich auch im Alltag gut „erden“ kann, um von den Stürmen des Lebens nicht umgeweht zu werden.

Ein Waldbad dauert in der Regel 2-3 Stunden und kann in der Gruppe oder allein durchgeführt werden. Geeignet ist jeder Wald, in dem du dich wohl und sicher fühlst. Die meisten Menschen bevorzugen dafür lichte, gepflegte Mischwälder mit schmalen, gewundenen Pfaden, wie sie etwa in Parks und Stadtwäldern zu finden sind. Da die erforderliche geistige Haltung von Präsenz und Akzeptanz am Anfang vielleicht etwas ungewohnt ist, empfiehlt es sich, das Waldbaden zunächst mit Anleitung zu beginnen. Sonst schleichen sich nämlich allzu schnell wieder Alltagsgedanken in das achtsame Verweilen. Dann werden im Kopf Einkaufszettel gemacht, die To-do-Liste überarbeitet oder der nächste Urlaub geplant, anstatt sich am Gesang des Rotkehlchens zu erfreuen oder sich auf die Atmung zu konzentrieren. Mit etwas Übung kannst du das achtsame Erleben anschließend auch allein fortsetzen. Inspirierende Tipps und weiterführende Übungen für alle Sinne finden sich in zahlreichen Büchern und Online-Angeboten (s.u.).

Gesundheitswirkung des Waldbadens

Welche Effekte der Aufenthalt im Wald auf die körperliche und seelisch-geistige Gesundheit hat, wird seit etwa 20 Jahren intensiv erforscht. Vor allem japanische Waldmediziner veröffentlichten in den vergangenen Jahren zum Teil bahnbrechende Erkenntnisse. So fanden sie u.a. heraus, dass schon zwei Stunden Aufenthalt im Wald pro Woche ausreichen, um nachhaltige gesundheitliche Effekte zu erzielen. Um nur einige zu nennen: Der Blutdruck sinkt, die Konzentration der Stresshormone nimmt ab, die Herzfrequenz normalisiert sich, der Parasympathicus („Entspannungs-Nerv“) wird aktiviert, es werden herzschützende Hormone gebildet usw. Ein Tag im Wald führt zu einem Anstieg der natürlichen Killerzellen (ein zentraler Bestandteil unseres Immunsystems) um fast 40%, nach zwei Tagen verdoppelt sich ihre Anzahl sogar.

Psychologische Studien kamen außerdem zum Ergebnis, dass Gefühle von Anspannung, Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit und Verwirrung sich im Wald verringerten. Tatkraft, Konzentrationsfähigkeit und eine optimistische Grundeinstellung nahmen jedoch zu. Sogar Angststörungen und Depressionen konnten durch regelmäßige Waldaufenthalte gemildert werden. Wohlgemerkt: Durch die reine Anwesenheit im Wald – unabhängig von der Geisteshaltung! Wer zusätzlich noch Achtsamkeit in Form eines Waldbades praktiziert, profitiert darüber hinaus von den zahlreichen positiven Gesundheitswirkungen der Achtsamkeitspraxis: mehr Ausgeglichenheit und psychische Stabilität, Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit, bewusstere Wahrnehmung von Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen und damit einhergehend auch die Entwicklung eines gesünderen Lebensstils.

