Schule und dann?

Gerald Hüther

Kinder entdecken sich selbst und die Welt sehr spielerisch. Sie entwickeln ihre Fähigkeiten nach ihren Begabungen. Bis sie in die Schule kommen. Ab diesem Zeitpunkt ist vorgeschrieben, was und wie sie lernen sollen. Kreativität und eigenes Denken bleibt dabei auf der Strecke. Muss das so sein? Und wenn ja, weshalb? Wie kann man Kinder dabei unterstützen, dass sie beim Heranwachsen ihre Berufung erkennen?

Was ist das für eine phantastische Ausgangslage: Unsere Kinder kommen mit einem unglaublich großem Potential zur Welt. In ihren Gehirnen wird schon vor der Geburt und erst recht danach ein riesiges Überangebot an Vernetzungsoptionen bereitgestellt. Deshalb können sie auch alles erlernen, worauf es in ihrer jeweiligen Lebenswelt ankommt. Sie müssen sich dabei noch nicht einmal anstrengen. Sie sind sogar begierig darauf. Es geschieht von ganz allein, angetrieben von ihrer angeborenen Entdeckerfreude und Gestaltungslust. Kinder wollen alles wissen und kennenlernen und ausprobieren und sie tun das ohne äußeren Druck, ganz aus sich selbst heraus. Spielerisch erkunden sie die Welt und ihre eigenen Möglichkeiten. Das entspricht ihrer Natur, ist der biologisch in ihnen angelegte Lernmotor. Das einzige Problem: Dieser Antrieb bringt sie alle, jedes auf seine Weise, immer weiter voran. Aber nicht zwangsläufig auch dorthin, wo es gut für sie und ihre weitere Entwicklung wäre. Deshalb brauchen sie liebevolle, in der Welt schon einigermaßen erfahrene Begleiter, die ihrer Entdeckerfreude und Gestaltungslust eine Richtung geben und ihnen helfen, einen für ihre weitere Entwicklung günstigen Kurs zu halten, also auch all das zu lernen, was später im Leben noch auf sie zukommt und was sie selbst zunächst noch nicht zu überschauen und abzuschätzen in der Lage sind.

„Erziehung“ nennen wir diese Lotsentätigkeit, die allerdings nicht bei allen Begleitern unserer Kinder gleichermaßen gut ausgebildet ist. Es gibt deshalb Kinder, die auf ihrer Kurssuche den Schrullen und Macken, also den bisweilen recht engen Vorstellungen und Überzeugungen ihrer jeweiligen Eltern, Lehrer und Erzieher ziemlich hilflos ausgeliefert sind. Besser wäre es daher, wenn alle Kinder Gelegenheit hätten, mit möglichst vielen und möglichst unterschiedlichen Menschen in einer verlässlichen Orientierung bietenden Gemeinschaft heranzuwachsen. Hier allerdings hilft die Biologie nun nicht mehr weiter, denn die Herausbildung solcher Gemeinschaften ist eine menschliche Kulturleistung. Und bisher ist es uns leider noch nicht so recht gelungen, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass unsere Kinder solche, für die Entfaltung ihrer Potentiale günstigen Gemeinschaften vorfinden. Stattdessen haben wir Bildungseinrichtungen geschaffen, in denen sie all das lernen sollen, was wir für ihr späteres Leben als wichtig erachten. Dort schicken wir sie hin, damit sie gebildet werden. Ein Schulpflichtgesetz sorgt dafür, dass sie auch alle kommen, ein Lehrplan schreibt vor, was sie dort zu lernen haben und speziell dafür ausgebildete Lehrpersonen übernehmen die Aufgabe, ihnen all dieses Wissen beizubringen. Das geschieht in möglichst homogenen Gruppen (Schulklassen) durch Unterricht und ständige Leistungsüberprüfungen. Die finden dann ihren Niederschlag in Form von Zensuren, und wer den besten Notendurchschnitt erreicht, hat die besten Chancen für die begehrtesten Ausbildungsplätze in Unternehmen und Hochschulen.

Kein Schüler und keine Schülerin kann es sich leisten, sich während dieser Schulzeit für irgendetwas zu begeistern und einer Leidenschaft für Schmetterlinge, Tanz oder irgendetwas anderes - oder gar einer inneren Berufung - nachzugehen. Er oder sie würde damit zu viel Zeit verbringen und der Zensurendurchschnitt wäre in Gefahr. So zwingt unser Schulsystem die Schüler, all das, so gut es geht, zu unterdrücken.

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Gerald Hüther