Ein außergewöhnlicher Bank-Vorstand

Helmut Lind, Bank Vorstand, UML, Unternehmer meines Lebens

Helmut Lind, ein Vorstand der größten bayerischen Genossenschaftsbank, steht für eine achtsame Form der Unternehmensführung. Er zieht eine Gemeinwohlbilanz den sonst üblichen harten Zahlen vor. Seine beeindruckende Philosophie, mit der er die Sparda-Bank München führt, sorgt für viel Aufmerksamkeit in den Medien und in der Öffentlichkeit. In diesem Auszug seines Vortrages auf dem Kongress „Alles im Fluß!“ beschreibt er, wie er vom durchorganisierten Funktionieren umschwenkt zum Fühlen, sich auf das Nicht-Wissen einlässt und damit ungeahnte Reaktionen auslöst.

„Es ist 4:15 Uhr in der Früh, minus 12 Grad, 20 cm Schnee. Die Turnschuhe stehen zwar nicht neben meinem Bett aber eine Etage tiefer. Ich schlüpfe in die Turnschuhe, gehe raus, jogge. Und das sieben Mal die Woche. Das habe ich zwei Jahre geschafft. Ich war so perfekt organisiert, dass ich nicht nur meinen Job und den Beruf organisiert habe sondern ich habe auch mein Privatleben perfekt organisiert. Ich wusste, wie viele Bücher ich im Jahr lese. Ich wusste, wie ich meine Beziehung in einem Management-Kontext im Sinne von Zeitmanagement am besten ausrichte. Es war so perfekt, dass ich mich gefragt habe: Ist das das Leben? Die Antwort war relativ schnell klar. Im ersten Kontext kam die Frage dazu:

Vor was laufe ich eigentlich weg? Vor meinen Gefühlen. Und so sind viele andere auch in einer Generation groß geworden, in der die Eltern nicht über Gefühle gesprochen haben. Genauso hat mein Management funktioniert.

Für mich war die große Herausforderung, wie ich das über die Jahre verändern kann. Ich möchte ein Beispiel nennen: Bei der  Vertreterversammlung, das ist wie die Hauptversammlung für eine Aktiengesellschaft, gab es in diesem Jahr eine schwierige Entscheidung. Wir haben in den letzten Jahren immer besser verdient und auch in diesem Jahr einen sehr guten Geschäftsabschluss gehabt. Aber wir wollten die Dividende weiter senken. Ich habe alles schön vorgetragen und alle Details präsentiert. Nun sind die Vertreter sind nicht alle automatisch einverstanden. Also steht wie jedes Jahr die gleiche Person auf, geht ans Mikro und stellt ganz viele Fragen. In meinem Kopf: „Das kann nicht wahr sein. Hat der nicht zugehört. Das hab ich doch gleich geahnt. Die Fragen sind sowieso schon vorformuliert, denn sie gehen überhaupt nicht auf meinen Vortrag ein.“ In diesem Moment habe ich einen Druck am unteren Bauch im Solarplexus. Ich weiß genau, das ist eine gute Voraussetzung anschließend die Fragen zu beantworten, mit diesem „Radio im Kopf“. Was mache ich? Ich gehe nach innen und sammle mich. Ich habe die Fragen mitnotiert, stehe dann langsam auf. Während ich zum Mikro gehe, bin ich voll in der Aufmerksamkeit an dem Punkt in meinem Bauch. Der löst sich mit der Zeit auf, allein durch die Aufmerksamkeit. Innerlich ist mir klar: Egal was du jetzt vorbereitet hast, es ist alles Käse. Geh voll in das Nicht-Wissen. Dann lass dich einfach leiten von dem, was in dir ist.

Das erste, was kam, war das Gefühl: Ich bin schockiert. Also sage ich: „Ich bin schockiert.“ Pause.

Weiterlesen im Magazin maaS No. 1  Beruf und Berufung

 

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Tilo Wondollek