Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei

Prof. Gerald Hüther über die Potentialentfaltung in Gemeinschaften

Gerald Hüther über das neue Wir

Was ein einzelner Mensch zu leisten imstande ist, wenn er sich entsprechend anstrengt, wissen wir nicht nur aus sportlichen Wettkämpfen. Höchstleistungen vollbringen auch Ingenieure, Wissenschaftler, Künstler und bisweilen sogar Politiker. Aber wie in so vielen anderen Bereichen, wo die Leistungen Einzelner entscheidend für das Erreichte sind, gibt es auch hier sog. „Deckeneffekte“. Irgendwann ist Schluss, dann geht es allein nicht mehr besser und weiter. Dann ist die Grenze des Menschenmöglichen auf individueller Ebene erreicht. Mehr geht dann nur noch gemeinsam. Wer also mehr will als nur das, was ein Einzelner zu leisten vermag, muss sich gemeinsam mit anderen auf den Weg machen. Dazu müsste er sich allerdings mit den anderen einigermaßen verstehen, sie nicht als seine Konkurrenten, sondern als seine Partner und Weggefährten verstehen und ihnen auch so begegnen. Nach einer Epoche des Einzelkämpfertums fällt das vielen noch recht schwer.

Erkenntnisse der Hirnforscher

Hilfreich für den dazu erforderlichen Bewusstseinswandel ist hier sicher ein Blick auf die Erkenntnisse der Hirnforscher. Sie zeigen uns, dass kein Mensch irgendetwas lernen, ja noch nicht einmal überleben kann, wenn ihm dabei – zumindest anfangs – andere nicht zur Seite stehen, ihm ihr Wissen und Können, ihre Erfahrungen und Kenntnisse, ihren Schutz und ihre Unterstützung zur Verfügung stellen. Alles, was wir als Erwachsene wissen und können, haben wir von anderen übernommen. Wir sind soziale Wesen. Unser Gehirn ist ein soziales Konstrukt. Individuell sind wir alle einzigartig, aber das konnten wir nur dadurch werden, weil es andere gab, die uns dabei geholfen haben. Wir sind also auf die Gemeinschaft und den Austausch mit anderen angewiesen.

Gemeinschaften und ihre Potentiale

Und tatsächlich haben sich ja auch in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Gesellschaft Gemeinschaften herausgebildet, in denen Menschen zusammen leben, lernen und arbeiten. Das Spektrum solcher Gemeinschaften reicht von Familien über Wohn- und Hausgemeinschaften, es umfasst Vereine und Verbände, Teams und Arbeitsgruppen, Lern- und Lebensgemeinschaften u.v.m. Jeder Mensch ist auf die eine oder andere Weise in solche Gemeinschaften eingebunden. Hier entdeckt er seine Talente und Begabungen, entfaltet seine Potentiale, erwirbt spezifisches Wissen und besondere Fähigkeiten. Wie gut das gelingt, hängt von der Qualität der Beziehungen der Mitglieder dieser jeweiligen Gemeinschaft ab. Und die ist in der Mehrzahl unserer gegenwärtigen Gemeinschaften zu wenig unterstützend, zu wenig ermutigend, geschweige denn inspirierend. Die Verbesserung dieser in bereits bestehenden Gemeinschaften herrschenden Beziehungskultur wäre also eine Grundvoraussetzung für die Entfaltung der in jedem einzelnen Mitglied, wie auch in der ganzen Gemeinschaft angelegten Potentiale. In Gemeinschaften, in denen das nicht gelingt, können weder Einzelne noch das ganze Team jemals über sich hinauswachsen. Sie treten auf der Stelle, bewahren und verstärken nur das, was schon ist, entwickeln sich also nicht weiter. Aus dieser Überlegung heraus und um Gemeinschaften dabei zu unterstützen, diese günstigere Art des Umgangs miteinander zu entwickeln und zu stabilisieren, haben sich Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengefunden und eine Akademie gegründet (www.akademiefuerpotentialentfaltung.org).

Vom Objekt zum Subjekt

Das Ziel der Arbeit dieser Akademie ist die Transformation unserer gegenwärtig herrschenden Beziehungskultur, in der wir uns noch immer allzu oft gegenseitig zu Objekten unserer Bewertungen, Erwartungen, Absichten, Ziele oder Maßnahmen machen. Es geht also um die Herausbildung und Stärkung kleiner, überschaubarer Gemeinschaften, deren Mitglieder einander auf eine hilfreichere, ermutigendere und inspirierendere Weise begegnen als bisher.

Wie das gelingen kann und wie die Herausbildung solcher Gemeinschaften von der Akademie unterstützt werden soll, haben wir auf der o. g. Website zusammengestellt. Die Akademie ist als gemeinnützige Genossenschaft aufgebaut und versteht sich selbst als Potentialentfaltungsgemeinschaft. Mitglied kann werden, wer sich dafür interessiert und dieses Vorhaben mit voranbringen will. Die Akademie will all jenen Personen eine Plattform für Begegnungen und Austausch, für Aktivitäten und Initiativen bieten, denen der Aufbau einer Kultur der Begegnung in lebendigen Gemeinschaften am Herzen liegt und die etwas dafür tun wollen, dass unsere ökonomisierte und funktional durchorganisierte Welt wieder lebendig wird, indem an vielen Orten kleine Potentialentfaltungsgemeinschaften entstehen, die deutlich machen, dass wir auch anders und weitaus glücklicher zusammenleben, lernen und wirksam werden können.

Auszug aus dem Magazin maaS No. 1 "Beruf und Berufung"

maas magazin no. 1 beruf unf berufung

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Prof. Dr. Gerald Hüther