Allein in der Wildnis - Visionssuche

Natur
Geseko von Lüpke
8 Jun 2020
Allein in der WiIdnis - Visionssuche, Ritual für Lebensübergänge von Geseko von Lüpke

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Die Visionssuche als ein Ritual für Übergänge im Rad des Lebens

von Geseko von Lüpke

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne tauchen das Tal in ein warmes, orangenes Licht. Der Steinkreis auf dem Boden ist umringt vom Kreis der Menschen, die sich an den Händen halten. Ein Mann löst sich von den Händen links und rechts und tritt in den inneren Kreis, überschreitet symbolisch die Grenze zwischen Alltag und der magischen Welt der Wildnis. Die Älteste tritt auf ihn zu, bläst in die Muschelschale, die sie in der linken Hand hält. Mit der langen schwarzen Feder in ihrer Rechten fächert sie den süßlichen Rauch des Salbeis in sein Gesicht, auf die Brust, seinen Rücken. “Nehmt ihn auf”, hört man sie flüstern, “beschützt ihn und lasst ihn heil und als Mann zurückkehren”. Und wie ein Buschmesser das Gestrüpp um einen Baum rodet, zerteilt die Feder die unsichtbaren Fäden, die den Initianten mit der Vergangenheit, dem Alltag, dem ganz normalen Leben verbunden haben. Es ist das Zeichen zu gehen. Der Mann verabschiedet sich mit einem letzten Blick, tritt aus dem Steinkreis, packt seinen Rucksack und verschwindet für vier Tage und Nächte in der Wildnis.

maas No. 17 NATUR

Eine fiktionale Beschreibung aus vergangenen Zeiten oder aus indigenen Welten? Fehlanzeige – ein Bericht aus der Neuzeit! Eine ständig wachsende Zahl von Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedensten sozialen Schichten stellt sich freiwillig der Herausforderung, nach intensiver Vorbereitung auf ein Ritual namens 'Visionssuche' zu gehen. Sie besteht im Kern daraus, vier Tage und vier Nächte allein und fastend in der ungezähmten Natur zu verbringen und dort draußen eine Reise in die Wildnis ihres eigenen Herzens, durch den Dschungel ihrer Wünsche, die Wüste ihrer Ängste und den Sumpf ihrer Depressionen anzutreten. Die Vorstellung, so etwas zu tun, schreckt und wirkt doch seltsam vertraut. Nicht ohne Grund, sagte der verstorbene, amerikanische Psychologe Steven Foster, der 30 Jahre daran arbeitete, die alten Riten des Übergangs für die Menschen der modernen Welt wiederzuentdecken. Das Grundmuster aller Initiation, glaubt er, gleicht einer alten Geschichte, die jedem Menschen tief innen bekannt ist, auch wenn er sie noch nie gehört hat. „Es gibt Zeiten in deinem Leben, da ist es nötig, alles hinter dir zu lassen. Zeit, hinauszugehen und mit Gott alleine zu sein, mit der Natur und ihren Wesen“, zitiert er dieses archetypische Bild: „Und an diesem einsamen Platz ist der Held oder die Heldin allein mit den Wesen der Natur und geht auf Innenschau, erhält wie ein Geschenk Antworten, Klarheit, eine Vision, die er mit zurücknimmt zu seiner Gemeinschaft, auf dass sie weiter bestehen kann und blüht und damit das Leben weitergeht.“        

Abtrennung, Isolation, Wandel, Rückkehr

Der französische Ethnologe Arnold van Gennep hatte schon vor rund 100 Jahren entdeckt, dass nach diesem zeitlosen Muster in allen Kulturen der Welt Wandlungsprozesse rituell gestaltet wurden, ob es sich nun um einen inneren psychologischen Wachstumsimpuls oder eine soziale Statusveränderung handelte. Da wurde fast immer in der Wildnis symbolisch nachvollzogen, was sich innerlich ereignete: Der Mensch starb in seiner alten Rolle, ging durch eine Phase der Prüfung und Neuorientierung und kehrte – wie neu geboren – gewandelt und gereift in seine Gemeinschaft zurück.

Die Wurzeln solcher Rituale und Zeremonien mögen bis in die Steinzeit zurückreichen und initiatorische Übergänge sind wahrscheinlich so alt wie die Spezies Mensch. Dieses uralte Grundmuster der Wandlung und Transformation hat nichts von seiner Gültigkeit verloren, nur weil wir uns heute über elektronische Medien miteinander verständigen oder mit Flugzeugen fortbewegen können. Übergangsriten sind hochaktuell.  ‚Hochaktuell’? Das klingt nach einem krassen Paradoxon! Und es ist doch nur logisch, wenn man anerkennt, in welchen fundamentalen Zeiten des Übergangs wir in der Gegenwart leben. Weil sich tradierte Sicherheiten zunehmend in Luft auflösen, religiöser Halt wegfällt, Welt- und Selbstbilder nicht mehr stimmen, Nationalstaaten obsolet werden, kulturelle Identitäten ihre Bedeutung verlieren, suchen Menschen nach neuem Sinn und einer größeren Identität. Und weil der Mensch der Gegenwart in zunehmender Geschwindigkeit und Radikalität aus seinen vertrauten Denk- und Handlungsmustern herausgestoßen wird, braucht er Rituale.