Die wissenschaftlichen Befunde deuten also darauf hin, dass Waldumgebungen eine präventive Wirkung bei Zivilisationskrankheiten haben könnten. Doch wodurch wird diese hervorgerufen? Ist es vielleicht die beruhigende Waldatmosphäre, das Grün, die Stille, die unseren Körper entspannen lassen und dadurch gesundheitsförderlich wirken? Ein japanisches Forscherteam erregte 2012 internationales Aufsehen mit einer Studie über den Einfluss der Waldluft. Die Waldmediziner isolierten dafür die häufigsten Botenstoffe der Bäume, die sogenannten „Terpene“. Mit diesen gasförmigen Signalen kommunizieren Pflanzen untereinander und warnen sich z. B. vor Schädlingen, so dass benachbarte Bäume schon abwehrende Stoffe produzieren können, bevor ein Schädling sie befällt. Die Forscher vermuteten, dass es diese Terpene sein könnten, die auch das menschliche Immunsystem zur Steigerung seiner Abwehrkräfte anregen. Um ihre Hypothese zu überprüfen, luden sie 12 Versuchspersonen zur Übernachtung im Hotel ein und reicherten ohne deren Wissen die Luft nachts mit den Terpenen an. Die Hälfte der Probanden schlief also unwissentlich in „Waldluft“. Beim Vergleich der Blutproben, die vor dem Schlafengehen und nach dem Aufwachen genommen wurden, zeigte sich, dass die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen sowie der Gehalt an Anti-Krebs-Proteinen im Blut der „Waldschläfer“ deutlich zugenommen hatten, während sich bei der Kontrollgruppe keine Veränderungen ergaben.

Noch kann dieses Ergebnis nicht als repräsentativ gelten, da die Versuchsgruppe zu klein war. Was aber schon jetzt deutlich zutage tritt, ist, wie sehr unser Organismus mit der natürlichen Umwelt „kommuniziert“ und auf vielfache Weise mit ihr verbunden ist.

Zurück zu meiner Waldbaden-Gruppe: Als wir nach drei Stunden wieder am Wanderparkplatz ankommen, stellen wir uns noch einmal im Kreis auf, um die Erfahrungen auszutauschen. Die Abendsonne taucht die glücklichen Gesichter meiner TeilnehmerInnen in goldenes Licht. „Ich habe mich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt“, sagt eine Frau, die zum ersten Mal dabei war. Ein Mann, der sich zunächst davor gescheut hatte, die Schuhe auszuziehen, erzählt strahlend, dass er beim Waldbaden seinen Stress vollkommen vergessen habe. Alle sind sich einig, dass sie ab jetzt öfter und bewusster in den Wald gehen wollen.

Eine kleine Waldbaden-Übung:

Finde einen Platz im Wald, an dem du dich wohl und sicher fühlst. Lass dich dort nieder und schließe für einen Moment die Augen. Bemerke, wie du an diesem Ort sitzt oder liegst, wie sich der Kontakt zum Boden anfühlt oder vielleicht zum Stamm, an den du dich gelehnt hast. Wenn du das Gefühl hast, auch gedanklich an diesem Platz angekommen zu sein, kannst du die Augen wieder öffnen und dich umschauen. Betrachte alles mit einem „Anfängerblick“ – als ob du es noch nie zuvor gesehen hättest. Was siehst du? Wovon wird dein Blick angezogen? Was kannst du in der Nähe oder in der Ferne entdecken? Und welche Wirkung haben diese Eindrücke auf dich? Wenn dir langweilig wird, bemerke dieses Gefühl und bleib noch ein paar Augenblicke sitzen, bevor du wieder weitergehst.

Sandra Knümann ist Waldbaden-Expertin der ersten Stunde. Seit 27 Jahren begleitet sie Gruppen und Einzelne dabei, mithilfe von achtsamen Walderlebnissen wieder zur Ruhe und zu sich selbst zu finden. Als Naturtherapeutin bezieht sie den Wald ebenfalls in Psychotherapie und Coaching ein. Auf ihrer Website bietet sie u.a. Waldbaden-Anleitungen zum Download und eine siebentägige (R)Auszeit-Challenge an.

www.pan-praxis.de

Waldbaden-Anleitungen zum Download: https://pan-praxis.de/waldbaden-online/

(R)Auszeit-Challenge: https://pan-praxis.de/rauszeit-challenge/

Dieser Artikel ist ein Auszug aus maaS No.17 NATUR.

maaS No. 17 NATUR Wie du deine Sehnsucht nach Wald und Wiese stillst