Kraftinsel Lesbos - für Urlauber und Gestrandete

Kraftinsel Lesbos Beautiful lesvos

Fotos und Text: Rena Hoffmann

Lesbos ist eine wunderschöne Urlaubsinsel, aber in diesem Jahr bleiben die Touristen aus, obwohl nur noch ganz selten und vereinzelt Flüchtlinge ankommen. Das geht für viele Einwohner dieser Kraftinsel an die Existenz. Rena Hoffmann hat selbst viele Jahre auf Lesbos gelebt und kennt Land und Leute gut. Vor kurzem hat sie ihre Freunde besucht und berichtet von den Ereignissen der letzten Monate und der aktuellen Situation.

In diesem Jahr nach Lesbos zu reisen, war auch für mich etwas Besonderes. Wie wird die Stimmung sein? Schon zum Empfang am Flughafen bringt unser Fahrer Dimitri das Anliegen der Menschen auf Lesbos freudestrahlend auf den Punkt: „Herzlich willkommen. Wir freuen uns so sehr über jeden Gast.“

„Tag und Nacht haben wir Menschen aus dem Meer gerettet.“
Während er das Fahrzeug durch den Feierabendverkehr steuert, berichtet Dimitri von den Belastungen, mit denen die Inselbewohner in der jüngsten Vergangenheit zu kämpfen hatten. Wie sie selbstlos handelten, um die Menschen zu retten. Tag und Nacht. Monatelang waren sie alleine damit, ohne staatliche Hilfe.  „Manchmal erscheint es mir wie ein Traum, was alles hinter uns liegt. Aber noch mehr beschäftigt uns, was noch vor uns liegt, wenn die Welt uns vergisst und keine Gäste mehr kommen. Es tut mir in der Seele weh, wie sehr diese wunderschöne Insel durch die stigmatisierende Berichterstattung gebrandmarkt wurde.“

Es gibt eine internationale Anerkennung für die Aufopferungsbereitschaft. Stellvertretend  wurden drei Einheimische für den Friedensnobelpreis 2016 nominiert. Doch die Befürchtung bleibt, dass viele Menschen verunsichert sind und einen Besuch auf der Insel meiden. Monatelang war die Insel weltweit in den Schlagzeilen. Vermittelt wurden in erster Linie Bilder von Not. Jetzt herrscht wieder Normalität und die Bewohner hoffen, dass damit auch Besucher einkehren, um sich an dem zu erfreuen, was Lesbos seit jeher zum beliebten Anziehungspunkt gemacht hat: kulturelle Vielfalt, beeindruckende Landschaften und wahre, von Herzen kommende Gastfreundschaft.

 

Philoxenie, das griechische Wort für Gastfreundschaft, bedeutet "den Fremden umarmen".

 

Grillenzirpen und der harzige Duft der Pinienwälder wehen durch die Fenster. Der Golf von Gera glitzert in der Ebene. Dahinter thront „Olympos“, der König der Insel, mit seinen 968 Metern der höchste Berg, bewaldet bis zur Schulter, nur Hals und Kopf ragen steinern heraus. Er ist in eine klimatisch andere Zone eingebettet. Kastanienwälder, Obst- und Pistazienbäume und schattenspendende Laubbäume gedeihen in dieser Region. In Gedanken bin ich im Bergdorf Agiassos, in dem traditionsreich nach überlieferter Handwerkskunst gewebt, getöpfert und geschnitzt wird. Der Magnet des Ortes für Pilger und Hilfesuchende, ist die Kirche der „Agia Panagia“ – der „Heiligen Mutter Gottes“.  Sie beherbergt eine Ikone aus dem 4.Jhd.n.Chr., die wundertätig sein soll.