Rituale geben in einer Zeit der Desintegration ein Gefühl von Boden, Rhythmus, Sicherheit. Rituale sind ein kreativer Akt, in denen der Ausführende den großen Themen seines Seins und Werdens Bedeutung, Anerkennung und Selbstbestimmung gibt. Rituale sind zudem ein Akt der Kommunikation und Teilhabe des Einzelnen an der Gemeinschaft des Lebendigen und am größeren Ganzen.

Übergänge

Der moderne Mensch geht nicht weniger durch die existentiellen Übergänge des Lebens als seine Vorfahren in grauer Vorzeit. Ganz unabhängig davon, ob wir statt an Steinwerkzeugen heute mit Tastaturen, Maus und Flachbildschirm hantieren, sind die Brüche im Leben die gleichen geblieben: Die Veränderungen in Selbstbild und Identität während der Pubertät, des Erwachsenwerdens, der Lebensmitte, in Alter und Tod sind nach wie vor die einzigen sicheren Lern- und Wachstumsstationen im Lebensweg. Doch die Meisten schlingern und schleudern auf der Reise durch das Rad des Lebens, das viele fälschlicherweise für eine gerade Rennstrecke für ewig Jugendliche halten.

Außer den kaum mehr wirksamen kirchlichen Zeremonien zu Kommunion, Konfirmation, Heirat und Begräbnis gibt es in der westlichen Kultur keine gestalteten Übergänge mehr. Weil persönliches Wachstum nicht mehr anerkannt wird, sind Übergänge oft zu gefährlichen selbstgestalteten Mutproben geworden, die nichts mehr bewirken. Der Mangel an gestalteten Übergängen hat nach Ansicht vieler Psychologen dazu geführt, dass wir in einer infantilen, verantwortungslosen, nicht länger mit den Kreisläufen der Natur verbundenen Kultur leben, die einem unreflektierten kindlichen Konsumwahn folgt.

Verbundenheit mit der Natur

Die Visionssuche ist ein tiefgehendes, in vielen indigenen Kulturen verwurzeltes Übergangsritual: Menschen verbringen einige Tage und Nächte allein in der wilden Natur, fastend und ungeschützt, weit weg von den Mauern, Masken und Manieren der Zivilisation. Wer sich der Natur aussetzt, betritt einen Raum des Lernens über sich und die Welt. Jenseits von sozialen Rollen und Normen, nicht abgelenkt durch Medien und Handy, ungetaktet von Terminen und Erwartungen, begegnet jeder nur sich selbst. Dabei wird tatsächlich die Natur zur ‚Lehrerin’ dafür, als Mensch selbst in diesem Netzwerk des Lebens seinen authentischen Platz einzunehmen. Wie hat es Albert Schweitzer formuliert: „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.

Die Natur als Spiegel

Keine Worte, Geräusche nur von den Flüssen und Wind in den Bäumen, das Knistern des Feuers. Klänge der Nacht im Wald, der Ruf des Käuzchens, das Flattern der Fledermaus, das Husten des Siebenschläfers.  Der Geist nimmt in tiefen Zügen ein Orchester von Eindrücken, von Kräften und Systemen wahr und in sich auf: Sterben und Wiedergeburt rundherum, ein Fluss voller Gesundheit, der frei strömt, sich leise singend an Widerständen entlang schlängelt; ein Pfad, der sich durch den Wald windet, erst hierhin dann dorthin. Ein friedliches sanftes Licht zwischen den Bäumen hier, das uns vor Hoffnung lächeln lässt; dunkle Schatten, Schluchten und Sumpf dort, was uns schaudern macht und erinnert an die Abgründe unseres Herzens und den Morast dunkler Gefühle und Wunden. Die Natur verkörpert, was auch wir sind. Sie ist der lebendige Spiegel unserer Gefühle und geistigen Konzepte.

Deshalb kann der Mensch mit dem, was aus der Natur auf ihn zukommt, dazu belehrt werden, den Blick auf sich selbst zu richten. Denn die ungezähmte Natur bietet ihm pausenlos an, nachzuschauen, wie er die Welt gerade formuliert und gestaltet.

Vielleicht spiegelt uns die wilde Natur außen tatsächlich die nicht domestizierten, trockengelegten, kontrollierten Teile unserer Innenwelt. Vielleicht braucht der Mensch die wilde Vielfalt der Symbole im Außen, um sich innen wirklich zu verstehen. Vielleicht schlägt er eine Brücke von der Wildheit draußen zum Sumpf oder Paradies des Unbewussten, wenn er in die Natur geht. Vielleicht ist sie tatsächlich der Spiegel unserer Seele.

Dr. Geseko v. Lüpke, Journalist, Autor, zivilgesellschaftlicher Netzwerker und seit zwanzig Jahren Leiter von Visionssuchen.

www.frei-verbunden-sein.de

Dieser Text ist ein Auszug aus maaS No. 17 NATUR.

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