Auch ohne Haare glücklich

Lebenswege
Ines Unger
9 Feb 2017
Auch ohne Haare glücklich

Ines Unger

Ich lebe seit Anfang 2013 mit Alopezie (Kreisrunder Haarausfall) und setze mich damit auseinander. Alopecia areata ist, kurz und knapp erklärt, eine Autoimmunkrankheit, bei der die Abwehrzellen des Körpers gegen die eigenen Haare kämpfen und sie abstoßen. Anfangs fuhr ich zu mehreren Ärzten, auf der Suche nach einem "Gegenmittel" oder einer Therapiemöglichkeit. Letztendlich war die Antwort: Es gibt nichts, was zu einer 100% dauerhaften Heilung führt. Man sagte mir, es wäre vermutlich durch psychischen Stress bedingt. Also begann ich mit einer psychologischen Therapie. Innerhalb von  Monaten verlor ich meine gesamte Körperbehaarung. Selbst Augenbrauen und Wimpern, ja sogar die Nasenhaare! Die Entdeckung der ersten kahlen Stelle am Kopf war ein großer Schock. Es kamen immer mehr dazu, bis ich mich schließlich im Frühjahr 2014 entschloss, meine restlichen Haare auf dem Kopf abzurasieren. Um nicht auszusehen wie "Gollum", um nicht ständig versuchen zu müssen, alle Löcher zu verstecken oder Angst zu haben, dass was verrutscht und man "es" sieht. Ich war so positiv von meinem neuen Look mit Glatze überrascht, dass mein mittlerweile geschundenes Selbstbewusstsein wieder stieg. Ich wollte diese Veränderung unbedingt festhalten und brachte den Mut für ein Fotoshooting auf. Die Fotos hinterließen eine faszinierende Wirkung auf mich. WOW! DAS bin ICH??!! Als mir dann die gesamte Körperbehaarung fehlte, ging es mir sehr schlecht. Es war als hätte ich mein Gesicht, nein, meinen Ausdruck verloren. Ich konnte mich nicht mehr mit meinem Spiegelbild identifizieren. Meine Depressionen und Ängste hatten freien Lauf. Doch ich wollte nicht zulassen, dass mir eine reine Äußerlichkeit meine Lebensfreude nimmt. Ich verabredete ein weiteres Fotoshooting, um mich bewusst mit meinem Aussehen zu konfrontieren und es zu reflektieren. Mein Therapeut unterstütze mich dabei. Diese "Foto-Erfahrung" wirkte sich auch auf meine psychische Verfassung aus, somit auch auf die Therapie, so dass ich sie positiv beenden konnte. Doch schließlich musste ich meinen bisherigen Job durch "Miss Alopecia" und meinen damit zusammenhängenden, zum Teil auch psychischen, Problemen aufgeben. Nun bin ich zur Zeit vorerst erwerbsunfähig berentet. So konnte ich mich neu orientieren, absolviere derzeit ein Fernstudium zum Psycholgischen Berater und kann mich auf meine Familie und den Alltag konzentrieren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich in mir der Wunsch anderen Mut zu machen. Niemand sollte sich verstecken, wei er "anders" ist. Jeder Mensch ist BESONDERS, ob nun mit Haaren, Glatze, Narben, Erkrankungen, Behinderungen oder ähnliches. Ich möchte zeigen, dass man sein Leben und sein Glück selbst in die Hand nehmen kann und man sich selbst erlauben darf so zu sein wie man ist. Der Haarausfall, Depressionen, Ängste und Panikatacken machten mir das Leben schwer, doch ich habe auch viel durch sie gelernt. Über mich selbst und auch, dass es eine Stärke ist seine Gefühle offen zu zeigen und auszuleben. Es gehört viel Mut dazu, Hilfe anzunehmen und an sich selbst zu arbeiten. Aus diesem Grund möchte ich meine Erfahrungen teilen, habe meine Homepage bzw. meinen Blog (www.alopeciaundich.de) erstellt und auch ein Fotoprojekt auf den Weg gebracht.