Auf ein Wunder hoffen die Menschen von Lesbos jetzt auch. Sie warten auf Gäste und dass der moderate Tourismus wieder ins Fließen kommt und endlich die wahren Bilder ihrer Insel wieder in der Welt gezeigt werden. Die Weiterfahrt über die Insel macht deutlich, dass Lesbos nichts von seiner Attraktivität eingebüßt hat. Die Straßen sind gesäumt von leuchtendgelben Ginsterbüschen und immergrünen Olivenbäumen. 12 Millionen dieser zum Teil Jahrhunderte alten Ölbäume wachsen auf der fruchtbaren Vulkanerde. Der Südwind trägt den Duft des aromatischen und begehrten Anis von den Feldern von Lisvori zu uns. Er wird vor allem im Süden der Insel, in Plomari, als Hauptaroma für den weltbekannten Ouzo verarbeitet. Diese wasserreiche Region mit Schluchten, Wasserfällen und goldglitzernden Kieselstränden ist besonders attraktiv zum Klettern und Wandern. In unserem Minibus wird es immer stiller. Es scheint, als seien die Fragen der Mitreisenden von den zauberhaften Anblicken der Insel beantwortet.

 

Wir bitten den Fahrer, in der fruchtbaren Ebene, im Herzen der Insel am Golf von Kalloni anzuhalten. Getreidehalme wiegen sich mit Klatschmohn und Wildkräutern auf den Feldern. Gegenüber in den Salzfeldern haben sich Flamingoschwärme wie an einer langen Tafel zum Abendmahl aufgereiht. Gründelnd stehen sie Spalier. Hinter ihnen eine mehrere Meter hohe weiße Salzpyramide. Die rosaroten Stelzfüße und die artenreiche Vogelwelt von Lesbos werden von unzähligen Vogelkundlern aus aller Welt beobachtet. Dimitri macht einen kleinen Abstecher zur Strandpromenade von Petra. Er ist stolz auf seinen Heimatort und will uns zeigen, wie sauber und gepflegt die Strände sind. Er stoppt kurz bei seiner Frau. Sie reicht uns frisch gefüllte Blumen als fingerfood ins Auto. Eine Spezialität des Frühsommers gefüllt mit Reis. Wie köstlich und das ist typisch griechisch: das Miteinander und die Fürsorge.

 

 

 

 

 

 

In der untergehenden Sonne leuchtet das mittelalterliche Dorf Molyvos. Obenauf thront die Burg aus byzantinischer Zeit. Die Natursteinhäuser mit ihren roten Dächern schmiegen sich malerisch wie Bienenwaben am Berg entlang hinunter zum idyllischen Hafen. Die Agora, von Glyzinien überwachsen, von kleinen Läden und Restaurants gesäumt, zieht sich mit zwei schmalen Straßen durch den Ortskern. Eine licht- und kraftvolle Oase ist hier die Mythos Art Gallery. Der Goldschmied Theofilos Mantzoros blickt von seinem Geschäft über das funkelnde Meer der Ägäis und den friedlich daliegenden Dorfstrand. „Meine Galerie ist mittlerweile Treffpunkt für viele Aktionen.“ Zusammen mit Daniel Angelis, seinem Assistenten, sei er in viele Projekte involviert. „Beim Roten Kreuz haben wir eine Ausbildung gemacht und geholfen, bei Strandreinigungsaktionen mitgewirkt und bei Versammlungen und Aktionen der Hilfsorganisationen teilgenommen. Unser Herzensprojekt ist das Meer. Mit dem Rentner Stratis, einem Profitaucher, haben wir das Sea cleaning-Projekt ins Leben gerufen.“ Im Winter und Frühjahr haben sie das Meer gesäubert.

Ende April 2015 setzte die große Flut der Schutzsuchenden ein. Unermüdlich waren die Menschen von Lesbos im Einsatz, um die Menschen in Not aus dem Meer zu retten und zu versorgen. Sie nahmen ihre eigenen Ersparnisse, um für die Kosten von Essen und Transport aufzukommen. Räumten ihre Kleiderschränke aus, um trockene Kleider an die Strände zu bringen. Organisiert wurde über Handy oder von Haus zu Haus. Nie kam die Frage auf: „Schaffen wir das?“ Es ging um die Rettung von Menschen egal welcher Herkunft. Unzählige Beispiele selbstloser Hilfsaktionen der Insulaner könnte man hier aufführen. Fischer, die statt zu arbeiten, nur noch Menschen aus dem Meer gerettet haben. Oder eine alte Rentnerin mit 350 € Rente, die selbst ihr letztes Brot mit den schutzsuchenden Menschen geteilt hat. Keiner von ihnen hat gejammert. Das sind wahre Helden und die herzlichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Bis September 2015 waren sie allein mit dieser Aufgabe. Dann kamen endlich internationale Hilfsorganisationen und mit ihnen auch die Medienvertreter aus aller Welt. An manchen Tagen,standen mehr Journalisten und Kameraleute an den Ufern bei den Rettungsaktionen als Helfer.

Woher haben die Menschen von Lesbos in dieser Zeit die Kraft genommen? Theofilos: „Es ist die Religion, der tiefe Glaube, der hier lebendig als Fundament der Mitmenschlichkeit gelebt wird. Liebe, Hoffnung, Familie und die Heimat - das sind die wichtigsten Werte. Und vorurteilsfrei zu sein im Miteinander. Die Insel mit ihrer Schönheit, der blaue Himmel und das Meer sind unsere Energiespender. Die Kraftorte, die Klöster, Kirchen, unsere Offenheit und üppige Natur scheinen wohl auch der Grund zu sein, dass hier seit Jahrzehnten spirituelle und Yoga-Seminare mit Menschen aus aller Welt stattfinden. Es gibt unzählige Kraftplätze und eine spürbare Urenergie der Insel, die aus vier Vulkanen entstand. Am Strand von Eftalou kann man in einem alten Kuppelgebäude in einer der gesundheitsfördernden Heilquellen baden. Dies teilen wir alles gerne mit unseren Gästen.“

Für viele Inselbewohner ist jetzt ihre Heimat in Gefahr. Unermüdlich waren sie seit über einem Jahr im Einsatz. Unzählige Leben haben sie gerettet. Alles wieder aufgeräumt und in Ordnung gebracht. Aber die Gäste sind in diesem Sommer ausgeblieben. Viele der Einheimischen haben keine Arbeit. Das trifft ganz einfache Menschen, die ihre Familien ernähren müssen. Ohne Arbeit gibt es keine soziale Absicherung und auch keine Krankenversicherung.

Am letzten Abend meiner Reise begegnet mir ein junger Arzt aus Syrien. Der spezialisierte Orthopäde wartet auf seine Ausreise und erzählt: „Oft sprechen wir über die Situation, in der sich die Inselbevölkerung jetzt durch unsere Flucht befindet. Wir sind ihnen unendlich dankbar und empfinden große Hochachtung und tiefen Respekt, dass sie uns das Leben gerettet haben. Auf unserer Flucht wurde uns hier auf Lesbos zum ersten Mal wieder Herzenswärme und Mitgefühl entgegengebracht. Wenn wir ihnen helfen könnten, würden wir das aus ganzem Herzen gerne tun.“ Ihnen sind die Hände gebunden, aber wir können helfen. Die schönste Art ist sicherlich, seinen Urlaub auf Lesbos zu verbringen. Aber auch mit kleinen Beträgen kann man ganz konkret helfen.

 

Hilfsaktion für das Gesundheitszentrum: Kalloni

Das Zentrum organisiert 17 Arztpraxen und benötigt Geld für die Behandlung und Medikamente Nichtversicherter. Jeder Euro einer Spende auf dieses Konto geht direkt an den ärztlichen Leiter Dr. Naief  Altzaiousi

Konto: Pfarramt Sankt Hildegard/Sankt Michael, Viernheim

Bankdaten: Sparkasse Starkenburg BIC: HELADEF1HEP - IBAN: DE09509514690003089554

Vermerk: Lesbos Hilfe für das Gesundheitszentrum

Spendenquittungen können vom Pfarramt ausgestellt werden.

VIELEN DANK!

 

Dieser Artikel erscheint als "Herzensprojekt" in der Ausgabe des Magazins maaS No. 3 "Leben und Sterben"

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Rena Hoffmann